Im deutsch-französischen Liebestaumel

In Anekdoten by Petit piaf4 Comments

Deutsch-französische Beziehungen sind eine Herausforderung. Auf der Suche nach Anekdoten birgt vor allem dieses Thema Potential, das ein oder andere bekannte Klischee ein bisschen auf die Schippe zu nehmen.

© Stefanie Eisenreich. Titelbild © Leonie Wirtz. Bild im Text © Corinna Faubel. www.jugendfotos.de. Erschienen pünktlich zum Valentinstag 2015 bei FplusD.

Nicht nur in der Politik werden die deutsch-französischen Beziehungen als einzigartiges Beispiel europäischer Annäherung groß geschrieben, auch in der Liebe schweben Deutsche und Franzosen nicht selten gemeinsam auf Wolke 7. Doch Achtung: Klischee hin oder her – der Drahtseilakt zwischen Sprachproblemen, kulturellen Unterschieden und dem ganz normalen Beziehungswahnsinn ist kein leichter, birgt aber Potential für schräge Anekdoten. Als Gabriel García Marquez in den 80er Jahren von der Liebe in den Zeiten der Cholera schrieb, waren binationale Liebespaare bei Weitem noch nicht so verbreitet wie heute. Mittlerweile sprechen wir von der Liebe in den Zeiten der Globalisierung, in denen sich immer mehr Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen kennen und lieben lernen – und sich mit ganz besonderen Herausforderungen auseinandersetzen müssen. Da fängt der alltägliche Beziehungswahnsinn bei Sprachbarrieren an und hört bei Missverständnissen nicht auf. Und obwohl wir unserem französischen Nachbarn so nah sind, gibt es himmelweite Unterschiede, die das ein oder andere deutsch-französische Paar an seine romantischen Grenzen treibt. Vom französischen Unverständnis gegenüber der (ost-)deutschen Freikörperkultur, der subtilen Flirtkunst der Deutschen über den kleinen Disput über ungetrennten Müll hin zur geteilten Bettdecke, verschiedenen Ansichten bei der Kindererziehung oder Kommunikationsproblemen, die den unterschiedlichen Muttersprachen geschuldet sind – so manches deutsch-französische Paar kann aus dem Nähkästchen plaudern.

Phänomen Bettdecke

Was der Franzose als furchtbar unromantisch empfindet, ist in deutschen Schlafzimmern so selbstverständlich wie das Aufstehen am Morgen: Der Deutsche teilt nur ungern seine Bettdecke. Während also in Frankreich eine große geteilte Decke Gang und Gebe ist, hat in Deutschland jeder sein eigenes Deckbett. Vollkommen unpraktisch, findet der Franzose. Im Grunde nur pragmatisch, sagt der Deutsche. Lea lebt seit neun Jahren in Frankreich und ist seit zwei Jahren mit einem Franzosen liiert. Auch sie kennt die Problematik der gemeinsamen Bettdecke: „Bei uns war das so, dass ich am Anfang meine kleine Bettdecke beibehalten habe und er seine große, ganz für sich allein. Mittlerweile haben wir zwei große Bettdecken, die wir übereinander gelegt haben, weil uns zu kalt ist. Bei der großen Bettdecke muss man ja immer aufpassen, dass der Wind nicht dazwischen fährt.“ Hinzu kommt die für Deutsche recht spezielle französische Art, die Bettdecke unter die Matratze zu klemmen. „Irgendjemand hat mal zu mir gesagt, in Frankreich müsse man sich regelrecht in das Bett hinein faxen,“ fügt Lea lachend hinzu.

Nackt in der Sauna – nein, echt jetzt?
Der Franzose Guillaume, der mittlerweile in der Schweiz lebt und einige Jahre in Deutschland verbracht hat, war verblüfft, als ihm seine damalige deutsche Freundin eines regnerischen Herbsttages einen Saunabesuch vorschlug. „In Frankreich verbindet man Sauna gleich mit einer Art Swingerclub. In (Ost-)Deutschland aber ist es vollkommen normal, sich in der gemischten Sauna nackt auszuziehen. Am Anfang war das für mich vollkommen fremd. Ich war geniert und bildete mir plötzlich ein, dass alle anwesenden Männer die Brüste meiner Freundin anstarrten.“ So freizügig der Franzose also zu flirten weiß, bei der (ost-)deutschen Freikörperkultur hört die Freundschaft auf.

Flirten auf Deutsch
Schon die deutsche Band „Wir sind Helden“ hat es in einem ihrer Songs besungen: „Aurélie, so klappt das nie. Du erwartest viel zu viel. Die Deutschen flirten sehr subtil.“ Und so ist es. Camille, die zwei Jahre in Deutschland gelebt hat und aus Avignon stammt, kann dem nur zustimmen. „Ich muss gestehen, dass ich die deutschen Männer nie recht verstanden habe. In Deutschland braucht alles seine Zeit, auch die Liebe. Da sind die Deutschen sehr pragmatisch. Und ehrlich: das ist doch furchtbar unromantisch! Entweder war bei den deutschen Männern nie klar, ob oder ob nicht oder sie waren aus dem Nichts heraus schrecklich direkt. Ich bin dann irgendwann mit anderen Ausländern ausgegangen.“ Auch Lea ist so Manches unklar, doch wundert sie sich eher über die Franzosen. „Die Liebe scheint ja in Frankreich an sich schon ein großes Klischee zu sein und geflirtet wird hier auf Teufel komm raus. Wenn es aber darum geht, sich in der Sauna nackt auszuziehen, sind die flirtwütigen Franzosen plötzlich prüde,“ sagt sie kopfschüttelnd.

