Kein leichtes Leben

In Anekdoten by Petit piaf0 Comments

Leben wie Gott in Frankreich: Wo könnte man das besser als am Mittelmeer? In Marseille zeigt sich das Leben nur zu gern von seiner sonnigen Seite. Anders ist es für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, wie ein zweiter Blick erweist.

Text und Fotos © Julia Solinski. Erschienen auch in der Mai/Juni Ausgabe 2016 des Magazins ParisBerlin.

Es ist ein sonniger Nachmittag in Marseille. Pierre-Frédéric Zieba verlässt seine Wohnung und macht sich auf den Weg zu einer Verabredung. Dafür ist der junge Mann auf einen Rollstuhl angewiesen. Seit seinem 10. Lebensjahr tragen ihn seine Beine nicht mehr zuverlässig. Der Weg zum vereinbarten Treffpunkt ist abschüssig, eigentlich könnte er jetzt die Straße ohne größere Anstrengung hinabrollen – eigentlich. Doch immer wieder versperren auf dem Bürgersteig abgestellte Autos seinen Weg und zwingen ihn zu Umwegen. „Das ärgert mich mit am meisten in meinem Alltag“, sagt Zieba resigniert.
Auch die öffentlichen Verkehrsmittel stellen für Menschen mit Gehbehinderung keine Alternative dar. Schmale Bezahlschranken, keine Aufzüge – wie soll ein Rollstuhlfahrer da die Untergrundbahn benutzen? Busse gibt es in Marseille zwar in großer Zahl, innen sind sie sogar mit einem Stellplatz für Rollstühle ausgestattet; doch praktisch kann ein Rollstuhlfahrer nichts damit anfangen. Zieba macht es an einer Bushaltestelle vor: Der Bürgersteig ist zu niedrig für den Bus, mit dem Rollstuhl hat er keine Chance. Als der junge Mann die Busfahrerin um eine Rampe bittet, die eigentlich offiziell zur Ausstattung jedes Busses gehört, weist sie ihn ab: Sie wisse nicht, wo die Rampe sei. Bleibt nur noch die Straßenbahn, doch die fährt bisher nur in wenigen Bezirken. Wie ein Hohn mutet es da an, dass die öffentlichen Verkehrsmittel in Frankreich allen Menschen mit Behinderung kostenfrei zur Verfügung stehen. Zwei Euro pro Fahrt kostet dagegen der Autoservice der öffentlichen Verkehrsbetriebe, den Gehbehinderte beantragen können, wenn sie sich zwei bis sieben Tage im voraus anmelden.

„Ich habe den Einruck, dass Menschen mit eingeschränkter Mobilität in Frankreich tendenziell ausgegrenzt werden.“Ursula Duplantier, Deutsche und Journalistin in Marseille

Dabei ist Barrierefreiheit in Frankreich sogar gesetzlich geregelt: Spätestens seit dem vergangenen Jahr, so besagt ein Gesetz aus dem Jahr 2005, müssen öffentliche Einrichtungen so gestaltet sein, dass sie allen Menschen zugänglich sind. Wie die Tageszeitung Le Figaro jedoch berichtete, konnten 2014 schätzungsweise gerade einmal 40 Prozent der öffentlichen Einrichtungen als barrierefrei gelten. Der Staat reagierte 2015 auffallend lasch auf diese unbefriedigende Situation und verlängerte einfach die Zeitspanne.
Pierre-Frédéric Zieba will aber nicht nicht länger untätig warten. Der gebürtige Pariser engagiert sich in dem 2015 gegründeten Verein „Harcelons-les!“ (zu deutsch: Ärgert sie!). Mit dem befreundeten Aktivisten Willy Réveillé ist er heute auch verabredet. Der Mann mittleren Alters hat im Februar in einer Onlinepetition mehr Rampen für Busse gefordert. Aufmerksamkeit wolle er damit erregen, sagt Réveillé, aber nicht nur das. Man müsse die Leute mobilisieren, sie zu Demonstrationen und Protesten gegen die öffentlichen Verkehrsbetriebe motivieren. „Schließlich betrifft es doch nicht nur die Rollstuhlfahrer, das Problem haben auch alte Menschen mit Rolllatoren oder Eltern mit Kinderwagen“, entrüstet sich der Aktivist.
Das kann Ursula Duplantier bestätigen. Seit der Geburt ihres ersten Kindes vor sechs Jahren ist die in Marseille wohnhafte Journalistin komplett auf das eigene Auto angewiesen. „Einfach mal mit den Kindern spazieren gehen oder Einkäufe zu Fuß erledigen ist hier nicht möglich“, konstatiert sie. Die gebürtige Hamburgerin empfindet das Leben mit Kindern im Vergleich zu Deutschland als aufwendiger und eingeschränkter. „Ich habe den Einruck“ resümiert die zweifache Mutter, seit zehn Jahre in Paris und Marseille lebt, „dass Menschen mit eingeschränkter Mobilität in Frankreich tendenziell ausgegrenzt werden“.

„Es ist alles eine Frage der Anpassung“, kommentiert Christophe Fofana die Situation zynisch. Seit seiner Geburt ist er fast komplett blind; selbst bei gutem Licht kann er höchstens Silhouetten wahrnehmen. Zwar sei in den letzten Jahren schon einiges für Sehbehinderte getan worden, findet der Masseur. Er demonstriert an einer Ampel die Funktion eines schlüsselgroßen Anhängers, den jeder Sehbehinderte bei der Stadtverwaltung beantragen kann. Ein Signalton erklingt, als er darauf drückt. Als die Ampel auf grün schaltet, wechselt der Ton, und Fofana überquert die Straße. Doch der schlechte Zustand der Straßen und die öffentlichen Verkehrsmittel, fährt der breitschultrige Mann fort, bereiten sehbehinderten Menschen nach wie vor große Probleme. Beim Warten auf seinen Bus sei er auf die Hilfe von Passanten angewiesen, um zu erfahren, welche Buslinie sich der Haltestelle nähert. In den Bussen selbst werde die nächste Haltestelle nur selten laut angesagt. Als geradezu gefährlich erweise sich die Marseiller Metro: 2003 verwechselte eine Blinde die Lücke zwischen zwei Wagons mit einer Wagontür, und geriet unter die Gleise. Der Masseur kann nicht verstehen, warum seine Heimatstadt seitdem nichts unternommen hat. Lyon oder Grenoble seien da schon viel weiter.
Einen guten Überblick über die landesweiten Unterschiede bietet das Barriere-Barometer des Vereins Association des Paralysés de France (APF). 96 Städte und Regionen Frankreichs hatte der Verein zuletzt 2013 hinsichtlich ihrer Barrierefreiheit verglichen. Dass Marseille nur auf Platz 83 landete, dürfte für keinen behinderten oder eingeschränkten Bewohner der Hafenstadt eine Überraschung gewesen sein.

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