Spaziergang

In Reisen, Sehenswertes by Petit piaf0 Comments

Ganze 30 Kilometer von der Mittelmeerküste entfernt streckt er seinen Gipfel gen Himmel. Doch selbst aus dieser Entfernung gilt der Pic Saint Loup für poetische Seelen als gutes Wetteromen.

© Marie Urdiales © Photos: 1) hérault-tourisme.com 2) tourisme-picsaintloup.fr

„Regarde! On voit le Pic!“ Sieh mal, man erkennt den Gipfel… Unnötig zu betonen, welchen. Denn wenn der Himmel vom kalten Mistral glasklar gefegt wurde und die Sonne endlich wieder die Oberhand gewinnt über maritime Nebelschleier, dann schleift der Blick wie magisch angezogen in seine Richtung. An manchen Tagen gar, so wird erzählt, wird selbst der ansonsten so flotte französische Verkehr auf Schnellstrassen und Autobahnen langsamer, weil dort, am Fuße der Cevennen, der Pic Saint Loup wieder sichtbar wird. Ihn als majestätisch zu bezeichnen wäre allerdings übertrieben, denn mit seinen knapp 658 Metern ist er nicht mal der höchste Gipfel der Region. Die Pyrenäen im Westen und die Cevennen im Norden sind eine viel zu ernste Konkurrenz für ihn. Aber überall im Languedoc ist es sein Name, der zuerst fällt wenn nach dem größten Berg gefragt wird. Vielleicht, weil das französische Herz immer schneller schlägt, wenn von Liebe die Rede ist. Und von Liebe, von tragischer gar, handelt die Geschichte vom Pic Saint Loup. Drei Brüder waren es einst, so erzählt man, die sich in das gleiche Mädchen verliebten. Um der Schönen die Entscheidung zu erleichtern zogen Guiral, Alban und Thieri Loup in die Kreuzzüge. Doch als sie zurückkamen war, ach, die Holde schon gestorben. Aus Gram zogen sich die drei Brüder auf je einen Gipfel zurück. Seitdem, so der Glaube, erinnert der höchste der drei mit seinem soliden Gestein an die Zerbrechlichkeit menschlicher Gefühle. Weniger romantisch veranlagte Zeitgenossen finden ihn einfach schön…

Ein kühles Tal in der Garrigue

Die Menschenhorden der Küste flüchtend suchen immer mehr Liebhaber des Hinterlandes die Kühle der Flüsse, die sich durch die Täler um den Pic Saint Loup schlängeln. Touristisch ist die Gegend kaum erschlossen, die Entdeckung erfolgt eher gemütlich, im Schlendern, und oft fast zufällig. Weil man von der Strasse aus eine schöne kleine Kirche entdeckt, oder weil ein unscheinbares Schild am Wege ein Schloss aus dem 12. Jahrhundert ankündigt, hält man einfach an und verweilt ein wenig. Oft genug raubt die Überraschung dem Besucher den Atem. Folgt man zum Beispiel dem Fluss Hérault aufwärts Richtung Ganges, stößt man nach einer sanften Kurve unerwartet auf Laroque, ein kleines Dorf aus dem Mittelalter, das noch zahlreiche Spuren der ehemals weltberühmten Seidenspinnereien aufweist. Zwar ernähren sich hier längst keine Raupen mehr von saftigen Blättern, doch die Spinnerei ist noch zu besichtigen, ebenso wie Schmuckstücke romanischer Architektur. Faulere Zeitgenossen genießen derweil an den Terrassen mit Blick auf den scheinbar trägen Fluss regionale Kost, während kleine Gruppen stiller Kanufahrer gemütlich zwischen imposanten Kalkwänden den Strom runterpaddeln. Unaufdringlich, ruhig, besinnlich erobert man diese Gegend. Und ist erstaunt zu erfahren, dass hier, am Pic Saint Loup, einer der besten Weine des Languedocs produziert wird. Denn nur selten erspäht man hier und da Rebenland, so sehr scheinen hier grüne Flussufer und Garrigue, diese nach Thymian und Rosmarin duftende Erde, vorzuherrschen. Doch genau das macht den Wein aus: kleine Anbauflächen, nicht ausschließlich auf Weinbau ausgerichtet, den Rücken vom Pic geschützt, nach vorne offen Richtung Mittelmeer… Hier fällt der herbstliche Regen just in der Richtigen Dosierung, ohne die an der Küste so gefürchteten Überschwemmungen nach sich zu ziehen. Hier scheint die Sonne heiß, doch nie ohne sanfte Brise. Hier sind die Winter kalt genug, um die Rebenstöcke gesund zu halten, doch einfrieren tun sie nicht, die Syrah-, die Grenache- und die noblen Mourvèdre-Trauben. Die Weine sind vollmundig und fruchtig, schmecken auf dem Gaumen nach Meeresluft und Kräuter, und sind, inmitten der „AOC Coteaux du Languedoc“ zu denen sie zählen, einmalig in der Farbe.

Hier lebt man mit den Menschen, übernachtet in Gästezimmer und gleicht sein Tempo dem trägen Gesang der Grillen an.

So selten touristisch ausgerichtete Veranstaltungen in dieser Gegend sind, so außergewöhnlich sind sie auch. Die wahrscheinlich erfolgreichste unter ihnen ist „Les Vignes Buissonnières“, jedes Jahr im Juni von der Winzergenossenschaft organisiert wird. „Les Vignes Buissionnières“, das ist ein unübersetzbarer Ausdruck, mit dem Franzosen geschwänzte Schultage und ein großes Freiheitsgefühl verbinden. An diesem Tag spaziert man durch verschiedene Gemeinden des Gebietes und kostet unterwegs Weine und kleine Menüs eines Zwei-Sterne-Restaurants. Über tausend Besucher wollen diese Begegnung mit Wein und Menschen inzwischen nicht mehr missen, die Voranmeldungen laufen bereits. Dieses Jahr führte der Weg auch durch Claret, wo ein altes Handwerk seit einigen Jahren zu neuem Leben erwacht. „Le chemin des verriers“, der Weg der Glasbläser, verkünden bescheidene Schilder am Straßenrand. Denn hier, am Fuße des Pics, befand sich im 13. Jahrhundert die Hochburg dieser Kunst. Heute unterstützen die Gemeinden die Rückkehr ihrer Künstlerkinder, in Claret hat man ihnen gar ein ganzes Zentrum eröffnet. Hier herrschen nun Glasbläser aus aller Welt über ihren Feuerzauber, während ein paar Kilometer weiter, in malerischen, nahezu unbekannten Vacquières, drei Mitglieder dieser alten Gilde sich niedergelassen haben. Hier, wie nahezu überall im Hinterland, ist das Bemühen klar erkennbar, dem Besucher Qualität zu bieten. Die zahlreichen, nahezu unberührten Dörfer aus dem Mittelalter, von denen Saint-Jean-de-Cuculles zu den schönsten zählt, locken nicht mit sommerlichen Massenveranstaltungen, und auch Hotels sind eher rar. Hier lebt man mit den Menschen, übernachtet in Gästezimmer und gleicht sein Tempo dem trägen Gesang der Grillen an. Und richtet immer wieder, so wird versichert, den Blick dankbar zum Pic Saint Loup….

Erste Anlaufstelle ist das Tourismusbüro der Stadt Montpellier, www.ot-montpellier.fr. Für die Glasbläserroute, siehe unter: http://www.herault-tourisme.com/articles/sur-les-traces-des-gentilshommes-verriers-92-1.html. Die Winzergenossenschaft schliesslich findet man, ebenfalls in französischer Sprache, unter www.pic-saint-loup.com.

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