La Belle de Mai – Gelebte Utopie in Marseille?

In Kunst und Kultur by Petit piaf0 Comments

Die ehemalige Tabakfabrik La Friche in Marseilles Problemviertel La Belle de Mai ist ein Begegnungsraum zwischen armer Nord- und reicher Südstadt. Zwischen Widerspruch und Utopie zählt sie heute zu den kulturell und gesellschaftlich spannendsten Orten Marseilles.

© Stefanie Eisenreich. Photos © Friche.

Drei Worte: Freiheit, Kreativität, Begegnung. So beschreibt Alain Arnaudet, seit vier Jahren Direktor der Friche La Belle de Mai, den Kulturstandort im zentrumsnahen dritten Arrondissement Marseilles. Kein Zweifel: Am Eingang spielen Kinder auf einem extra dafür angelegten Platz Fuß- und Basketball, während Jugendliche sich nebenan auf ihren Skateboards über die Rampen schwingen. Mit den Graffiti an den Fassaden der Friche hat Straßenkunst sich hier einen Platz erobert. An der Wand des Treppenaufgangs prangt der Schriftzug „Nein zu Krieg, nein zu Kapitalismus!“ Ein Statement, das dem Ort einen Hauch Anarchie verleiht. Gegenüber dem Skatepark finden sich in den oberen Stockwerken des alten Fabrikgebäudes Theater, Künstlerateliers, der örtliche Radiosender Grenouille (zu Deutsch: Radio Frosch) sowie regelmäßig wechselnde Ausstellungen. Im ehemaligen Maschinenraum, der zu einem gemütlichen Lesecafé umgestaltet wurde, können sich Besucher aber auch einfach durch die Bibliothek schmökern und dabei einen Kaffee genießen. Möglichkeiten zum kulturellen Zeitvertreib gibt es hier viele.

Gelebte Utopie oder kultureller Widerspruch?

Die Friche ist ein Ort, der an so manches brachliegendes Industriegebiet aus dem Ruhrgebiet erinnert. Oder an die Zeit der besetzten Häuser in Berlin. „Orte wie dieser gehören zum Zeitgeist,“ sagt der 54jährige deutsche Künstler Alfons Alt, der seit 1995 sein Atelier hier hat. Als die ehemalige Fabrik Anfang der 80er Jahre schließen musste, verloren zunächst viele Menschen ihren Arbeitsplatz. Der wirtschaftliche Motor, der vielen Familien aus der Kommune eine Integration und vor allem ein Überleben erlaubte, brach plötzlich weg. Dass sich daraus die Friche entwickeln konnte, wie sie heute ist, sei laut Alfons Alt vor allem dem ehemaligen Direktor Philippe Foulquier zu verdanken. „Der war halt Kommunist und hat die Weichen dazu gestellt. Gewisse Projekte werden hier möglich, weil wir gemeinsam daran arbeiten.“ Die Gemeinschaft habe dadurch eine Stärke, so der Künstler. Neben Gemeinschaftsgärten sollen auf dem Gelände bis 2018 Sozialwohnungen gebaut werden – eines der zahlreichen Projekte, die hier im Kollektiv entstehen. War die Friche in den ersten 20 Jahren vor allem ein Ort des Experimentierens, haben sich mittlerweile 70 Vereine und Strukturen hier eingerichtet. Täglich arbeiten daneben knapp 400 Künstler in der Friche.

Doch wie die Stadt Marseille selbst, so ist auch die Friche la Belle de Mai ein widersprüchlicher Ort. Zwischen reicher Südstadt in Hafennähe und armer Nordstadt liegt das Gelände in einer der ärmsten Kommunen Frankreichs. Dabei zieht der Begnungsraum der Friche mit seinem kulturellen Angebot jedoch vor allem den jungen, alternativ angehauchten Wohlstandsbürger an, den sogenannten Bobo, weniger aber die häufig aus armen Verhältnissen stammenden Familien aus dem Viertel. Während Alfons Alt von einer gelebten Utopie spricht, sehen andere daher die praktische Umsetzung dieses Konzeptes eher skeptisch. So auch Simon Morin, Radiojournalist des seit 1993 in der Friche ansässigen Radiosenders Grenouille. „Für mich hat der Ort nichts Utopisches,“ sagt der 30 Jahre junge Journalist kritisch. „Natürlich spielen unten im Skatepark auch die Kinder aus dem Viertel, das kulturelle Angebot aber richtet sich vorwiegend an Menschen mit einem ganz bestimmten soziokulturellen Hintergrund.“ Auch die Preise des Restaurants Les grandes tables seien für einen solchen Ort nicht angemessen. „Das ist einfach viel zu teuer.“

Für mich ist dieser Ort ein Experimentierfeld. Ein bisschen so wie für einen Chemiker, der manchmal nicht weiß, was dabei herauskommt.Alain Arnaudet, Direktor der Friche

Für Tsveta Dobreva dagegen ist klar: „Die Politik der Offenheit und der Arbeit mit dem Viertel ist relativ neu. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass man noch wenig Ergebnisse sieht.“ Die junge Frau stammt ursprünglich aus Bulgarien und ist Programmreferentin des seit 2014 ebenfalls in der Friche ansässigen Goethe-Instituts. Sie sieht das Problem nicht in der Zusammenarbeit der Friche mit dem Viertel, sondern in der kommunalen Politik Marseilles. Immer mehr kleinere Strukturen seien gezwungen, ihre Türen zu schließen, weil im kulturellen Bereich an öffentlichen Geldern gespart werde, so Dobreva. Die Friche werde dadurch immer zentraler. Für die zahlreichen Künstler und Strukturen wie das Goethe-Institut ist dies natürlich ideal. Die Vernetzung ist einfach und Projekte finden hier eine schnelle Umsetzung. „Die Herausforderung besteht nun darin, Kultur, Bildung und Soziales miteinander zu verbinden,“ beschreibt Alain Arnaudet die Ziele der Friche. Auch sie wird zu einem großen Teil über öffentliche Gelder finanziert. Wo dieser Ort dabei immer wieder an seine kulturellen und finanziellen Grenzen stößt, sieht der Direktor eine Chance. Bald soll es neben dem Kindergarten, dem Spielplatz und den Sozialwohnungen auch einen öffentlichen Platz für Grillpartys geben, sogar eine Schule soll entstehen. Platz gibt es auf dem ehemaligen Industriegelände genug. „Für mich ist dieser Ort ein Experimentierfeld. Ein bisschen so wie für einen Chemiker, der manchmal nicht weiß, was dabei herauskommt.“ Was also heute noch nicht ist, kann morgen noch werden. Und vielleicht steht am Ende tatsächlich eine gelebte Utopie, die es schafft, kulturelle Grenzen zu überwinden.

Marseilles ist eine Stadt voller Widersprüche. Die kommunale Politik tut ihr Übriges. Interessant ist hier auch der Dokumentarfilm (leider nur auf Französisch): La fête est fini von Nicolas Burlaud.

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