Ein Leben in Einsamkeit

In Porträts, Reisen by Petit piaf0 Comments

Fany Nogaret und Stéphane Laurent züchten Schafe. In Mitten der südfranzösischen Cevennen haben sie sich eine Jurte gebaut und leben vom Verkauf der Schafmilch. Doch auch der Wolf ist zurück!

© Stefanie Eisenreich. Dieser Artikel erschien auch in verkürzter Version in der Juli/August Ausgabe 2016 von ParisBerlin.

Die Mutter windet sich vor Schmerzen, erhebt sich, legt sich erneut ins Heu. Die Wehen haben eingesetzt. Man sieht es an den zuckenden Bewegungen ihrer Bauchmuskulatur. Sie windet den Kopf, ein kurzes Blöken, doch das Lämmchen steckt im Mutterleib fest. Die Schafzüchterin muss nachhelfen. Mit einem geübten Griff stellt sie fest, dass sich der Muttermund nicht geöffnet hat, das Lamm womöglich tot ist. Mit ihrem Freund, auch er Schafzüchter, hilft sie der jungen Schafmutter, das Lamm auf die Welt zu bringen. Die erste Totgeburt in dieser Saison.
Es ist Mai, doch von Frühling ist nichts zu spüren. Auf knapp 900 Metern Höhe, nur knapp drei Autostunden von Montpellier entfernt, ist das Klima rau. Es schneit, ein eisiger Mistral weht über das Kalkplateau des Causse Mejean. Die Landschaft wirkt trotz der zahlreichen Buchs- und Nadelbäume karg. Einsamkeit bekommt an Orten wie diesen eine andere Bedeutung.

„Die ersten beiden Monate hier draußen waren hart.“ Fany

Fany Nogaret und Stéphane Laurent haben diese Einsamkeit gesucht. In dem kleinen Dorf Fraissinet-de-Poujols, im Mitten der südfranzösischen Cevennen, leben sie seit anderthalb Jahren in ihrer selbstgebauten Jurte. Kein Nachbar weit und breit. Die Häuser im Dorf, nur circa 300 Meter von der Jurte entfernt, sind unbewohnt. Eines dient einem Pariser Ehepaar als Sommerhaus. Die beiden träumen schon länger von einem eigenen Hof. Während ihres Geografiestudiums in Montpellier lernt Fany den heute 32jährigen Stéphane kennen. Wie Fany, ist auch er bereits auf dem Land aufgewachsen. Für beide war schnell klar, dass sie gemeinsam in der Landwirtschaft arbeiten wollten. Sie sind die Einsamkeit gewöhnt. Stéphane ist wortkarg aber offen und liebt trotz der Liebe zum Land die Festlichkeit der Stadt. Auch die 33jährige Fany kann nicht behaupten, dass ihr das Landleben in Montpellier gefehlt hätte. Beiden aber ist anzusehen, dass sie hier, in den Weiten des Causse Mejean, mit ihren mittlerweile knapp 200 Schafen ihren Platz gefunden haben. „Die ersten beiden Monate hier draußen waren hart,“ erzählt Fany. „Wir hatten keinen Strom, kein warmes Wasser und es war eisig kalt.“ Auf den gut 400 Hektar Land verschwindet die Jurte der beiden hinter dem großen Schafstall schnell aus dem Blick des Betrachters. Die 51 Quadratmeter der Jurte haben die beiden Landwirte nach den ersten beiden Monaten im Wohnwagen optimal zu nutzen gewusst. Eine Holzwand trennt den Raum in Schlafzimmer, Bad und Wohnraum mit Küche. Dass sie hier oben alleine sind, stört die beiden nicht. Von Einsamkeit könne man eigentlich nicht sprechen, erzählt Fany. „Die größte Herausforderung ist eigentlich die Arbeit zu zweit. Man muss sich aufeinander einstellen,“ sagt sie. Nicht einfach sei es, als Paar zusammen zu leben und auch zusammen zu arbeiten. Totgeburten wie die am Morgen seien außerdem der weniger angenehme Part dieser Arbeit. „Ein eigener Bauernhof lehrt dich nicht nur das Leben sondern auch den Tod,“ erklärt Stéphane. Er klingt dabei ernster als beabsichtigt. Neben der Totgeburt sind noch vier weitere Lämmer in der vergangenen Woche gestorben. Eines hatte zu viel Muttermilch getrunken, was im Magen des Tierbabys dazu geführt hatte, dass sich Käse bildete und das Lamm daran ersticken musste. Auf einer kleinen Anhöhe nur 100 Meter vom Stall entfernt, überlassen sie die Körper dem Lauf der Natur. Es dauert nicht lange bis die ersten Aasgeier das Plateau umkreisen. In der Stille des frühen Abends erinnert das Kreischen dieser Vögel Fany und Stéphane manchmal an schlechte Gruselfilme.

Während die Geier jedoch willkommene Gäste sind und sich um das Aas kümmern, freuen sich die Schafzüchter weniger über die Rückkehr der Wölfe in der Region. „Bisher hat man bei uns noch keine Wölfe gesichtet, aber im Nachbartal haben andere Landwirte bereits Schafe verloren,“ erzählt Fany. Die Frage nach dem Wolf ist heikel. Verantwortliche im Nationalpark wollen nicht darüber sprechen. Zu groß sind die Differenzen zwischen Umweltschützern auf der einen Seite und den Interessen des Nationalparks oder der Landwirte auf der anderen.

„Ich sehe mich ebenfalls als Tier- und Umweltschützerin. Aber als Landwirtin bin ich auch nicht gegen die Jagd.“Fany

Selbst die Frage, ob der Wolf aus Gründen der Vielfalt wieder eingeführt wurde oder von selbst zurück in die Region kam bleibt umstritten. Dabei ist das Raubtier schon seit Beginn der Neunziger Jahre über Italien nach Frankreich zurück gekommen. Bereits 1999 sichteten Landwirte drei von ihnen unweit der spanischen Grenze. Ihre Zahl steigt seitdem. Auch Stéphane und Fany sorgen sich mittlerweile um ihre Schafe und fürchten den Wolf auf dem Plateau. Im gesamten Département der Lozère wurden im vergangenen Jahr 38 Wölfe gezählt, so berichtet der regionale Fernsehsender France 3. Die Landwirte sind in Aufruhr. Per Gesetz, dem „Plan Wolf“, dürfen sie nun, um ihre Herden zu schützen, landesweit und jährlich 36 Wölfe töten. Zu wenig. Es kommt zu illegalen Jagden, so wie im vergangenen Juli auf dem Causse Mejean. Dies wiederum ruft Tierschützer auf den Plan. „Ich sehe mich ebenfalls als Umweltschützerin,“ sagt Fany, „und verstehe das Anliegen der Tierschützer. Doch als Landwirtin bin ich auch nicht gegen die Jagd.“ Andernfalls wollen die Landwirte darüber nachdenken, einen Schafhirten anzustellen. „Das hieße aber auch, zu akzeptieren, dass der Wolf ab und an ein Schaf reißt.“ Zwischen der Konvention von Bern, die den Schutz der Wölfe regelt und dem „Plan Wolf“ fehlt eine Lösung, die der Wut und Hilflosigkeit der Landwirte gerecht werden könnte. Noch haben Fany und Stéphane keine Probleme. Jeden zweiten Tag kommt der Milchlieferant, der mit der Schafmilch die Käserei im nächsten Dorf versorgt. Der daraus gewonnene Käse wird sogar in New York und Deutschland verkauft. Ihr Geschäft läuft gut. Solange der Wolf die Schafe in Ruhe lässt.

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