Köpernick oder Der Mann mit der Wurst

In Porträts by Petit piaf0 Comments

Es gibt einige Deutsche, die es ob des Klimas in den französischen Süden verschlägt und hier versuchen, sich ihr eigenes Gewerbe aufzubauen. So auch Christian Janssen, der deutsche Currywurstmann von Montpellier.

© Marie Urdiales. Fotos © Christian Hansen und Oxfordian (Flickr, Bild Nr 2 im Text).

Steht ein leuchtend gelber Food Truck unter Platanen. Bis dahin nichts Ungewöhliches. Nur dass die Platanen in Südfrankreich wachsen, dass im Food Truck deutsche Würste braten, und dass nur ein paar Meter daneben ein Glas „foie gras“ offen steht, Frankreichs berühmte Entenleberpastete. Es ist Ende Mai in Montpellier, das Heidelberg Haus feiert sein traditionelles Sommerfest.

Auf dem Gelände des Weingutes Majolan bietet Christian Janssen Bratwürste, Currywürste, und Weisswürste an. Alles mit Pommes, und alles einem französischen Publikum, für das Würste sich zum Essen verhalten wie Cola zum Wein: zwei Welten treffen sich da, die sich laut manchem gar nicht treffen dürften. Man lässt es sich aber dennoch schmecken. Ein paar Tage später treffen wir Christian Janssen wieder, dieses Mal auf dem Parkplatz eines grossen Supermarktes, an einer gut befahrenen Hauptader der Stadt. Bunt ruft der Truck schon von weitem, unter Sonnenschirmen geniessen Gäste ihre Mittagspause, das Angebot, ein fröhliches Nebeneinander von deutschem und mexikanischem Fastfood, scheint anzukommen. „Ja, es klappt eigentlich ganz gut!“ bestätigt der Besitzer des ersten „german food trucks“ in Heidelbergs Partnerstadt. „Aber ich muss trotzdem bald hier weg.“ Der Grund: horrente Mietpreise, die der Supermarkt für das Aufstellen des Trucks auf dem Parkplatz verlangt. „Ohne Strom, oder Wasser, oder sonst was. Nur für das Aufstellen!“ Die Miete, so der Unternehmer, sei fast so hoch, wie für ein Restaurant. Und überhaupt, der Süden! Für jemanden, der aus einem Land kommt, das gemeinhin als recht bürokratisch gilt, setzt Südfrankreich ganz neue Dimensionen. Oder wie ein Deutscher versucht, in Frankreich Currywürste zu verkaufen, und dabei an Frankreichs unbekannte Ecken stösst.

„Ich bin mir oft vorgekommen wie der Hauptmann von Köpernick“, erzählt Christian Janssen. „Solange ich keinen Stellplatz hatte, bekam ich keine Genehmigung, doch ohne Genehmigung gab es keinen Stellplatz!“ Nahezu endlos zog sich die Schleife der fehlenden Papiere, und als er sie dann endlich hatte, wartete schon die nächste Überraschung: „Bei der Handelskammer wollte mir jemand meine Unterlagen nicht genehmigen“, so Herr Janssen weiter. „Also ging ich in ein anderes Büro der gleichen Kammer, wo ich jemanden kannte. Diese Person rief dann jemanden an der jemanden kannte der die erste Person kannte. Und die willigte dann schliesslich doch ein, obwohl sie mir kurz davor alles verweigert hatte!“ Das Willkürliche im Süden hat seinen eigenen Charme. Dabei hatte er mal einen Bericht bei Arte gesehen von einer deutschen Würstchenbude, die in Paris grossen Erfolg hatte. So war ihm dann auch die Idee gekommen, das gleiche in Montpellier zu versuchen. Heidelbergs Partnerstadt ist eine Studentenstadt mit buntem kulinarischen Angebot aus aller Welt, Berlin steht in Frankreich hoch im Kurs, der Mann war also recht optimistisch. Das war aber, bevor ihm die südfranzösische Eigenart begegnete, auch einfache Sachen denkbar kompliziert zu machen. Die Mietpreise für Stellflächen, aber auch die – extrem kostspielige – Ausbildung in Lebensmittelhygiene, die Versicherung, die plötzlich und ohne Grund nicht mehr versichern will, der Bürgermeister einer Gemeinde unweit von Montpellier, der ihn immer wieder versetzt… „In Deutschland wäre alles einfacher und billiger gewesen“, sagt Herr Janssen. Der jetzt zwar nach einem neuen Stallplatz sucht und hofft, seinen leuchtenden Truck bald wieder aufstellen zu können, aber zumindest eines nicht verloren hat, was in Südfrankreich unverzichtbar ist: einen gewissen Sinn für Humor.

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