Die mit den Stieren tanzen

In Kunst und Kultur by Petit piaf0 Comments

Nicht nur in Spanien sondern auch in Südfrankreich widmet man die Frühlingsmonate jedes Jahr dem Stierkampf. Jahrelang galt diese umstrittene Tradition hier als Teil des Kulturerbes. Gegner erreichten aber, den Stierkampf von der Liste des nationalen französischen Kulturerbes zu streichen.

© Stefanie Eisenreich. Erscheint auch in der gedruckten Ausgabe von ParisBerlin. Fotos © Jean-Luc Fauquier.

Es ist ein eigenwilliges Schauspiel, das sich jedem Zuschauer bietet, wenn der Matador, zu deutsch „der Schlächter“, in die Arena tritt, um dem durch Drogen aufgeputschten und bereits ermüdeten Stier den Todesstoß zu versetzen. Blutlüstern feuert das Publikum den Stierkämpfer an. Die Arena ist voll, die Besucher sind wie im Rausch. Die Kulisse der alten Arenen wie man sie vor allem aus Rom kennt, versetzt jeden Zuschauer in eine Zeit, in der auf dem Platz noch Gladiatoren gegen Löwen kämpften und die Menschen von den Rängen aus über Leben und Tod entschieden. Es ist ein Spektakel, das nicht nur in Spaniens sondern auch in Südfrankreichs Tradition fest verankert ist. Städte wie Nîmes, Arles oder Béziers feiern jährlich im April den Start der Stierkampfsaison, um diese im Herbst mit einem ebenso großen Spektakel wieder zu beenden. Während der Frühlings- und Sommermonate herrscht in südfranzösischen Straßen und Arenen bisweilen Ausnahmezustand.

Blutiges Schauspiel

Was während einer Corrida passiert, folgt einer genau festgelegten Choreografie, die seit Jahrhunderten nach dem immer gleichen Muster abläuft. Während eines typischen Stierkampfes, der in der Regel nicht länger als zwanzig Minuten dauert, wird der Stier durch einen engen Gang in die Arena getrieben. Dem Tier wird hier ein Widerhaken in den Nacken gerammt, an dem kleine Stoffbänder befestigt sind. Diese Bänder repräsentieren die Farben der Stierzucht, oft in Kombination mit den Landesfarben. Wenn der bereits geschwächte Stier dann in die Arena jagt, erwarten ihn dort die sogenannten Picadores, die zu Pferd den Stier mit einer Lanze abwehren und die durch den Widerhaken bereits verletzte Nackenmuskulatur des panischen Tieres weiter traktieren. Das Publikum jubelt, wenn das Horn ertönt, um im zweiten Teil die Banderillos zu begrüßen. Ihre Aufgabe ist es, den um sein Leben kämpfenden Stier weiter durch die Arena zu treiben. Dabei müssen diese dem Tier zwei weitere mit bunten Bändern geschmückte Spieße in den Nacken jagen. Es ist ein gewaltvolles Schauspiel, das mit dem Matador sein blutiges Ende findet. Der Torero wird begeistert von der Zuschauertribune aus empfangen. Er wirkt erhaben und stolz in seinem traditionellen Kostüm mit beinah übertrieben aufrechtem Gang und der typischen Torero-Pose, wenn er sein rotes Tuch schwenkt, um den Stier mit den Bewegungen weiter zu reizen. Jubelrufe unterstreichen das Spektakel. Nichts deutet zunächst darauf hin, dass der Stierkämpfer in nur wenigen Minuten dem Tier mit aller Gewalt den Dolch zwischen die Schulterblätter stoßen wird, um diesen zu Fall zu bringen. Der Stier hat kaum eine Chance. Ihn erwartet in fast jedem Fall der Tod. Nur selten unterliegt der Matador dem Stier.

