Albi – Ein Hauch grüne Revolution in Frankreich

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Die südfranzösische Stadt Albi will bis 2020 die Selbstversorgung mit Lebensmitteln erreichen. Alle Einwohner sollen in einem Umkreis von 60km Zugang zu Nahrungsmitteln aus regionalem Anbau haben.

Text © Stefanie Eisenreich. Bilder © F. Guibilato – Ville Albi. Der Artikel erschien auch in der Herbstausgabe des Magazins ParisBerlin (Oktober 2016).

Frankreich zählt nicht gerade zu den Ländern, die für ihr Umweltbewusstsein bekannt sind. Noch immer setzt man auf Atomenergie, Mülltrennung bleibt vielen Haushalten fremd und Fleisch und Fisch kann sich ein Großteil der Franzosen nicht vom Speiseplan weg denken. Doch nach und nach erreicht die grüne Welle auch die Grande Nation. Allen voran seit Anfang dieses Jahres die zwischen Toulouse und Montpellier gelegene Stadt Albi. Die will innerhalb der nächsten vier Jahre die Selbstversorgung mit Lebensmitteln erreichen. Für eine Stadt mit knapp 51.000 Einwohnern eine ambitionierte Aufgabe.

Transition Town als Antwort auf den Klimawandel

Umweltkatastrophen, Erderwärmung, Peak Oil und Wirtschaftskrisen bestimmen mittlerweile – global gesehen – einen großen Teil unseres Alltags. Medien berichten noch immer regelmäßig über den Klimawandel, Ressourcenknappheit und deren Auswirkungen. Große Fragen stellen sich also: Wie könnte unsere Gesellschaft ohne Erdöl aussehen? Welche Möglichkeiten haben wir, Ressourcen und Umwelt zu schonen und doch kein Gefühl von Verzicht erleben zu müssen? Und wie kann jeder Einzelne zu einer nachhaltigen Gesellschaft beitragen? Entstanden ist daraus eine mittlerweile weltweit aktive Initiative – die Transition-Town-Bewegung oder, auf Deutsch, Städte im Wandel.Zu denen gehört nun auch Albi. Die südfranzösische Stadt hat sich zum Ziel gesetzt, kurze Wege zu schaffen und damit die Umwelt zu schonen. Auch will sie die Qualität der konsumierten Produkte verbessern und im Falle einer Lebensmittelkrise die Versorgung der Stadt sichern. Und Albi steht damit schon längst nicht mehr alleine da. Auch im Norden Frankreichs widmet man sich in Rennes diesem Konzept der Selbstversorgung.
Wie das für eine ganze Stadt gehen soll? Ganz einfach. Man setzt dort auf die städtische Landwirtschaft. Nach dem Vorbild der internationalen und aus England stammenden Bewegung Incredible Edible, die sich in Frankreich Les Incroyables Comestibles nennt, entstehen im gesamten städtischen Einzugsgebiet Gemeinschaftsgärten. An der Universität, vor dem Krankenhaus oder auf kleinen terrassenartigen Vorgärten großer Wohnhäuser – überall dort, wo der Boden genutzt werden kann, wird Platz für Obst und Gemüse geschaffen. Und jeder kann sich kostenlos im Stadtbeet bedienen.

„Der Boden gehört uns,“ sagt die 37jährige Claire, junge Mutter und überzeugte Gemeinschaftsgärtnerin, bestimmt. „Wir müssen endlich aufhören, uns etwas vorzumachen. Wir können alle etwas für unsere Umwelt tun.“ Eine Utopie würde Mancher vielleicht sagen, doch in Städten wie Albi ist das Konzept der Incredible Edible und der Transition Town Bewegung sehr konkret. Rund um die Region des Tarn erstreckt sich eine riesige, nicht bebaubare Brachfläche von 73 Hektar. Mit dem Fahrrad ist das Gebiet vom Stadtzentrum aus in 15 Minuten zu erreichen. Hier draußen entsteht für die Bewohner der Stadt ein echtes „Gemeinde-Laboratorium.“ Jeder kann sich hier ansiedeln und sich als „Stadtbauer“ austoben. Die Gemeinde erwirbt auf dem Weg des Vorverkaufsrechts Land. Dann verpachtet sie für nur 70 Euro im Jahr kleine Parzellen bis zu einem Hektar an freiwillige Neulinge im Gemüseanbau. Diese wiederum verpflichten sich, das angebaute Gemüse auf dem lokalen Markt anzubieten. Neben der Nutzung der Brachflächen, trage man so auch dazu bei, Menschen aus verschiedenen sozialen Milieus zusammen zu bringen, beschreibt Henri Bureau, Mitglied der Incroyables Comestibles in Albi, nicht ohne Stolz.

„Ich will keine Produkte aus weiter entfernten Gegenden verbieten, aber die Kohlenstoffbilanz geht uns alle an.“Jean-Michel Bouat, stellvertretender Bürgermeister von Albi

Natürlich erfordert diese Art der Stadtentwicklung ein Umdenken, das nicht von Heute auf Morgen umgesetzt werden kann. „Ich will keine Produkte aus weiter entfernten Gegenden verbieten, aber die Kohlenstoffbilanz geht uns alle an,“ sagte Jean-Michel Bouat der französischen Tageszeitung Le Figaro Anfang dieses Jahres. Der stellvertretende Bürgermeister sieht sich selbst als Ökopo-Aktivist. Er engagiert sich für die „ökonomischen Potentiale der Anpassung an den Klimawandel.“ In seinem Amt ist er für die nachhaltige Entwicklung Albis und damit auch für das Projekt der zukünftigen Selbstversorgung der Stadt verantwortlich. „Das ist ein positiver Prozess, der es uns erlaubt, die Produktion in eine andere Richtung zu lenken.“
Und nicht nur das: Städte wie Albi oder Rennes werden zeigen, dass die Idee keine Utopie bleiben muss, sondern Realität werden kann. Da eine Stadt aber mehr als Gemüse und Obst braucht, um sich selbst zu versorgen, muss das Umdenken darüber hinaus gehen. Der nächste Schritt betrifft also auch Konsumgüter wie Fleisch oder andere Tierprodukte. Und wer weiß, vielleicht geht Albi in vier Jahren noch weiter und schafft dann eine lokale Währung oder bezieht Energie nur noch aus erneuerbaren Quellen?

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