Liebe geht durch den Magen

Nichts ist von Land zu Land so verschieden wie die Esskultur. Während der Franzose am Abend sein warmes Drei-Gänge-Menü braucht, gibt sich der Deutsche mit Brot und Schneidebrettchen zufrieden. Dagegen braucht Letzterer häufig sein reichhaltiges Frühstück mit Rührei, Schinken und Brötchen. Ihm wäre das französische Frühstück, bestehend aus Kaffee und Croissant, doch bei Weitem zu karg. Janina, ehemalige Erasmusstudentin in Montpellier und ursprünglich aus Wuppertal, kennt diesen frappierenden Unterschied wie jedes deutsch-französische Paar. Auch sie versucht ihrem Freund das deutsche Schneidebrettchen am Abendbrottisch anzudrehen. Unverständlich aber findet sie vor allem die französische Art der Mülltrennung: „Jeden Morgen wirft mein Freund den benutzten Kaffeefilter in den Plastikmüll. Das macht mich ganz wahnsinnig.“ Für den deutschen Öko, der fünf verschiedene Mülltonnen vor dem Haus kennt (Bio, Plastik, Papier, Glas und Restmüll) ist die französische Mülltrennung ein Rätsel. Papier kommt zum Plastikmüll, eine Biotonne gibt es nur selten. Das kann so manchen deutsch-französischen Haushalt auf den Kopf stellen.

Heikel: Binationale Kindererziehung
Natürlich gibt es auch bei den Kleinsten gravierende Unterschiede, über die sich deutsch-französische Paare den Kopf zerbrechen. Bedingt durch äußere Faktoren wie den unterschiedlich langen Mutterschutz fangen diese Unterschiede bei der Stillzeit an und kommen spätestens bei der Einschulung wieder auf den Tisch. „Da kenne ich viele Paare, die sagen, dass sie spätestens ab diesem Zeitpunkt wieder nach Deutschland ziehen wollen. Deutsche haben vor allem großen Horror vor dem elitären Schulsystem der Franzosen, wo ihr dreijähriges Kind schon in die Vorschule muss,“ so Lea.

Wenn der Franzose krank ist
Viele Deutsche kennen sie von Oma: Wadenwickel, heiße Milch mit Honig oder gurgeln mit Salz – alte Hausmittelchen, die schon Opa wieder auf die Beine brachten. Franzosen sind diese nicht fremd, jedoch wird beim deutschen Nachbarn sehr viel schneller in die Arzneikiste gegriffen. Auch von der Krankenpflege in deutsch-französischen Beziehungen weiß Lea zu berichten: „Ja, wenn der französische Partner erkrankt und die deutsche Partnerin versucht, mit heißer Zitrone die Bakterien zu vertreiben, wird man in Frankreich grundsätzlich für verrückt erklärt. Da muss dann gleich das dicke Antibiotika her und ich werde für eine homöopathische Kräuterhexe gehalten,“ erzählt sie lachend. Ob sich die deutschen Männer da so sehr unterscheiden?

Sprache ist nicht gleich Sprache
Wer kennt es nicht: Man sagt das Gleiche, meint das Gleiche – und versteht sich trotzdem nicht. Vor allem in binationalen Beziehungen, in denen einer nicht in seiner Muttersprache kommuniziert ist dies ein immer wiederkehrender Störfaktor. Subtilitäten werden da schnell zur Stolperfalle und Frustration ist unter Umständen vorprogrammiert, wenn Nuancen nicht ausgedrückt werden können. Schwierig ist das vor allem, wenn nur einer die Muttersprache des Anderen beherrscht. „Wenn wir nach Deutschland fahren,“ so Janina, „fühle ich mich wie eine wandelnde Dolmetscherkabine.“ Aber ob binational oder nicht – kommunizieren will gelernt sein, darf man doch nicht vergessen, dass Männer eigentlich vom Mars und Frauen von der Venus kommen.

Comments

  1. Absolut wahr, besonders die Sache mit dem Abendbrot und den obligatorischen Schneidebrettchen! Auch der Blick, den man bekommt, wenn man die Dinger rausholt und „Mann“ fragt, warum es denn „nichts ordentliches zu essen gäbe“ (sprich: warmes Essen). Aber eine entscheidene Sache fehlt: das B R O T !!! Das Heiligtum der Franzosen und ganz unverzeihlich, wenn nicht am Tisch! Auch nach 17 Jahren Frankreichaufenthalt habe ich damit Mühe.. Ich weiss aber inzwischen, wie wichtig dieses Nahrungsmittel ist – schliesslich haben die Franzosen deswegen ihrem König den Kopf abgehackt!

    1. Author

      Oh das stimmt wohl! Selbst neben Kartoffeln, Reis und Pasta wird Brot serviert, was wir Deutschen grundsätzlich schräg finden… Danke für den Hinweis 😉

  2. Sehr, sehr interessant…für aufgeschlossene, neugierige Menschen, die mehr von Land und Leuten erfahren wollen. Ostern 2013 besuchten wir Montpellier und Umgebung, waren begeistert. Die „Barrieren“, Vorurteile verschwinden zunehmend. Reisen, Kontakte, Lesen, etc. bilden und bringen uns Menschen näher…

  3. Na aber Hallo. Der Text hatte tatsächlich ein paar Lacher. Ich wußte nicht, dass das so schwierig werden kann 🙂 Liebe Grüße aus der Heimat !
    P.S. Gratuliere zum Blog.

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