Anarchie auf Frankreichs Zebrastreifen

In Gesellschaft by Petit piaf0 Comments

In einigen, manchmal unerwarteten Bereichen, unterscheiden sich Frankreich und Deutschland ganz besonders. So zum Beispiel in der Art und Weise, wie man Strassen überquert. Hier einen kleinen Einblick in Frankreichs Interpretation des Ampelmännchens.

© Marie Urdiales. Foto © Sandra Czok. www.jugendfotos.de

In meinem Viertel gibt es einen Fußgängerübergang, den mag ich besonders gerne . Es ist sozusagen mein soziologischer Zebrastreifen. Manchmal, wenn mir ein bisschen langweilig ist, setze ich mich auf einer Bank und beobachte da mein lustiges Völkchen. Neulich z.B., es war an einem Markttag, standen auf beiden Seiten der Straße Menschen. Das mit dem Markttag ist wichtig, denn mein Viertel war voller als sonst und ausnahmsweise herrschte ein bisschen Verkehr. Die Menschen warteten auf grün, um die Straße überqueren zu können. Es wurde rot für Autos, die Autos hielten, es wurde grün für die Fußgänger, die Fußgänger gingen. Nach wenigen Minuten änderte es sich, der Ampelnatur gemäß : Das Ampelmännchen wurde rot, die Fußgänger hielten, die Ampel wurde grün, die Autos fuhren los. Und genau in dem Augenblick, mit einer Präzision, die man uns Franzosen gar nicht zutraut, kam eine Frau aus dem Postbüro und überquerte die Straße. Einfach so. Ohne das Ampelmännchen auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie schien es nicht mal besonders eilig zu haben, nein ! Sie wollte die Straße in dem Augenblick überqueren, und da war ihr alles andere eben Sch… egal. Natürlich geschah da, was kommen musste nämlich : das erste wartende Auto fuhr an, als die Frau gerade auf die Straße schritt, und natürlich musste der Fahrer ziemlich reaktiv bremsen, um der guten Frau nicht das Kniegelenk aus den Nasenlöchern zu knallen ! Die Frau erreichte heil die andere Straßenseite und was geschah ? Schimpften die Passanten etwa mit dieser leichtsinnigen Fußgängerin, die da bei rot über die Straße gelaufen war ? Nein ! Natürlich nicht ! Das Volk brüllte den Autofahrer an, der bei grün losfahren wollte !

What else ?

Nach diesem lustigen Vorfall aus meinem geliebten Viertel bewegte ich mich heimwärts, darüber grübelnd, dass mein Volk doch einen recht eigenen Umgang mit Regeln und Gesetzen pflegt. Aber warum ? Wann fängt es an ? Ist es prinzipielle Abneigung gegen Bevormundung? Eine Geisteshaltung ? Ein Anspruch auf individuelle Freiheit ? Immer noch sinnierend kam ich an die nächste Ampel. Große Kreuzung, echt dicke Sache. Ein Vater schritt mit seinem Kind auf einen der Zebrastreifen zu, das Ampelmännchen war noch grün, das Kind, ganz klein. Etwa ein Meter vor der Straße wurde das Ampelmännchen rot, man hörte die Motoren rauschen, ganz wild schon auf den Start, da packte der Vater das Kind noch fester an die Hand, und legte los.

– Cours Louis ! Cours !

Und sie rannten los und überquerten die große Straße, das Ampelmännchen, rot, das Kind, klein, und ich zuckte mit den Schultern und ging nach Hause.

Leave a Comment