Klopapier

In Anekdoten by Petit piaf0 Comments

Lässt sich der Zivilisationsgrad einer Kultur an seinen Toiletten ermessen? Wenn ja, dann pendelt Frankreich irgendwo zwischen Antike und Mittelalter, und zeugt von zuweilen eigenwilligem Sinn für Ästhetik.

© Marie Urdiales. Titelfoto © Nikolas Keckl. www.jugendfotos.de

Lange galt Frankreich als das Land, in dem zur gleichen Epoche Menschenrechte und Plumpsklos koexistierten. Nun erodieren beide seit einigen Jahren langsam aber stetig, doch das, was nach und nach die Plumpsklos ersetzt, ist nur bedingt als „Besserung des Bestehenden“ zu sehen. Tatsächlich verschwanden in den letzten Jahren viele von den grossen Löchern mit den riesigen Abstellplätzen für die Füsse. Man setzte diesen gerade für französische Autobahnen typischen, stinkenden Zeugnissen des widerstrebenden Einzuges der Moderne in die französischen Provinzen nach und nach eine Schüssel auf. Die Griffe, die man – hatte man Glück – an der Wand fand, und die dazu dienten, sich im letzten Augenblick festzuhalten (kurz bevor man auf den grau-weißen Plattformen auf den Fäkalien des Vorgängers ausrutschte, aber nachdem es einem mühsam gelungen war, in der Hosentasche nach dem letzten Taschentuch zu greifen; an Klopapier war nicht einmal zu DENKEN!) diese Griffe also wurden durch Klopapierhalter ersetzt. Die zwar oftmals leer sind, aber auf denen man praktischerweise die Packung Papiertaschentücher abstellen kann und die man (jahrelange Erfahrung mit französischen Klos haben ihre Spuren hinterlassen) grundsätzlich mit sich bringen sollte, geht man in Frankreich auf die Toilette. Diese an sich erfreuliche Entwicklung führt zwar dazu, dass man um die kindische Freude gebracht wurde, gleichzeitig hoch zu springen und an der verrosteten Kette zu ziehen, um sinnflutartig Hunderte von Liter Wasser in den engen Raum einstürzen zu lassen mit dem Ziel, KEINE nassen Füsse zu bekommen (ein Ziel, das so gut wie nie erreicht wurde, irgendwas wurde immer nass). Aber sie führte auch dazu, dass man nun mit einem ganz anderen Aspekt der feinsinnigen französischen Kultur bekannt wurde: der Kloästhetik.

Damit meinen wir nicht die Tatsache, dass viele Toiletten in Frankreich nicht mal den Ansatz einer Klobrille vorweisen können. Das, werden Ihnen viele Franzosen hochnäsig erklären, das sei schließlich hygienisch zu erklären, denn wer wisse schon, welche hinterhältigen Bakterien sich unter den Brillen zum Sprung auf den Allerwertesten bereit hielten. Dass glänzende Urintropfen auf dem blanken Schüsselrand einen nur sehr bedingten hygienischen Eindruck mache, wischen Franzosen mit einem Handschlag und ihrer berühmten „mauvaise foi“ beiseite. Keine Brille für die Ästhetik also, auch wenn an dieser Stelle ein schmerzhafter Gedanke in Richtung Médiathèque Centrale de Montpellier geht: Dort wird erst geheizt, wenn die Temperaturen ins Minus sinken (eine sehr südfranzösische Eigenart, bis minus 3 °C hofft man noch, der Sommer käme gleich wieder) was zwar von unverwüstlichem Optimismus zeugt, jedoch schwer zu vereinen ist mit der Hochdesign Stahlkloschüssel. Wem noch nie Hautfetzen gleichsam unter’m A… weggefroren sind, der werfe die erste Rolle Klopapier. Doch wie gesagt, darum geht es hier nicht.

Nein, es geht vielmehr darum, was der Franzose so alles mit den Toiletten in öffentlichen Räumen anstellen kann. Klopapier an die Decke werfen ist wohl eine internationale Beschäftigung (Piscine Olympique) und wahrscheinlich hindert nur die kleine Durchschnittsgröße der Bevölkerung das Personal daran, diese von der Decke zu kratzen, bevor sie auf das frischchlorierte Haar runterplumsen. Auch hier reißt man Papierhalter von den Wänden und Porzellanschüsseln von den Leitungen. Auch hier ist Seife in den dafür vorgesehenen Behältern Mangelware, so wie das Papier zum Händetrocknen. Nur die heisse Luft weht schicksalsergeben aus den dafür vorgesehenen Maschinen. Und natürlich malen auch Franzosen Schwänze an die Wände und versehen diese mit poetischen Kommentaren („Enzo, I vont tou fük ouiz yü“). Interessant wird es aber, wenn dies auch in grossen Vorzeigeinstitutionen stattfindet und nicht beseitigt wird (Fabre Museum). Und spannend ist es, wenn Kneipen und Restaurants die Deko dieser intimen Räumlichkeiten besonders phantasievoll gestalten. Einen Lattenrost vor der Klotür aufstellen. Ihre Marmeladenreserven dort speichern. Oder allgemein den (kleinen) Raum als (zusätlichen) Lagerplatz nutzen. Leider selten für Dinge, die einem nützlich sein könnten. Wie Klopapier z.B. Oder könnte dieser verstaubte Wildschweinkopf sich irgendwie nützlich erweisen? Ein kurzes Visualisieren zeigt: nein, könnte er nicht, jedenfalls nicht hier und jetzt, wo Sie – ausnahmsweise – Ihre Taschentücher auf dem Tisch haben liegen lassen. Heizung optional, im Süden sowieso. So verbringt man aber auch nicht zuviel Zeit dort, wo der Franzose sozusagen sein wahres Gesicht zeigt.

„Aussen hui und innen pfui“ ist so ein deutscher Ausdruck, der mir oft zu denken gegeben hat. Und es trifft hier auf viele touristische Orte und ihre „Komoditäten“ zu…
Das französische familiäre Wort für Klo ist „trone“, wie der Thron. Games of thrones also im ganzen Land. Anscheinend schlummert in jedem Franzose ein kleines Königskind.

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