Heimat

In Anekdoten by Petit piaf0 Comments

Es ist mal wieder soweit. Seit vielen Monaten bin ich nun für drei Wochen zurück in Dresden auf Heimaturlaub. Doch oh Heimat, was bedeutest du mir eigentlich?

© Stefanie Eisenreich.

Immer wenn ich auf Heimaturlaub bin, fahre ich mit dem Zug von Marseille aus über Frankfurt nach Dresden. Sobald ich dort aussteige, überkommt mich ein Gefühl der Nostalgie. Ich laufe in die Neustadt, mein altes Stadtviertel, in dem sich auch meine ehemalige Wohngemeinschaft befindet – und fühle mich zuhause. Ich esse seit Langem mal wieder Schwarzbrot – und fühle mich zuhause. Ich spreche Deutsch, laufe an Orten vorbei, die ich seit Jahren kenne – das Dürüm-Kebab Haus zum Beispiel, immer noch überfüllt mit einem immer noch unschlagbaren Angebot an Döner und Dürüm. Glücklich bestelle ich mir Halloumi – gibt es in Frankreich nicht! Dann gehe ich spazieren, an der Elbe, in der Heide und durch den Alaunpark – und fühle mich zuhause. Und danach bestelle ich mir in einem kleinen Eckcafé, das den kitschigen Namen Mondscheinpalast trägt, einen Kaffee – und kann nicht mit meiner Visa-Card bezahlen. Ich bin ehrlich und ganz typisch französisch empört! Und das nachdem ich meine Bestellung mehr oder weniger hingestammelt hatte, weil der deutsche Satzbau mir die Zunge verknotete. „We can speak in English if you want,“ sagte die Kellnerin verständnisvoll. „Putain“ wollte ich rufen, ich kann kein Deutsch mehr! Bevor ein Gewitter vom Himmel platzte und das Thermometer Ende Juli auf 18Grad sank.

Und für diesen Moment fühlte ich mich eben nicht mehr zuhause, dachte an Sonnenschein und Meeresrauschen, französischen Café Crème, unser WG-Häuschen im arabischen Viertel Montpelliers und die Möglichkeit, im schlimmsten Fall sogar mit Scheck bezahlen zu können.

Was also heißt Heimat nun? Hier, dort? Dazwischen? Ein Ort, die Elbe, das Mittelmeer? Schwarzbrot oder Baguette? Die deutsche Sprache? Goethe, Schiller, Molière? Wer Heimat beschreibt, ist versucht, solche Merkmale zu nennen. Aber ist es wirklich das, was Heimat ausmacht? Oder ist es nicht viel mehr, die romantische Nacht, die ich mit meinem Ex-Freund an der Elbe einst verbrachte? Oder ist es das Glücksgefühl, das ich empfinde, wenn ich nach Montpellier komme und meine Mitbewohner mich mit einem Essen und Wein empfangen und ich weiß, dass der Sommer uns hier bis Ende Oktober ganz sicher verwöhnen wird? Oder sind es die Erinnerungen, die ich hege, wenn ich an die Kleinstadt denke, in der ich aufgewachsen bin und wo einst ein Streit um Maschendrahtzaun und Knallerbsenstrauch ausbrach?

„Es sind die Geschichten,“ könnte Carolin Emcke, Publizistin und Journalistin, es in ihrem Buch Weil es sagbar ist nicht besser ausdrücken, „die wir erinnern und erfinden, in denen wir uns behaglich fühlen oder unwohl, über die wir uns freuen und fürchten, die wir weitererzählen und neu erzählen, die ergänzt werden durch Einwanderer und Reisende, die dazugehören, weil ihre Geschichten an unsere anschließen und ihre zu unseren werden. Es sind Phantasien und Assoziationen, Verse und Lieder, die mehr sind als ein Ort.“
Und so schätze ich mich glücklich, denn ich habe mittlerweile mehr als nur eine Heimat, genau genommen habe ich drei. Und eine davon liegt seit drei Jahren in Südfrankreich.

Leave a Comment