Absurdes vom französischen Arbeitsmarkt

In Anekdoten, Bürokratisches by Petit piaf0 Comments

Wie man in Frankreich einen Beruf erfunden hat, um Arbeitslose wieder in die Gesellschaft einzugliedern, dabei aber ein kleines Detail vergessen hat : die Realität des Arbeitsmarktes.

© Marie Urdiales. Beitragsbild © Tobias Mittmann. www.jugendfotos.de.

Meine Freundin Pascale ist Mitte 40. Sie ist eine intelligente, weitgereiste Frau, die lange in Kanada gelebt hat, fliessend Englisch spricht und viele Jahre im Hotelbereich gearbeitet hat. Am Empfang. Ein schöner Beruf, mit viel zwischenmenschlichem Kontakt, und den mag Pascale. Sie ist ein herzlicher, liebenswürdiger, lebensbejahender Mensch, immer da, wenn man sie braucht. Sie hat gerne im Hotel gearbeitet, doch irgendwann wollte sie nicht mehr. Die Arbeitszeiten, die Unsicherheit (im Süden Frankreichs ist das oft ein Job, den man von April bis Oktober hat, und für den Winter muss man sich was anderes suchen) das nicht gerade tolle Gehalt… Pascale wollte sesshaft werden, und wandte sich vertrauensvoll an das Arbeitsamt. Acht Monate und eine Ausbildung später war sie « Beraterin in beruflicher Wiedereingliederung ». Oder so ähnlich (conseillère en insertion professionnelle, falls es jemanden interessiert). Zu dieser Ausbildung hatte man ihr geraten, weil der Arbeitsmarkt bekanntlich immer den einen oder anderen Arbeitslosen bereit hält, den man wieder eingliedern muss. Und so machte sie sich erstmal selbst auf der Suche nach einer Arbeitsstelle, in der sie sich eingliedern wollte. Sie wurde fündig im Pôle Emploi, Frankreichs Arbeitslosenamt. Dass Beraterinnen in Sachen Eingliederung in die Arbeitswelt beim Arbeitsamt arbeiten erscheint logisch. Weniger logisch der auf sechs Monate befristete Arbeitsvertrag.

Berater in Wiedereingliederung sind die Berufskategorie mit der höchsten Arbeitslosenquote.

Dieser wurde nach der Frist nämlich erneuert, und Pascale blieb noch Mal sechs Monate im gleichen Arbeitslosenamt. Dann zwei Mal sechs Monate in einem anderen Arbeitslosenamt von Montpellier. Dem grössten des Départements. Jetzt ist sie arbeitslos.
Mehr als zwei befristete Arbeitsverträge darf man beim gleichen Arbeitgeber nämlich nicht haben. Das schreibt das Gesetz vor. Also ist Pascale weg von einer Arbeitsstelle, in der sie gut war, Spass hatte, und anderen helfen konnte. Sie hatte ausgezeichnete Beziehungen sowohl zu Kollegen als auch zu den Arbeitslosen, die sie betreute. Doch nach zwei Mal sechs Monaten war es vorbei mit der guten Arbeit. Dabei ist es nicht so, dass es nun nix mehr zu tun gibt, da wo sie war. Im Gegenteil ! Es gibt genug Arbeit für einen unbefristeten Vertrag. Aber auf die unbefristeten Verträge in „ihrem“ Arbeitsamt darf sich Pascale nicht bewerben. Die sind reserviert. Für andere, die bereits befristete Verträge im Arbeitsamt haben. Aber nicht mehr da leben wollen, wo sie leben. Sprich : hat ein Mensch in Paris einen unbefristeten Vertrag beim Arbeitsamt, aber möchte gerne nach Montpellier ziehen, aus welchen Gründen auch immer, dann hat er Vorrang auf den Job, und die, die schon hier leben, müssen halt arbeitslos bleiben, sobald sie ihre zwei Mal sechs Monate haben. Höchstens, ein anderes Arbeitsamt öffnet wieder so eine Stelle. Pascale kennt den Menschen, der jetzt ihren Job macht. Die Welt der Berater ist klein. Weil man nie weiss, was passieren kann, rufe ich eine Freundin an, die im Sozialbereich arbeitet. Ob sie zufällig was von einem Job für Berater in Wiedereingliederung gehört habe. Es kommt nur trockenes Lachen. Berater in Wiedereingliederung seien die Berufskategorie mit der höchsten Arbeitslosenquote, erklärt sie mir. Ausgebildet werden sie trotzdem weiter. Und dann im Halbjahrestakt verbraucht…

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