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In Kunst und Kultur by Petit piaf

Montpellier ist eine der bekanntesten französischen Städte für Street Art. Ganze Häuser werden hier zu Street-Art-Projekten. Anders als in manch anderen Städten ist dies von der Kommune sogar gewollt.

© Stefanie Eisenreich. Photos © u.A. CSSjpg. Erschienen bei FplusD im Dezember 2014.

Banksy gilt als der bekannteste und auch als mysteriösester Straßenkünstler weltweit. Seine Werke gehen um die Welt, seine Nachricht scheint klar: Die wahren Vandalisten sind für ihn „diejenigen, die ganze Straßen mit Werbeplakaten bepflastern und abscheuliche Hochhäuser bauen und nicht jene, die deren Wände mit Kunst verschönern.“ So wird es zumindest aus dem Film Banksy – Exit through the gift shop deutlich.
Es ist ein ewiger Zwist: Für die einen ist es Vandalismus, für die anderen Kunst. Doch wer durch die Straßen von Paris, Montpellier oder anderer Kulturmetropolen spaziert, dem wird schnell klar, dass differenziert werden muss. Florine Menant, junge Galeristin des Studio 411 in Montpellier, schwärmt von der Dynamik der Stadt: „Ich habe den Eindruck, dass es hier eine Freiheit künstlerischen Ausdrucks in den Straßen gibt, wie sonst nirgends. Die quais duVerdanson von Montpellier sind weltweit bekannt. Die Stadtverwaltung geht hier besonders locker mit Straßenkunst um, was natürlich sehr viele Künstler anzieht.“

„Die Straße ist unsere Werkstatt“

Einer von ihnen heißt Jean-Philippe. Er hat einen deutschen Vater und plant demnächst ein Straßenkunstprojekt in Deutschland. Wo verrät er nicht, nur dass es sich um zwei große Fresken handeln soll. Der 28-jährige Straßenkünstler wohnt in der Nähe von Montpellier und hat gemeinsam mit anderen Künstlern das partizipative Gemeinschaftsprojekt CSSjpeg ins Leben gerufen. CSS steht dabei für Cascading Style Sheets und jpeg für Joint Photographic Group. Das Künstlerkollektiv möchte den öffentlichen Raum vor allem dafür nutzen, einen neuen Blickwinkel auf die Natur zu ermöglichen. „In einem Workshop habe ich Kinder einmal gefragt, ob es für sie in der Stadt noch freie Natur gibt. Die meisten haben natürlich verneint, außer ein kleiner fünfjähriger Junge, der zu mir sagte: ‚Aber natürlich. Wenn ich auf meinem Balkon stehe und die Wolken betrachte, dann ist das doch die freie Natur, nicht?‘ Dieser Junge hatte für mich alles verstanden,“ erzählt Jean-Philippe schmunzelnd. „Genau das möchten wir zeigen und die Öffentlichkeit damit einladen, ihre Umwelt zu beobachten und sich Fragen zu stellen.“ Die Künstler vereinen in ihren Fresken Fotos, die in der Natur entstanden, zu einem großen Mosaik, was den Namen des Kollektivs erklärt. Um die Verbindung zur Natur in ihre gesamte Arbeit zu integrieren, setzen diese Künstler auch auf Nachhaltigkeit und nutzen ihren eigenen, aus natürlichen Rohstoffen hergestellten Leim, „der ganz nebenbei noch die Wände instand hält.“

