Bude

In Sehenswertes by Petit piaf0 Comments

Jedes Jahr im April beginnt im Süden Frankreichs pünktlich zu Saisonbeginn die Zeit der sogenannten Paillotes. Kein Auge bleibt verschont, kaum ein ahnungsloser Tourist kommt an ihnen vorbei. Es ist Sommer!

© Marie Urdiales/ Fotos © Jean-Luc Fauquier.

In einer Gegend, in der man fast übergangslos von Herbst zu Sommer und zurück lebt – Winter ist hier lediglich ein etwas kühlerer Herbst und Frühling bestenfalls ein meteorologisches Konzept – in so einer Gegend also gibt es ein paar Zeichen, die nicht trügen wenn es so weit ist, auf Sommerzeit umzustellen. Es ist eindeutig, weil einem heute früh, als man die Läden gierig aufgerissen hat, zwei-drei Geckos vor der verschlafenen Nase gepurzelt sind. Und purzelnde Geckos in der Frühe bedeuten, dass es endlich wieder warm wird. Ein anderes untrügbares Zeichen ist es, wenn man morgens in aller Frühe glücklich und entspannt am Strand entlang joggt, und plötzlich und unerwartet über eine Art Baustelle im Sand stolpert. Überhaupt der Saisonwechsel hier: es gibt zwar durchaus so eine ungefähre Richtung, zu welcher Zeit etwa es stattfindet (im April ist es plötzlich warm, im Mai regnet es noch viel, Juni Juli August kann man tropische Temperaturen erleben, bis Ende Oktober noch baden, im Dezember bläst einem eiskalter Wind um die Ohren…) und doch ist der Mensch hier jedes Jahr immer wieder auf’s Neue überrascht. Soviel zur Nähe des menschlichen Gedächtnisses mit dem des Goldfisches, denn plötzlich und unerwartet stolpert der Jogger also am Strand über eine Baustelle und da weiß er es wieder: es ist April, und die Saison der „paillotes“ hat begonnen. Les paillotes, das sind diese mehr oder minder schicken Strandlokale die sich von April bis Ende August wie Fertigbau-Perlen am Strand reihen, und zwar an der gesamten Küste entlang. Sie haben eine lange Tradition, die u.a. von Frankreichs lange Zeit doch recht unbeschwerten Umgang mit Gesetzen zeugt. So existiert zwar bereits seit Ende der 70er Jahre eine Verordnung zum Schutz der Strände und Küsten, doch so richtig störend fanden es die Einwohner der Badeorte lange nicht. Fast alle waren der Meinung, an jedem vernünftigen Mittelmeerstrand gehöre nun mal auch eine „paillote„, es gab sogar eine Art „paillote Kültür„, u.a. von Brigitte Bardot & friends an der Riviera etabliert, und so blühten in den 80er und 90er Jahren alle möglichen Lokale am Strand, von der Pommes Bude bis hin zum Schicki Micki Laden. Sie fanden auch alle regen Zulauf, und wen wundert’s: wer schon mal ein kühles Getränk mit Blick auf’s Wasser genossen hat weiss, wie schee es sein kann, in einer paillote. Problem: da keiner so rechtens was sagte, wurde aus so mancher Pommes Bude ein schniekes Einfamilienhaus am Meer,  bis irgendwann mal ein paar Spassverderber von Ökofreaks meinten, an besagte Gesetzgebung erinnern zu müssen. Es folgten herzzerreissende Abrissaktionen von Strandlokalen, die BBs Stammladen in St Tropez in nichts nachstanden. Nur dass eben keine Filmstars da waren, um sich tapfer vor den Raupen der Abrissfahrzeuge zu werfen.

Man kann sich dort Liegestühle mieten und auf dem Pöbel mit den Handtüchern herabschauen.

Kurz und gut, lange wurde um, für oder gegen argumentiert, schliesslich musste aber auch der grössten Einnahmequelle der Region, nämlich dem Touristen, was geboten werden, und seit einigen Jahren erlebt der Strandjogger also, dass eines schönen Morgens plötzlich wieder Terrassen da auftauchen, wo gestern noch blanker Sand im Sonnenlicht glänzte. Die paillotes sind nicht jedermanns Sache. Eigentlich kann man sogar in der lokalen Bevölkerung eindeutig zwei Parteien identifizieren: die Pros, und die Kontras. Die Pros lieben paillotes, weil es schick ist. Man kann sich dort Liegestühle mieten und auf dem Pöbel mit den Handtüchern herabschauen. Man kann Stand Up Paddle testen, und sich von dem Pöbel auf den Handtüchern auslachen lassen. Man bekommt (sofern man dafür bezahlt natürlich) Cocktails, Knabbernüsschen und einen Sonnenschirm. Man kann hier zu Mittags essen (manchmal gar nicht mal schlecht). Aber so richtig witzig wird’s in den paillotes vor allem abends. Dann gehen nämlich auf den Terrassen die bunten Lichterketten an, die Musik dröhnt aus den Boxen, und es wird gefetet, dass der Delphin kracht.
Die paillotes haben oft was thematisches an sich. Manche sind z.B. jeden Abend im Disco Fever, und so erstaunlich man es auch finden mag, die Bee Gees gelten immer noch (oder wieder) als super modern. Andere stehen mehr auf Techno, einige bieten Easy Listening, oder Lounge, Geschmäcker gibt’s ja bekanntlich wie Sand am Meer. Richtig schicke paillotes organisieren entsprechend auch gleich ganze thematische Abende, wobei man hier bedauern kann, dass der „all in white dress code“ Jahr für Jahr für so unrühmliche wie eintönige Klamottenschauen sorgt. Aber sei’s drum: wer das etwas feierliche und zugleich erschwingliche Schicki Micki Ambiente mag (und im Urlaub kann es ja durchaus etwas entspannendes haben!) der kann sich ruhig an der recht kompletten Liste der lokalen Wochenzeitung La Gazette orientieren.

Wer aber lieber seine Ruhe hat und Strandlokale für so überflüssig hält wie Jet Skis, der sollte sich einer der zahlreichen Opposentengruppen anschliessen, die Jahr für Jahr in der Nähe der paillotes grosse Picknicks organisieren. Hier läuft es nach dem Motto jeder bringt was mit und egal in welcher Farbe man sich kleidet, im Kerzenlicht sieht’s eh keiner. Aber so kann man auch kostenlos von der Musik profitieren, und die Lautstärke regulieren, indem man sich mehr oder weniger nähert. Wenn es spät genug ist schleicht sich dann schon mal der eine oder andere auf die Tanzfläche der Strandlokale.
Der Sommer dauert aber auch hier nur eine bestimmte Zeit, und eines Morgens Anfang September stolpert der Jogger wieder über reinen Sand…

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