Engagement: Singa im Gespräch

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Rebecca Avajon leitet in der Region Occitanie, im Süden Frankreichs, eine Zweigstelle der Bewegung SINGA – ein Projekt, das Einheimische und Flüchtlinge in Kontakt bringt, wo gemeinsame Projekte geplant und Geflüchteten die Integration erleichtert werden soll. Le petit piaf hat Rebecca auf einen Kaffee getroffen.

© Stefanie Eisenreich.

Seit zwei Jahren finden hunderttausende Flüchtlinge Zuflucht in Europa. Sie kommen zunächst in Auffanglagern unter und müssen sich auf einen langen Weg ohne Arbeit und Wohnung einstellen. Der französische Verein SINGA hat u.A. das Projekt CALM (Comme à la maison – dt.:Wie zuhause) ins Leben gerufen, eine Art Couchsurfing für Geflüchtete. Seit 2015 kümmert sich Rebecca um die Koordination der Initiative in Montpellier. Die Bewegung wurde 2012 in Paris gegründet und unterhält mittlerweile Büros in ganz Frankreich, Deutschland, Belgien und Kanada. Le petit piaf hat mit Rebecca über ihr Engagement gesprochen.

Manchmal gibt es Vorbehalte von Menschen, die schlecht darüber informiert sind, was Migration bedeutet oder warum und wie die Menschen flüchten mussten und nach Europa kamen.

Hallo Rebecca. Du koordinierst Singa Montpellier seit 2015. Was war der Auslöser für dein Engagement für Singa?

Das war eine sehr schöne Gelegenheit. Ich habe Singa mit einer meiner Schwestern entdeckt als wir auf der Suche nach Möglichkeiten waren, Geflüchtete zu begleiten. Wir sind im Internet auf die Initiative CALM (Comme à la maison) gestoßen und über CALM schließlich auf Singa. Wir haben uns zunächst eingeschrieben, um einen Flüchtling bei uns aufzunehmen. Kurz danach wurde ich angerufen, weil Singa noch keine Antenne nach Montpellier, aber einen Kontakt zu einem jungen Geflüchteten aus Haiti hatte und auf der Suche nach einem « Buddy » war, einer Person also, die ihn bei bestimmten alltäglichen Dingen begleitet. Zu der Zeit war ich auf der Suche nach Arbeit im sozialen Bereich. Also habe ich eine Bewerbung an Singa geschickt. Zufällig suchten sie gerade jemanden in Montpellier. Ich hatte ein Bewerbungsgespräch, bei dem sie mich fragten, ob ich bereit wäre, Singa in Montpellier aufzubauen. Im Grunde war der Auslöser für mein Engagement bereits der erste Kontakt mit Singa. Ich fand einfach ihre Philosophie toll.

Wie würdest du die Philosophie von Singa beschreiben?

Es geht vor allem darum, das Zusammenleben zu unterstützen und das nicht nur in der Theorie sondern auch in der Praxis, indem die Zivilgesellschaft und die Geflüchteten in die Projekte eingebunden werden. Das erlaubt eine professionnelle Begleitung, bei der wir gemeinsame Momente teilen und Projekte zusammen aufbauen. Das wiederum verbessert das Zusammenleben und hilft, Grenzen zu überwinden, ja sogar die wirtschaftliche Entwicklung zu fördern.

Ihr bringt Geflüchtete mit den Menschen des Gastlandes in Kontakt. Wo genau knüpft ihr diese Kontakte?

Viele haben von uns aus den Medien gehört, vor allem im vergangenen Jahr im Zuge der sogenannten « Flüchtlingskrise. » Viele Medien haben zu diesem Zeitpunkt vor allem über unser Projekt CALM gesprochen, woraufhin sich Einige dafür auf unserer Internetseite eingeschrieben haben. Wir nutzen außerdem sehr stark die sozialen Netzwerke und bieten regelmäßig öffentliche Präsentationen an, über die wiederum die Medien berichten. Und über unsere Workshops und Mundpropaganda kommt eine Person in Begleitung einer anderen, der wir von Singa berichten und die sich danach wiederum dafür interessiert, sich einzubringen…et voilà ! Manche kommen auch, weil sie in ihren Studentenvereinen oder Sportclubs von uns gehört haben. Im Allgemeinen aber ist es viel soziales Netzwerken und Buschfunk.