So will es die Tradition und so kennt man den Stierkampf in Spanien, Portugal, Südfrankreich oder Lateinamerika. Was in diesen Ländern zur Kultur gehört, stößt jedoch bei Tierschützern auf vehementen Protest. Die Tierschutzorganisation PETA startete aus Gründen der Tierquälerei im vergangenen Jahr in Frankreich eine Petition, mit dem Ziel den Stierkampf von der Liste des nationalen französischen Kulturerbes nehmen zu lassen. Der Stierkampf hatte hier im Jahr 2011 seinen Platz gefunden. Die Petition hatte Erfolg und stieß auch im französischen Parlament auf Beachtung. „Stierkampf ist ein Anachronismus. In einer bereits extrem gewalttätigen Welt einfach noch zu der Brutalität beizutragen, ist beschämend,“ so Jean-Marc Rubaud, Mitglied der französischen konservativen Partei UMP. Ein Verbot des Stierkampfes, wie man es seit 2010 in Barcelona kennt, wurde hingegen in Frankreich bislang nicht eingeführt.

Südfrankreich will es unblutig

Doch in vielen Orten der Camargue, einer südfranzösischen Region zwischen Marseille und Montpellier, setzt man weniger auf den traditionellen Stierkampf wie man ihn aus Spanien kennt als auf die sogenannten Courses Camarguaises. Während dieser Art des Stierkampfes werden die Stiere durch die Straßen in die Arena getrieben. Dort erwartet das Tier die sogenannten Razeteurs. Ganz in weiß gekleidet wirken diese verglichen mit einem typischen Matador beinah unscheinbar. Ihr Ziel ist es, dem Stier ein Band, die sogenannte Kokarde, zu entreißen, die ihm vorher zwischen die Hörner gebunden wurde.
In jedem Fall verlassen die Tiere am Ende dieses Schauspiels das Terrain lebend. Was für Spanien die Corrida ist, ist für den Südfranzosen die Course Camarguaise. Hier versteht man die Tradition als Symbol des Südens. „Es ist das, was uns ausmacht,“ sagt Chloé Michel, Tochter von Robert Michel, Besitzer einer sogenannten Manade vor den Toren Montpelliers, nicht ohne Stolz. „Der Stier ist ein nobles Tier,“ fügt Alexandre Clauzel, Stier- und Pferdezüchter in dem kleinen Fischerort Les Saintes-Marie de la Mer hinzu. „Deshalb verdient er unseren ganzen Respekt. Mein Ziel ist es, die Persönlichkeit jedes Tieres genau einzuschätzen, um diese dann weiterentwickeln zu können und ihn so auf einen fairen Kampf vorzubereiten.“ Die Stier- und Pferdezucht, die man im Süden Frankreichs als Manade kennt, reicht bis ins Mittelalter zurück. Neben der Stierrennen pflegt man hier Traditionen wie Spiele zu Pferd, die bei gebuchten Veranstaltungen wie Hochzeiten oder aber für Touristen vorgeführt werden.

Der Stierkampf ist und bleibt daneben umstritten, auch in Südfrankreich, wo man zwar neben der Corrida mehr und mehr auf die unblutigen Stierrennen setzt, man aber auch den traditionellen Stierkampf nicht aus der Tradition verbannen möchte. Wichtigstes Argument bleibt die Tourismusbranche. Mit mehr als 120 jährlichen Veranstaltungen in der Region gilt der Stier als wichtige Einnahmequelle.

Tickets reservieren
Die Corrida sowie die Courses Camarguaises finden vorwiegend in den südfranzösischen Städten Arles, Béziers und Nîmes, aber auch in kleinen Dörfern der Region statt. Einen Platz in einer der großen Arenen sollte man allerdings rechtzeitig reservieren. Die Tradition ist derart beliebt, dass die Plätze bisweilen schon Monate vorher ausverkauft sind. Tickets kann man in allen Touristenbüros bestellen.

Manade
Vor den Toren Montpelliers finden sich zahlreiche Stier- und Pferdezuchten, die auch unabhängig der Corrida für Touristen ein interessantes Angebot bereit halten. Eine der größten Manaden der Region befindet sich in Les Saintes-Marie de la Mer, circa 60 km von Montpellier entfernt.

Manade de Baumelles
Cabanes de Cambon
D-38 Route d’Aigues Mortes
Kontakt: 0033 4 90 97 84 14

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