Weltweit bekannt sind außerdem die Mosaikgesichter der sogenannten Space Invaders, die ihren Ursprung in Montpellier haben. Der Künstler selbst, der sich Invader nennt, hat damit seiner Heimatstadt ein kleines künstlerisches Denkmal gesetzt. Besucher aber müssen aufmerksam durch die Straßen gehen, um die kleinen Mosaikmännchen zu entdecken. Nach dem Vorbild eines Computerspieles aus dem Jahr 1978 konzipiert, gibt es die Space Invaders aber mittlerweile auch in anderen Städten. Von Amsterdam über London, New York, Dallas, Bern, Istanbul, Tokio zurück nach Paris kann man sich auf die Suche nach den kleinen Mosaikmännchen begeben. Eine Besonderheit zeigt sich dabei in Montpellier: Wenn man die 44 Standorte der Minifresken auf einer Karte markiert, ergibt sich aus der Vogelperspektive die Silhouette eines einzigen großen Space Invaders. Daneben stechen in den Straßen der Innenstadt vor allem die an die Wände geschraubten BMX Räder ins Auge. Der Künstler nennt sich Monsieur BMX und möchte ebenso im Anonymen bleiben wie der Street Artist der Space Invaders. Beide gehören dem Kollektiv @nonymous an. Und beide sind mittlerweile international bekannt, denn auch die BMX Räder lassen sich in Städten wie New York oder Paris wiederfinden.
Natürlich hört die Straßenkunst an dieser Stelle nicht auf. Neben Collagen und Schablonengraffiti à la Banksy entstehen in Montpellier ganze Hausprojekte, wie beispielsweise das Projekt FMR, wo ein gesamtes zum Abriss freigegebenes Haus zum Kunstobjekt und jeder einzelne Raum zum Graffiti wurde. Der Name verrät das Grundlegendenste der Straßenkunst: FMR, abgeleitet von dem französischen Wort éphémère, bedeutet vergänglich oder kurzlebig und das ist es in den meisten Fällen auch. Was zählt, ist die Dokumentation der Arbeit.

Was aber unterscheidet Montpellier von einer Kunstmetropole wie Paris?

„Paris ist vielleicht zu groß, damit die Leute die gleiche Sensibilität für Straßenkunst mitbringen, wie in Montpellier,“ sinniert Florine Menant. Die junge Galleristin stellt in ihrer Galerie auch Künstler aus Deutschland aus, so beispielsweise MadC, eine Berlinerin, deren gesprayte Werke an Aquarelle erinnern. „In Paris muss man sich als Künstler schon etabliert haben,“ fügt Jean-Philippe von CSSjpeg hinzu. „In Montpellier dagegen ist die Straßenkunst mittlerweile so fest in der städtischen Kultur verankert, dass du dich als Künstler hier entdecken und entwickeln kannst.“ Auch er kennt Probleme mit der Polizei und beschreibt Montpellier als vergleichsweise tolerante Stadt, wo mittlerweile Straßenkünstler sogar Auftragsarbeiten erhalten. „Wir wurden einmal von der Polizei bei frischer Tat ertappt. Natürlich nahmen wir zunächst unsere Beine in die Hand und rannten, bis sie uns an der nächsten Straßenecke eingeholt hatten,“ erzählt Jean-Philippe. „Als wir ihnen wahrheitsgemäß antworteten, dass wir für das Kunstwerk verantwortlich seien, lachten sie nur und meinten: ‚Machen Sie ruhig weiter damit. Solange es nicht politisch orientiert ist, ist das sehr gut. Das verschönert die Stadt. Und das nächste Mal müssen sie nicht davon rennen!’“
Wie Banksy und zahlreiche andere Straßenkünstler sind sich also auch Stadtverwaltung und Polizei von Montpellier einig: Street Art kann vor allem dem Zwecke dienen, einer Stadt Charme zu verleihen und Gebäude schöner zu machen. Wer durch die Straßen Montpelliers läuft, kann sich dem nicht entziehen. Dabei stellen sich Künstler wie Jean-Philippe vor allem eine Frage: „Warum sind in manchen Städten die Leute viel mehr darüber schockiert, wenn jemand an eine Hauswand Sprüche taggt als von riesigen Werbeplakaten, die für das Konsumieren von Hackfleisch oder Mode aus Billiglohnländern werben?“