Deutsch oder Spanisch, das ist hier die Frage!

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Deutsch oder Spanisch – Das ist hier die Frage! Immer weniger französische Schüler entscheiden sich in der Schule für Deutsch, vor allem im Süden Frankreichs. Warum ist das so?

© Stefanie Eisenreich. Titelbild: © Sabine Zink. Im Text: Pia Leykauf (links) und Jennifer Wiesbeck. www. jugenfotos.de

„Madame, Madame, ich würde so gern Deutsch lernen, aber meine Eltern haben es mir verboten!“ Ein Satz, der Deutschlehrenden in Frankreich nicht unbekannt ist, vor allem in ländlichen Regionen. Man möge meinen, die Zeiten der großen Vorurteile gegenüber Deutschland und der deutschen Sprache seien mittlerweile überwunden. Doch auch im benachbarten Frankreich ist das kollektive Gedächtnis bisweilen hartnäckiger und nachtragender als man meinen mag. Auch viele Grundschüler antworten auf die Frage, was ihnen in den Sinn kommt, wenn sie an Deutschland denken, noch als Erstes mit Krieg, Soldaten und Hitler. Danach kommen Fußball, Brezel und Bier. Die deutsche Sprache, meint so mancher Franzose, klinge hart und sei unattraktiv.

Deutsche Sprache – schwere Sprache
Damit hat es das Deutsche nicht leicht. Vor allem im Süden Frankreichs, wo Spanien eine Autostunde entfernt liegt und sich viele fragen: „Warum soll ich denn da Deutsch lernen?“ Auch ist die spanische Sprache für französische Kinder oft greifbarer und durch ihre romanischen Wurzeln mit dem Französischen verwandt. Das macht das Lernen leichter. Hinzu kommt, dass Deutschklassen oft als Eliteklassen gelten. „Im Deutschunterricht haben wir zu meiner Zeit vor allem die Sprache Goethes gelernt, was mir im Alltag natürlich überhaupt nichts gebracht hat,“ sagt Sandra Lionel* frustriert. Ihre zehnjährige Tochter wird im nächsten Jahr auf dem Collège eine erste Fremdsprache wählen und ist sich bisher nicht sicher, ob es Deutsch oder Spanisch wird. Die Mutter ist skeptisch. „Sie soll eine Sprache lernen, die ihr Spaß macht, aber ich weiß nicht, ob Deutsch da das Richtige ist!“ An vielen Schulen geht mittlerweile der Trend hin zu sogenannten classes bilangues, zweisprachigen Klassen, die einen Teil auf Deutsch und einen auf Englisch behandeln. Doch auch diese Klassen bleiben oft nur den guten Schülern vorbehalten. Vorurteile sitzen tief.

„In Deutschland ist das anders. Da gibt es bei Lidl französische Wochen und wenn du ein neues Produkt verkaufen willst, musst du diesem nur einen französischen Namen geben.“Mareike Schultheis, Daad-Lektorin an der Uni Paul Valery in Montpellier

In Zeiten der Krise, in denen Deutschland vor allem im Hinblick auf Arbeitsplätze zu den am besten situierten Ländern zählt, sind laut Statistischem Bundesamt vor allem in Ländern wie Spanien – dort spricht man sogar vom Merkel-Effekt – und Griechenland die Zahlen der erwachsenen Deutschlerner in den vergangenen Jahren gestiegen, während sie in Frankreich und anderen EU-Staaten stagnieren oder gar sinken. Was ist da los? Mareike Schultheis, ehemals Sprachassistentin in Marokko und seit einem Jahr Lektorin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an der Universität von Montpellier sieht den Grund neben dem Einfluss durch Eltern und Medien auch darin, dass Deutschland nicht zu den Ländern zählt, in welche Franzosen für gewöhnlich in den Urlaub fahren. „In Deutschland ist das anders,“ sagt sie. „Da gibt es außerdem bei Lidl französische Wochen und wenn du ein neues Produkt verkaufen willst, musst du diesem nur einen französischen Namen geben.“ Ja, auch in Deutschland wird groß in die Klischeekiste gegriffen, nur kommen die Franzosen dabei irgendwie immer besser weg.
Die letzte Datenerhebung, welche unter Anderem vom Deutschen Akademischen Austauschdienst, den Goetheinstituten und dem Auswärtigen Amt durchgeführt wurde, stammt von 2010. Sie wird alle fünf Jahre wiederholt, um Auskunft über die Situation der Deutschlerner weltweit zu erhalten. So geht man zwar davon aus, dass die Zahl der Deutschlerner in Spanien steigt und in Frankreich momentan rückläufig ist, jedoch muss hier ein Unterschied zwischen jugendlichen und erwachsenen Deutschlernern gemacht werden. Denn auch in Spanien wird an den Schulen vergleichsweise wenig Deutsch unterrichtet. Hinzu kommen Statistiken, die zeigen, dass immerhin noch knapp 20 Prozent der Franzosen Deutsch lernen. Mareike Schultheis bestätigt, dass an der Universität Paul Valery in Montpellier die Zahlen in den letzten Jahren „langsam, aber stetig gestiegen und zumindest nicht gesunken sind.“ 30 bis 50 Studenten entscheiden sich jedes Jahr für eine Fächerkombination im Zusammenhang mit Deutsch. Während allerdings jährlich circa 100 Deutsche im Erasmus-Programm nach Montpellier kommen, nutzen nur wenige Franzosen den Austausch, um nach Deutschland zu gehen, weshalb sehr viele Plätze frei bleiben.

Auch Martina Röhling-Baloge, Deutschlehrerin am deutschen Kulturinstitut von Montpellier, dem Heidelberg-Haus, ist der Meinung, dass „die Zahlen im Großen und Ganzen, wenn sie auch nicht steigen, zumindest nicht zurück gehen. Die eingeführten classes bilangues tragen dabei natürlich in den Schulen dazu bei, dass das Deutsche bestehen bleibt,“ sagt sie. „Außerdem habe ich beobachtet, dass Deutsch heute sehr viel weniger den Stempel der Elitesprache trägt als noch vor 20 Jahren.“ Kein Grund zur Sorge also. Wenn auch an Schulen die Zahlen der Jugendlichen, die sich für Deutsch entscheiden, sinken mögen, so scheint es an Kulturinstituten und Universitäten nicht weniger Deutschlerner zu geben als in den Vorjahren.
Es gibt handfeste Gründe, warum es sich lohnt Deutsch zu lernen. Darunter der Fakt, dass die deutsche Sprache, wer hätte das gedacht, die am meisten gesprochene Sprache Europas ist. Jeder fünfte Europäer spricht Deutsch. Daneben sind auf dem Arbeitsmarkt deutsche Sprachkenntnisse immer gefragter, vor allem aufgrund der deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen, denn Deutschland ist Frankreichs wichtigster Wirtschaftspartner. Leider ist die deutsche Sprache im schönen Nachbarland nun durch eine neue Reform bedroht, da Frankreichs Bildungsministerin Vallaud-Belkacem die deutsche Sprache an französischen Schulen ebenfalls für „zu elitär“ hält. Bleibt zu hoffen, dass es den Gegnern dieser Reform gelingt, die junge Ministerin in ihren Vorhaben zu bremsen. Sind doch im Allgemeinen Sprachen nicht gerade des Franzosen Stärke…

*Name wurde auf Wunsch geändert

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