Deutsch elitär? Von wegen!

In Sprache by Petit piaf0 Comments

Deutsch gilt in Frankreich als elitäre Sprache. Doch ist ein Volk, dessen Sprache zu den kompliziertesten gehört, wirklich berechtigt, eine solche Aussage zu machen? Oder steckt vielleicht etwas anderes dahinter?

© Marie Urdiales

Vor wenigen Monaten kam sie in Frankreich wieder auf, die Diskussion um den elitären Charakter der deutschen Sprache (siehe auch auf diesem Blog). Grob gesagt beruht dieser Ruf darauf, dass die famose Sache mit dem mörderischen Dativ und seinem Opfer, dem Genitiv, den Franzosen mit ihren gerade mal zwei Kasi ohnehin suspekt ist. Auch, dass es über Maskulinum und Femininum eine dritte Variante, eine Art grammatisches Transgenre gibt, das auch noch Neutrum ist, widerspricht unserer doch recht bisexuellen Konzeption der Welt. Männlein/Weiblein, wie das in katholisch geprägten Ländern halt so üblich ist, für neutrales ist da kein Platz.


Entsprechend, so die weitere Wurzel des elitären Rufes der Sprache Goethes , wurden lange Jahre nur sehr gute Schüler mit dem Erlernen des Deutschen konfrontiert. Die, die schon Latein und/oder Griechisch paukten. Die, die mal Medizin studieren wollten. Die, die von klein auf eine Brille trugen, in ihrer Freizeit am liebsten Bücher lasen, und die man manchmal gar a bisserl zu preussisch-gehorsam fand, in einem Land, in dem Autorität zwar ein pädagogisches Werkzeug ist, Widerstand gegen so ziemlich alles aber als normaler Charakterzug gilt.
Die deutsche Sprache, kompliziert und elitär also.
Das kann man als Franzose auch eine Zeit lang stehen lassen, bis man sich selbst mit den Feinheiten der eigenen Sprache auseinander setzen muss. Die Beispiele sind so zahlreich, wie die Ausnahmen zu allen grammatischen Regeln, doch nehmen wir einfach mal, Enemenemuh, das Plural.
Sie haben also einen grünen Apfel, une pomme verte. Soweit, so einfach. Nun kaufen Sie aber noch einen Apfel dazu, und zwar auch einen grünen. Jetzt haben Sie also zwei grüne Äpfel. Deux pommes vertes. So, jetzt aber holen Sie ein orangefarbenes Messer, um damit Ihren ersten grünen Apfel zu schälen. Sie haben jetzt une pomme verte, et un couteau orange. Kommt, so gaaaaaanz zufällig, Ihr bester Freund vorbei und möchte gerne den zweiten grünen Apfel schälen. Sie reichen Ihm, selbstverständlich, ein zweites, orangefarbenes Messer. Und dennoch haben sie nicht etwa deux pommes vertes et deux couteaux oranges, sondern deux pommes vertes et deux couteaux orange. Ohne S. DENN : die Regel lautet : « ist ein Farbadjektiv auch ein Gegenstand (wir orange/Orange) wird es im Plural nicht angeglichen, und bekommt kein S“. Mit „orange“ mag das ja noch ganz einfach erscheinen, aber versuchen Sie’s mal mit „marron“ (braun) wenn Sie nur Kastanien kennen. Das bringt Ihnen sicherlich keinen Strauss „roses rose“ ein…

Deutsch elitär? Das kann nur jemand behaupten, der eine der kompliziertesten Sprachen der Welt in die Wiege gelegt bekam!

Zumal dies für jeden Tag der Woche gilt. Montags, dienstags, mittwochs… Tous les lundis, tous les mardis, tous les…
Hehehe ! Wäre viel zu einfach, wäre es so einfach! Denn :
Folgt diesem Tag eine Zeitbeschreibung, wie z.B. Woche, muss man die Anzahl der Tage in dieser Zeitspanne zählen. In einer Woche gibt es nur einen Montag, und man schreibt: le lundi de chaque semaine.
Nehmen wir aber die nächstgrößere Zeiteinheit, den Monat. Da haben wir mehrere Montage. Findet jeden ersten und dritten Montag ein Treffen statt, schreibt man: les premier (ohne s) et les troisième (ohne s) lundis (mit s) de chaque mois. Da es nur einen ersten und nur einen dritten Montag im Monat gibt, bleiben diese Wörter singular, wären lundi einen Plural-s bekommt. Allerdings schreibt man: tous les lundi (ohne s) et mardi (dito) de chaque semaine. Denn es gibt nur einen pro Woche. Zusammen aber ergeben sie einen Plural. Daher les.
So, kleine Zwischenfrage, um zu prüfen, ob Sie der französischen Logik folgen konnten: wie würden Sie „jeden Sonntag Morgen“ schreiben*?
Noch amüsanter ist das Plural zusammengesetzter Wörter, wie pique-nique, tire-bouchon, fou-rire… Denn hier kommt es an ob:
Zwei Substantive zusammen gesetzt wurden und wenn ja, ob einer als Adjektiv gebraucht wird, mit einer Präposition daher kommt oder eines der Substantive abgekürzt erscheint; es können aber auch ein Substantiv mit einem Adjektiv ein neues Wort bilden. Oder zwei Adjektive, und wehe, eines von beiden dient als Adverb (das berühmte „sauf“ in fast allen französischen grammatischen Regeln). Verb und Substantiv ist etwas anderes als Substantiv und Adverb. Verb und Verb ist recht einfach (kein Plural), aber dann gibt es die halben (les demi~) das Wort garde (je nachdem, in welcher Bedeutung er gebraucht wird) und die Wörter grand und franc.
Nun wäre es natürlich falsch zu behaupten, Deutsch sei viel einfacher als Französisch. Obwohl es, gerade wenn man mit der Sprache anfängt, vieles doch erheblich logischer daher kommt, als bei den Franzosen. Man muss es nur richtig erklären. Und pauken. Doch wenn jemand einem die französische Sprache noch so gut erklärt, und man sie noch so gut paukt, irgendein „SAUF…“, irgendeine Ausnahme lauert bestimmt hinter’m Komma. Und auf die Rechtschreibung gehen wir hier gar nicht ein, ich meine, kennen SIE viele Länder, in denen Diktatschreiben Volkssport ist? Weil Rechtschreibung hier noch schweißtreibender ist, als Lanze werfen.
Deutsch elitär? Das kann nur jemand behaupten, der eine der kompliziertesten Sprachen der Welt in die Wiege gelegt bekam! Mit dessen Besonderheiten sich nun Tausende Schüler herum plagen müssen… auch in Deutschland!

*tous les dimanches matin. Mehrere Sonntage, aber nur einen Vormittag pro Sonntag.
Quelle des Beispieles: http://leconjugueur.lefigaro.fr/frplurieljour.php
Dieses Beispiel wird übrigens immer wieder angeführt, wenn man „pluriel des jours“ im Suchmotor eingibt.
(Übersetzung MU)

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