Häuten

In Restaurants by Petit piaf0 Comments

Selbst wenn man einer Sprache mächtig, ist kann man manchmal vor einem Rätsel stehen. Warum z.B. soll eine gefrorene Zwiebel besonders appetitanregend sein? Wir haben’s getestet – und uns verliebt.

© Marie Urdiales.

In manchen Fällen sei dem Leser einfach geraten, dem Magen mehr Vertrauen zu schenken als dem Gehirn und sich unter der Zwiebeln’ Häute begeben. L’Oignon Givré. In französischer Sprache klingt der Name wie ein Konzept, und so ist es in dem Fall tatsächlich. L’Oignon Givré, zu deutsch also etwa die „gefrorene Zwiebel“, ist ein kleines außergewöhnliches Lokal mitten in einem der Studentenviertel von Montpellier.
In der Altstadt, nah an der pharmazeutischen Fakultät, am Fuße der Rue de l’Université, ist die kleine Holzterrasse eigentlich nur eine von vielen in der gepflasterten Ecke. Hat was rustikales, wirkt nur bedingt gemütlich, ist aber bei schönem Wetter immer voll. Warum?
Vielleicht schon mal, weil die Oignon Givré etwas bietet, was in Frankreich sowieso, und in der Provinz erst recht, noch unbekannt ist: alternatives Flair. Ein bisschen im Müsli Style, würde man in Deutschland wohl dazu sagen. Die Deko pflegt Spanisch angehauchte Stimmung, überhaupt hört man viel Spanisch hier, es darf vermutet werden, dass das Team eine Vorliebe für Musik von der iberischen Insel hat. Innen bedingt die Fensterlosigkeit eine gewisse Dunkelheit, die aber gerade in den heißen Sommermonaten nicht unangenehm, weil kühl ist. Im Winter erinnert es an deutsche Gemütlichkeit. Wer es heller mag, kann ja auf der Terrasse essen, oder im Vorraum.

Nun sind aber natürlich weder rustikale Terrasse noch spanische Musik an sich schon Konzept. Was also ist am Oignon Givré so ungewöhnlich, dass die Petit Piafs das Lokal fast zu ihrer Kantine erklärt haben? Erster Pluspunkt: „givré“ steht umgangsprachlich für „verrückt, leicht durchgeknallt“ im überaus freundlichen Sinne. Da „les piafs givrés“ fast unser zweiter Name sein könnte, findet hier ein eindeutiger Identifikationsprozess statt. Zweiter wesentlicher Punkt: es schmeckt! Dritter sympathischer Aspekt: es ist günstig und daher gerade für einen Mittagstisch so zwischendurch besonders gut geeignet. Vierter Punkt: es dürfte einer der wenigen Läden sein, in denen selbst der vegetarische Piaf unter uns sein Glück findet! Das Konzept der durchgeknallten Zwiebel: täglich zwei verschiedene Quiches, eine mit, eine ohne Tierisches drauf. Im Winter gibt’s auch Suppen. Man kündigt seinen Wunsch an und bekommt es auf ein Tellerchen serviert. Mit dem Tellerchen begibt man sich dann zum Salatbüffet, greift sich Besteck und probiert die täglich wechselnden und frisch zubereiteten Salate aus, soviel das Herz begehrt und der Magen es zulässt. Die Kombinationen sind immer wieder erstaunlich, Gemüse, Hülsenfrüchte, Gewürze, Nudeln… Quiche & Salat kosten 8 €, wer einen Nachtisch möchte hat die Qual der Wahl zwischen verschiedenen (hausgemachten) Kuchen- und Tortensorten, und dann kostet es ein kleines bisschen mehr.

Getränke gibt’s am Tresen und weil man sich hier für „der Gast ist auch ein Freund und bedient sich am Besten selbst“ entschieden hat, ist es eben günstig und auch immer wieder eine gute Gelegenheit, vor den großen bunten Schüsseln nett ins Gespräch zu kommen. Der Nährwert der Kichererbse, immer wieder eine neue Freundschaft wert! Abends ruht die Zwiebel übrigens, genauso wie am Wochenende. Mittagstisch ist hier das Schlagwort!

L’Oignon givré, 46 rue de l’Université, und nicht von dem Internet Eintrag „restaurant italien“ verwirren lassen!

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