Die Geschichte vom französischen Abi

In Bildung by Petit piaf1 Comment

Langsam aber garantiert füllen sich die Titelblätter der französischen Zeitungen ab Ende Mai mit der Ankündigung eines nationalen Ereignisses, das ab Juni wochenlang das ganze Volk beschäftigen wird: dem Abitur.

© Marie Urdiales

Le BAC, das Abitur. Drei Buchstaben, die in den nächsten Wochen für manch’ einen Jugendlichen und seine Eltern alptraumhaften Charakter annehmen werden. Eigentlich, so sollte man meinen, ist das Abitur „nur“ die Abschlussprüfung einer schulischen Laufbahn, die in dem Fall einfach nur ein wenig länger geraten ist, aber nun auch zu Ende gebracht werden muss, bevor die frischgebackenen Abiturienten in den Dschungel des „wirklichen“ Lebens, sei es Studium oder Ausbildung, ausgesetzt werden. Das Abitur ist, so sollte man meinen, ein persönlicher Meilenstein in einem Leben, das doch eher privater Natur ist. Eventuell noch mit seinen Klassenkamaraden und dem engen Familienkreis geteilt, aber ansonsten: Wen interessiert tatsächlich das Abikind aus dem Nachbarshaus? In Frankreich: Jeden! Abi in Frankreich, das ist ein kollektives Großereignis, das wir auch mit denen teilen, die nicht danach gefragt haben. „Le bac“, oder eine Geschichte von Schweiß, Tränen, Neid und Erfolg, unsere ganz französische nationale Tragödie.

Akt I: le bac blanc, oder wie alles beginnt

Olivier Bacquet, Flickr

Anders als in Deutschland findet das Abi nicht einfach am Ende der Schullaufbahn statt. Das wäre für die französische Auffassung von „simple“ viel zu einfach. Nein, in Frankreich fängt bereits ein Jahr vor dem Abi alles an und zwar mit dem „bac blanc“ , dem weißen Abitur, in dem man quasi ein Testabi schreibt, das die Eigenschaft hat, zumindest auf Schülerseite einen Großteil der nervlich ohnehin labilen Jugendlichen bereits ein Jahr vor offiziellem Abitur in schlaflose Nächte zu versetzen. So gesehen ein gutes Mentaltraining, behaupten Optimisten. Eltern derweil vertrösten sich auch bei Misserfolg mit dem Glauben, es sei „nur“ eine Art Generalprobe, beim richtigen Abi und bei entsprechender Dosierung homöopathischer Beruhigungsmittel werde es das Kind schon packen. Tatsächlich floriert ab Juni der Markt pflanzlicher Kügelchen, die einem Ruhe und Gelassenheit versprechen. Und die braucht man, denn im Fach Französisch wird man bereits ein Jahr vor Ende der schulischen Laufbahn geprüft. Warum? Wahrscheinlich, um in einem ohnehin recht undurchsichtigem System noch mehr Verwirrung zu stiften. Denn obgleich Frankreich in europäischen Vergleichen regelmäßig recht schlecht abschneidet, die komplexen Verzweigungen der diversen Abikombis verdienen eindeutig den Nobelpreis des gewollten Chaos. Kaum ein Mensch blickt da wirklich durch.

Akt II : S, L, G, STM… WTF !

Recht früh müssen sich junge Franzosen im Dschungel der verschiedenen Abivarianten zurechtfinden, bzw., da ein wirkliches Sich-zurecht-finden nicht ernsthaft stattfinden kann, sich für eine der zahlreichen Möglichkeiten entscheiden. Literarisch, mathematisch, ökonomisch… Bereits am Ende des „collège“, das – in etwa – der deutschen Gesamtschule entspricht, also vor Einzug ins Gymnasium, müssen in diesem Lande Kinder wissen, was sie mit sich machen werden, wenn sie groß sind. Denn davon hängt ab, in welchem Zweig sie orientiert werden. Sprich welche Fächer sie verstärkt haben werden. Sprich auf welches Gymnasium sie kommen werden. Sprich welche Ausbildungsmöglichkeiten sie nach dem Abi haben werden. Denn mit bestimmten Abisorten kann man nur bestimmte Schulen bzw. Unis besuchen und wer sich da vertut, der hat eben Pech. Der Gedanke, man könne sich die gesamte Zukunft verbauen, nur weil man mit 15 eine falsche Entscheidung getroffen hat, trägt, so darf vermutet werden, nur bedingt zum seelischen Frieden Tausender von Gymnasiasten bei. Mathe sollte man aber auf alle Fälle beherrschen, denn es gilt, die unterschiedlichen Bewertungsquoten zu durchschauen, mit denen die Fächer angeboten werden. Hat man sich z.B. für ein eher mathematisches Abi (Bac S) entschieden, wird Mathe einen Quotienten von soundsoviel haben, während es in einer literarischen Variante (Bac L) weniger punktet. Hier ist es übrigens auch amüsant zu wissen, jedenfalls für Nicht-Franzosen, dass auch die verschiedenen Abi-Sorten sich einer eindeutigen sozialen Hierarchie unterordnen lassen. Bac S z.B. ist für die SuperSchüler, die, die es garantiert zu etwas bringen im Leben, während der literarische Zweig doch eher den Träumern und Faulenzern empfohlen wird. Wenn man da halbwegs durchblickt (was in der Welt der Eltern doch eher selten ist), kann man das tun, was Millionen von Menschen tagtäglich mehr oder minder erfolgreich tun, nämlich, mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel punkten. Was allerdings nicht immer gelingt.