Im Zuge der sogenannten « Flüchtlingskrise » erleben wir in Europa gerade eine Zunahme rechtsradikaler Bewegungen. Warst du bereits mit Vorbehalten gegenüber Singa konfrontiert?

Mir sind viele Vorbehalte zu Ohren gekommen, aber persönlich bin ich damit nicht in Berührung gekommen. Und bin ziemlich froh darüber. Manchmal gibt es Vorbehalte von Menschen, die schlecht darüber informiert sind, was Migration bedeutet oder warum und wie die Menschen flüchten mussten und nach Europa kamen. Wir bei Singa konzentrieren uns vor allem auf die Begegnung, das Kennenlernen und eine professionnelle Begleitung. Im Namen von Singa sind wir weder militant noch humanitär. Das kann ebenfalls falsch interpretiert werden, vor allem von Vereinen, die sich mehr in der Notfallversorgung engagieren. Ich denke nicht, dass es nur eine Notversorgung geben sollte. Ich bin im Gegenteil davon überzeugt, dass es wichtig ist, eine wirtschaftliche Entwicklung zu fördern und Hindernisse zu verringern, damit geflüchtete Menschen eine reelle Chance haben, sich in der Gesellschaft zu integrieren.

Man lernt unglaublich viel über sich selbst und die Anderen, oder seine eigene Vison der Dinge nicht mehr als den Nabel der Welt zu sehen.

Kannst du mir eines deiner Herzensprojekte von Singa beschreiben ?

Oh, da ja alles in der Entwicklungsphase ist, gibt es viele davon, auch solche, die ganz klein angefangen haben. Aber am Anfang können ja vor allem diese kleinen Dinge zu großen Hoffnungsträgern werden. Vor Kurzem haben die ersten « Bla bla » – Workshops stattgefunden. Da gab es sehr schöne Begegnungen von Leuten, die sich nun weiter für Singa engagieren. Außerdem begleiten wir mittlerweile viele Einzelprojekte, die den jeweiligen Personen erlauben, ihre Qualitäten hervorzuheben und in einem Bereich zu arbeiten, der ihnen wirklich gefällt anstatt in einem Job festzustecken, den sie nicht möchten, weil sie keine Wahl haben.
Daneben organisieren wir gerade Veranstaltungen, die so viele Menschen wie möglich zusammen bringen sollen, wie zum Beispiel die Singa Night im Dezember, ein großes Konzert mit MusikerInnen aus der Gemeinschaft.

Was hast du in deiner Arbeit mit geflüchteten Menschen gelernt ?

Ich denke, man lernt unglaublich viel über sich selbst und die Anderen, oder seine eigene Vison der Dinge nicht mehr als den Nabel der Welt zu sehen. Es ist sehr interessant, zu lernen, dass es nicht für alle logisch sein muss, etwas auf diese oder jene Art und Weise wahrzunehmen. Es wäre gut, sich mehr von der Kultur oder der Besonderheit der Menschen inspirieren zu lassen, die in dieses für sie neue Land kommen.

Und hast du noch eine schöne Erfahrung, die du teilen möchtest ?

Ich habe den Eindruck, dass meine Erfahrung mit Singa bereits im Alltag sehr bereichernd ist. Eine Sache, die mich besonders glücklich gemacht hat, ist die Geschichte eines unserer Freunde, der übrigens auch Botschafter für Singa ist. Er heißt Aziz, ist noch Asylsuchender und war in seinem Heimatland Landwirt und Tierzüchter. Als Asylsuchender hat er hier nicht das Recht, zu arbeiten, obwohl er sehr kontaktfreudig und engagiert ist, sich kümmert und sehr in der Gemeinschaft von Singa investiert ist. Er war ein bisschen erschöpft von der Situation und seine Arbeit fehlte ihm sehr. Wir konnten anschließend eine Familie finden, die sich ursprünglich für CALM eingeschrieben hatte und die Aziz zwei Wochen lang bei sich, auf einem Bauernhof, aufnahm. Dort konnte er wiederfinden, was ihm gefehlt hat. Als er zurückkam, hat er uns Käse und Joghurt mitgebracht ! Das ist keine große Sache, zwei Wochen sind kurz. Aber ich habe ihm angesehen, wie viel Freude ihm das bereitet hat. Dafür arbeiten wir !

Vielen Dank für das Interview, Rebecca!
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