Die Geigenbauer von Montpellier

In Kunst und Kultur by Petit piaf0 Comments

Montpellier gilt als die französische Hauptstadt des Geigenbaus. Zwölf Instrumentenbauer stellen hier unter Anderem Geigen und Celli her, darunter auch zwei Deutsche. Verstaubt und altmodisch? Nicht im geringsten!

© Stefanie Eisenreich. Titelbild © Alexander Franke www.jugendfotos.de. Im Text links: © Mihaila Despotovic, rechts: Wolfram Neureither. Artikel erschien im Januar 2015 bei FplusD.

Die Werkstatt von Wolfram Neureither versteckt sich unscheinbar in einer der ältesten verwinkelten Gassen Montpelliers. Es deutet nichts darauf hin, dass sich an dieser Stelle ein deutscher Geigenbauer ein Atelier eingerichtet hat. Man muss es suchen, um es zu finden oder wissen, dass es da ist. Am Eingang liegen Holzspäne und ein kleiner dunkler Gang führt in eine Werkstatt, die nicht typischer für diese Stadt sein könnte. Ein kleines Gewölbe versetzt den Besucher in andere Zeiten, an der Wand hängen Gemälde oder Gegenstände, die der Handwerker sich vom Flohmarkt oder aber von zahlreichen Reisen nach Asien und Amerika mitgebracht hat – Figuren, Masken, Kerzenständer, antike Möbel und Werkzeuge. Ein mittelalterlicher Kronleuchter und ein kleiner alter Plattenspieler runden das Bild ab. In der Mitte steht die Arbeitsplatte von Wolfram Neureither, von der aus er verschmitzt über seinen Beruf spricht. Er ist einer jener Deutscher, die es vor bereits zwanzig Jahren in den Süden Frankreichs verschlagen hat.
Als junger moderner Mensch verbindet man Traditionen und Handwerk nicht unbedingt mit einem attraktiven Berufsbild. Cool? Naja. Vielen Jugendlichen mögen eher Adjektive wie verstaubt oder altmodisch in den Sinn kommen. Dabei ist der Beruf des Geigenbauers auch bei jungen Menschen immer beliebter. „Die Schulen sind heutzutage voller als zu meiner Zeit,“ erinnert sich Wolfram Neureither. „Im englischen Newark waren wir damals zuzwölft, heute gibt es dort 24 Lehrlinge.“ Kleine Zahlen, vergleicht man sie mit anderen Ausbildungsberufen, aber die Anfrage steigt.
„Ich mag an meinem Beruf vor allem, dass es nicht nur ein Handwerk, sondern auch eine Kunst ist, ein Instrument zu bauen,“ so Neureither. Der Geigenbauer, der unter anderem auf Messen nach Asien, Italien und Amerika fährt, schwärmt von der Vielseitigkeit des Berufes. „Ganz ehrlich: Ich habe meine Wahl nie bereut und wüsste nicht, was besser ist. Man entwickelt von Anfang bis Ende ein Produkt und arbeitet mit den verschiedensten Materialien wie beispielsweise mit Holz oder Lack. Danach muss das fertige Instrument vermarktet werden, weshalb ich immer viel auf Reisen bin. Vor allem aber bin ich mein eigener Chef.“

Verstaubt und altmodisch? Von wegen.

In Montpellier etabliert sich der Geigenbau seit den 80er Jahren des 20.Jahrhunderts. Zwölf Geigenbauer, darunter auch Frédéric Chaudière, der als französischer Meister in seinem Fach gilt und international bekannt ist sowie Friedrich Alber, ebenfalls aus Deutschland, ebenfalls Wahlfranzose. „Natürlich kann man sich auch industriell gefertigte Instrumente über die Internetseite ebay kaufen,“ verteidigt der passionierte Geigenbauer seine Zunft. „Aber wer ein Instrument spielt, weiß, dass eine professionell angefertigte Geige etwas völlig Anderes ist.“ Es bleibe ein persönliches Objekt, habe einen viel besseren Klang und trage einen Namen. „Es wird zur Marke, so wie die Stradivari-Geige,“ die noch heute zu den begehrtesten Konzertgeigen zählt und von einem der berühmtesten italienischen Geigenbauer entworfen wurde.
Neugierig? Wer sich für den Beruf des Geigenbauers interessiert, kann sich, wie Wolfram Neureither oder Friedrich Alber im Lincoln College im englischen Newark ausbilden lassen. In Deutschland befindet sich das Zentrum des Geigenbaus im südlichen Mittenwald, während man in Frankreich in die Vogesen ziehen muss. Doch auch im italienischen Cremona, der Wiege des Geigenbaus, werden Ausbildungsplätze angeboten.