Akt III: „Was schulden wir dem Staat?“

Das ist das Schöne an diesem kollektiven Ereignis, das das Abi hier in Frankreich für uns darstellt: Man muss nicht mal Kinder im Abialter haben, um daran teilhaben zu können. Denn ab Ende Mai/Anfang Juni werden wir ohnehin überhäuft mit Artikeln, Fernsehberichten, Radiosendungen, Internetlinks, kurz und gut: Alles, was die moderne Medienwelt zu bieten hat, dreht sich ab sofort fast ausschließlich um den Planeten „Abi“. Welche Themen mussten die Kids für die Königin aller Prüfungen bearbeiten? Die Rede ist von: Philosophie, des großen Franzosen Lieblingsfach und eine Disziplin, über die in (fast) allen Abiturklassen vier Stunden lang gegrübelt wird. „Bedeutet frei sein, keinem Gesetz zu gehorchen?“ „Was schulden wir dem Staat?“ „Leben wir, um glücklich zu sein?“ Fragen, die den jungen Franzosen ein Leben lang begleiten werden. Weil man damit aber nicht gesamte Nachrichtensendungen füllen kann, werden noch andere Kanonenkugeln aufgefahren. Wie alt ist der jüngste, wie alt der älteste Abiturient (2015: respektive 13 bzw. 93 Jahre) ? Sind „smart drugs“ nützlich? (Die Anwort lautet natürlich nein, aber für einen TV-Bericht mit ärztlicher Aussage reicht es immer noch). Wie bereitet man sich am Besten auf die Prüfungen vor ? (Zweieinhalb Minuten Interview mit einem Spezialisten um zu dem Schluss zu gelangen, rechtzeitig lernen könnte eine gute Antwort sein). Wie erleben die, die das Abi wiederholen mussten die Prüfung (auch hier gibt es Interviews am Bande). Kurz und gut: Alles, was man irgendwie thematisch mit Abitur in Verbindung bringen kann, wird in den Kasten geholt. Und sind die Prüfungen vorbei, gibt es noch einen Schlag drauf, nämlich mit den „mentions“. In Frankreich hat man nämlich nicht nur sein Abi oder eben nicht. Man hat ein Abitur mit „mention“… oder eben nicht. Eine „mention“ das ist ein wenig der heilige Graal bei allen Examen in Frankreich, außer vielleicht beim Führerschein. An der „mention“ messen sich soziale Nuancen der subtilen Art, wie Franzosen sie mögen. Es klingt wichtig und peniblel… und ist es auch. Denn eigentlich geht es hier nur um eine Note. Es ist so, als würde man in Deutschland auf die Idee kommen, bei Familienfeiern damit anzugeben, das Kind hätte ein Einserabi (gut, das kann noch sein). Oder ein Zweierabi. Oder ein Dreierabi denn ab da spricht man nicht mehr von „mention“, sondern flüstert erleichtert: „c’est bon, il/elle a eu son bac“. Geschafft.
Auf diese Art also abituriert sich ein Volk durch den Juni. Dann gibt’s ein paar Tage Erholung. Und dann geht auch schon das nächste nationale Großereignis los, das ab sofort tagelang die Schlagzeilen füllen wird: die Ferienstaus von Juli. Dann die von Mitte Juli. Dann die von Ende Juli… Anfang August, etc etc etc. Bis zum September. Und la rentrée, der Schulbeginn. Doch davon später!

Comments

  1. Je ne savais pas que la mauvaise foi existe dans cette mesure en france?

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