Goethe reloaded

In Interviews, Kunst und Kultur by Petit piaf0 Comments

Lange suchte man in Frankreichs zweitgrößter Stadt Marseille vergeblich nach einem Goethe-Institut. Unsere Autorin Julia sprach mit Joachim Umlauf, dem Leiter der 2014 wieder eröffneten Vertretung in Marseille.

© Julia Solinski. Veröffentlicht auch bei ParisBerlin. 

25 Jahre lang, seit 1989, suchte man in Marseille vergeblich nach einem Goethe Institut. Die Verbreitung der deutschen Sprache und Kultur, der sich das 1951 gegründete Institut widmet, blieb in dieser Zeit in der zweitgrößten Stadt Frankreichs anderen überlassen. Bis 2013, als sich das Institut zurückmeldete – zunächst einmal mit einer bescheidenen Zweigstelle. Julia Solinski sprach mit Leiter Joachim Umlauf und Programmreferentin Tsveta Dobreva über den „kulturell schwierigen“ Standort Marseille und die Herausforderungen in Frankreich.

Herr Umlauf, ist die Wiedereröffnung Ausdruck eines steigenden Interesses an der deutschen Sprache, wie es in den vergangenen Jahren in Italien, Spanien und Portugal zu beobachten war?

Joachim Umlauf: Das Interesse ist dort angestiegen, wo Arbeitsmigration ein großes Thema ist – also vor allem in den genannten Ländern. Frankreich bildet da eher die Ausnahme: Trotz hoher Arbeitslosigkeit im Süden sind alle Bemühungen bisher leider eher fruchtlos geblieben.

Welche Bemühungen meinen Sie konkret?

Umlauf: Es gab und gibt viele Kampagnen, um über die gute Arbeitsmarktlage in Deutschland aufzuklären und arbeitslose Franzosen so für einen Job im Nachbarland zu interessieren. Allerdings eben ohne den großen Erfolg, der in Spanien oder Italien zu beobachten ist.

Das Interesse an Deutschkursen ist in Frankreich also nicht steigend ?

Umlauf: Genau. Das hängt aber nicht unbedingt mit einer Unterrepräsentation der deutschen Sprache zusammen, sondern ist eher eine Folge des umfänglichen Deutschunterrichts in den Schulen. Bei einer Million französischen Deutschschülern gibt es in der Erwachsenenbildung einfach eine andere Bedarfslage, als beispielsweise in Spanien, wo kaum Deutsch in der Schule gelehrt wird.

Dazu passt, dass das die Vertretung in Marseille keine Deutschkurse anbietet. Wie ist das mit den Worten von Institutspräsident Klaus-Dieter Lehmann zu vereinbaren, der 2011 gegenüber der Tagesschau das Goethe Institut als „Agentur für Sprachunterricht“ charakterisiert hat?

Umlauf: Nun, Sprache meint auch andere Formen als Unterricht, zum Beispiel Bildungskooperationen mit Schulen und Workshops für Deutschlehrer.

Im Sinne von „train the trainer“?

Umlauf: Genau. Die Aufgaben des Goethe Instituts umfassen ja vier große Bereiche: Neben dem Sprachunterricht auch die Betreibung deutschsprachiger Bibliotheken, die Organisation von Kulturveranstaltungen und Bildungskooperationen, also Kinoveranstaltungen, Konzerte etc. Längst nicht alle Institute machen alles; Sprachkurse gibt es nur an vier der acht Institute in Frankreich.

Kann man im digitalen Zeitalter, im ständigen Wettstreit mit allzeit verfügbaren Freizeit- und Lernangeboten überhaupt noch junge Menschen für Sprachkurse begeistern?

Umlauf: Die Frage stellen wir uns natürlich permanent. Wahr ist, dass wir über neue Formate nachdenken müssen. Aber es zeigt sich mittlerweile auch, dass das reine Onlinelernen auch nicht tragfähig ist.

Sie meinen Angebote wie die Internetplattform Duolingo?