Wer aber glaubt, die Ausbildung sei überall die Gleiche, der irrt wohl. Ein Blick über Ländergrenzen hinweg lohnt sich. Daher sollte man sich gut informieren, bevor man die für sich geeignete Schule wählt. Das Lincoln College von Newark, gründete sich erst in den 1970er Jahren und ist daher eine noch recht junge Schule, wie Neureither meint. Die Schulen in Cremona, Mittenwald und Mirecourt dagegen wurden alle drei bereits im 19. Jahrhundert ins Leben gerufen und berufen sich auf ein großes Traditionsbewusstsein. Das kann von Vorteil sein, muss es aber nicht. „Die Ausbildung ist sicher auch in Mirecourt und Mittenwald sehr gut. Allerdings muss man sich danach auch wieder von der Tradition lösen können, was bisweilen sehr schwierig ist,“ kritisiert Wolfram Neureither. „Vor allem in Cremona gibt es sehr viele Vorgaben, wie Instrumente zu bauen sind. In Newark dagegen hatten wir sehr viele Freiheiten und Zugang zu den verschiedensten Stilen. Die Schule ist sehr international.“
Wer in Frankreich zum Geigenbauer werden will, muss in das knapp 6.000 Einwohner kleine Mirecourt gehen und sich mit dem Kleinstadtleben anfreunden. Baptiste Juguera, 25-jähriger Geigenbauer in Montpellier, arbeitet für Frédéric Chaudière. Er absolvierte seine dreijährige Ausbildung in Mirecourt und ist bereits seit vier Jahren als Geigenbauer tätig. „Ich habe schon als kleiner Junge angefangen, Geige zu spielen und bin schnell mit Geigenbauern in Kontakt gekommen, die mir ihre Ateliers gezeigt haben. Ich wusste damals noch nicht, was ich werden wollte, aber der Beruf hat mir sehr gefallen.“ Während eines Sabbat-Jahres in Deutschland wurde ihm schnell klar: Nicht auf die Universität wollte er gehen, nein, er wollte Instrumente bauen. „Viele fangen mit diesem Ideal an, aber den Meisten wird dann schnell bewusst, dass die Wenigsten am Ende tatsächlich mit dem Instrumentenbau ihr Geld verdienen können,“ erzählt Baptiste. Die Mehrheit arbeitet danach in der Restauration und im Verleih. „Ich hatte Glück,“ sagt er lachend.

Natürlich ist das ein Beruf mit Zukunft. Da mache ich mir gar keine Gedanken!Wolfram Neureither

Die Schule in Mirecourt hat ihn gut vorbereitet. Auf die Frage, ob der Beruf Zukunft hat, zieht er die Augenbrauen nach oben und ruft enthusiastisch: „Natürlich! Als ich mich in Mirecourt beworben habe, gab es 180 Bewerbungen auf 11 Plätze. Der Geigenbau ist ein altes traditionelles Handwerk, aber keineswegs ein Beruf für Alte. Es sind vor allem die Jungen, die neue Ideen und Impulse geben, während die Älteren ihre Kenntnisse weitergeben. Natürlich ist das ein Beruf mit Zukunft. Da mache ich mir gar keine Gedanken!“Von verstaubt und altmodisch kann also nicht die Rede sein. Und wer so gar nicht auf Geigen und Celli steht, dafür aber mit seiner Gitarre junge Frauen- oder Männerherzen höher schlagen lässt, der findet übrigens auch Ausbildungsmöglichkeiten im Bereich Gitarrenbau. Dem Instrument sind keine Grenzen gesetzt und der Musik schon gar nicht.

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