Umlauf: Ja. Die Leute wollen heute schneller lernen, modularer, und sich nicht längerfristig binden. Aber eine Sprache zu lernen ist etwas genuin Physisches, etwas, für das es den Austausch mit anderen Menschen braucht. Das reine Onlinelernen ist nicht die Zukunft. Deshalb haben wir unser Kurssystem in Frankreich vor kurzem umgestellt: Von Semester- auf Trimesterangebote. Es gibt jetzt also drei Kursangebote pro Jahr.
Ein anderes Problem ist, dass die Tendenz zum Erlernen nur einer einzigen Fremdsprache geht. Vor allem in Skandinavien kann man das beobachten, dort wird Englisch mehr und mehr zur Lingua franca. Das ist eine wirkliche Gefährdung für das Erlernen von Deutsch und Französisch, eine ständige Aufgabe für uns als Institut! Wir argumentieren: Mit einer dritten Sprache ist man beruflich im Vorteil.

„Marseille ist ein der wenigen Städte Frankreichs, die sich derzeit kulturell so schnell entwickelt.“ (Tsveta Dobreva)

Wenden wir uns Marseille zu: Die Stadt hat sich ja in den letzten Jahren, vor allem mit dem Status als Kulturhauptstadt 2013 sehr verändert. Es wurden großflächig Gebäude saniert, Straßen ausgebaut und große Gebiete in Stadtnähe unter Naturschutz gestellt. Aber was hat sich kulturell getan?

Tsveta Dobreva: Das Projekt der Kulturhauptstadt 2013 war weniger Startpunkt sondern vielmehr Fortsetzung einer 20-jährigen Entwicklung, die durch das Projekt Euromeditérranée angestoßen worden ist. 2013 war damit verglichen eher ein kleines kulturelles Highlight. Immerhin ist dadurch das Goethe-Institut wieder in die Stadt gekommen und hat sich in dem Kulturzentrum La Friche Belle de Mai angesiedelt.

Umlauf: Einer der ganz wenigen Freiräume in der Stadt! Ansonsten gibt es hier bisher nur wenige öffentliche Räume. So gesehen ist Marseille kulturell ein schwieriges Umfeld.

Dobreva: Das sehe ich eher als Vorteil. Die Situation ist hier ähnlich wie im Ruhrgebiet, das haben die Projekte der jeweiligen Kulturhauptstädte (RUHR2010 und MP2013) gezeigt: Gerade weil es noch nicht viele etablierte Kulturinstitutionen gibt, können sich Projekte und Ideen schneller entwickeln. Die urbane Situation schafft auch freien Raum für Neues. Das beste Beispiel ist ja das Gelände hier, La Friche La Belle de Mai an der Grenze zwischen reicher Süd- und armer Nordstadt. Seit 20 Jahren ist das ein Kulturzentrum, aber seit 2013 wird es viel stärker gefördert. Heute gibt es hier neben unzähligen Ateliers mehrere Theatersäle, ein Kino, Ausstellungsräume, aber einen Kindergarten und Sportplätze, Sozialwohnungen werden gebaut. Marseille ist ein der wenigen Städte Frankreichs, die sich derzeit kulturell so schnell entwickelt.

Umlauf: Unser Ziel in Marseille ist ein Kulturzentrum im Sinne unseres heutigen Verständnisses von Kultur: Nicht nur Hoch-, sondern auch Alltagskultur. Denn was nützt die schönste Kulturlandschaft, wenn sie immer nur von dem gleichen Klientel besucht wird?

Sind Fragen der sozialen Integration und der aktuellen Politik deshalb so präsent im Kulturprogramm des Marseiller Instituts?

Umlauf: Das hat auch etwas mit den Möglichkeiten und Partnern zu tun, die wir vor Ort vorfinden. Eine Ausstellung oder eine Theatervorführung realisiert sich ja nicht von alleine. Aber ja, wir sind als Institut frei von inhaltlichen Vorgaben, wir können kritisch sein und eben auch soziale Fragen in unsere Programmplanung einbinden.

Frau Dobrova, Herr Umlauf, vielen Dank für das Gespräch.

Aktuell zeigt das Goethe Institut in La Friche Belle de Mai die Ausstellung „25 Jahre Ostkreuz“. Zu sehen sind Arbeiten der berühmten deutschen Fotoagentur zu so unterschiedlichen Themen wie Urbanisierung, Jugendkultur oder dem Alt-Werden. Mehr Informationen finden Sie hier.

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