Mein Abend mit Mélenchon

In Gesellschaft by Petit piaf0 Comments

Frankreich hat gewählt. Emmanuel Macron und Marine Le Pen treffen sich am 7.Mai zur Stichwahl. In Deutschland freuen sich darüber viele. In Montpellier hingegen, wo Jean-Luc Mélenchon weit vor Macron die Wahlen anführte, sitzt die Enttäuschung tief.

© Stefanie Eisenreich.

Es war kein Grillabend wie jeder andere. Am vergangenen Sonntagabend trafen meine Freunde und Freundesfreunde sich zum Grillen, weil alle damit rechneten, sich ab 20Uhr Trost spenden und ihren Kummer nicht allein im Alkohol ertränken zu müssen. Die Hoffnung war dennoch groß, aber insgeheim erwarteten wohl alle bereits, was am Sonntag ab 20Uhr voraus gesagt wurde: Emmanuel Macron und Marine Le Pen würden im zweiten Wahlgang am 7.Mai in die Stichwahl gehen. Jean-Luc Mélenchon würde ausscheiden.

„Hypocrite“, ein HipHop-Song mit aneinandergereihten Zitaten des linken Politikers polterte zu Beginn des Abends über den kleinen Hinterhof. „Hypocrite, hypocrite, au nom de la république française, nous ne sommes pas dupes.“ (zu deutsch: „Heuchler, Heuchler, im Namen der Republik, wir sind doch keine Narren.“) Irgendjemand war mit einer Jean-Luc-Mélenchon-Maske aufgetaucht. Unter den Gästen waren auch solche, die gern Benoît Hamon oder Nicolas Poutou gewählt hätten, dann aber aus strategischen Gründen für Mélenchon stimmten. Bereits Wochen zuvor war klar, dass kleinere Kandidaten kaum eine Chance haben würden. Umfragen hatten vorausgesagt, dass der erste Wahlgang sich zwischen dem konservativen François Fillon, der sich vor allem durch seine Affäre rund um das sogenannte Penelope-Gate verdient gemacht hatte, der rechtsradikalen Marine Le Pen, dem ehemaligen Rothschild- und „Anti-System“-Banker Emmanuel Macron und dem linken, oft auch als linksradikal dargestellten, Jean-Luc Mélenchon entscheiden würde.

Die Kraft der Demokratie?

Der Spiegel titelte gestern „Die Kraft der Demokratie.“ In Deutschland freut man sich über den Sieg des neoliberalen Macron. Ohne Ausnahme haben in allen Bundesländern die dort lebenden Franzosen mit großer Mehrheit für Macron gewählt. An diesem Grillabend, im Hinterhof meiner Wohngemeinschaft, ist das vielen unklar. Während Macron hierzulande von Medien wie Le Monde im Wahlkampf stark unterstützt, er auch in Deutschland mancherorts gar als sozialliberal oder Kandidat für einen Neuanfang dargestellt wurde, hat der exzentrische Mélenchon keinen leichten Stand. Er gilt häufig als radikal, populistisch, europafeindlich und Putin-Freund. „Ein Trugschluss,“ erklärte mir ein Freund im Laufe des Abends. „Mélenchon ist weder radikal, noch europafeindlich, noch für oder gegen Russland. Er setzt sich für soziale und ökologische Reformen ein, sucht den Dialog und ist nicht gegen Europa sondern will die Verträge der EU verändern, anstatt weiter am Rädchen zu drehen wie bisher.“ Die Enttäuschung über das Ausscheiden des Linken sitzt tief. „Na toll,“ hörte ich am Sonntag eine weitere Stimme vom anderen Ende des Hofes sagen, „jetzt trifft Rechtsradikalismus auf Neoliberalismus. Ganz ehrlich, da weiß ich nicht, ob ich im zweiten Wahlgang wählen gehe, nur um mich wieder zwischen Pest und Cholera zu entscheiden.“

An der Wand des kleinen Hinterhofs erschien zwei Stunden nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses dann auch das durch einen Beamer projizierte Bild Mélenchons. Er wirkte gefasst, wollte aber die endgültige Auszählung der Stimmen abwarten. Ein letzter Hoffnungsschimmer bis Mitternacht. Vom dritten Wahlplatz rutschte er dann jedoch auf den vierten. Nur in den Überseegebieten lag er vorn. Insgesamt aber trennen ihn nur knapp 600.000 Stimmen von der Zweitplatzierten Le Pen. Mittlerweile kursiert im Netz ein Aufruf der Organisation Avaaz zur bürgerlichen Revolution. Fast 100.000 Menschen haben dort bereits unterzeichnet. Erreichen will man bis zum zweiten Wahlgang die 5 Millionen. Ändern wird das allerdings nicht viel.

Während Europapolitiker erleichtert auf Frankreich schauen und in Deutschland sich sogar Politiker des linken Flügels über den Sieg des neoliberalen Macron freuen, dem vor allem die europäische Finanzwirtschaft am Herzen liegt, fürchtet man im Lager der französischen Linken nun den Wolf im Schafspelz. Hamon ruft dennoch auf, Macron zu wählen und sogar Fillon, der in seinem Programm dem rechten Flügel eigentlich viel näher steht, wendet sich nun Macron zu, um den Sieg Le Pens zu verhindern.

Und so wird für die Anhänger Mélenchons im zweiten Wahlgang genau das passieren, was in Frankreich bei Wahlen so häufig vorkommt: Viele werden nun für das für sie kleinere Übel stimmen. Um wie schon im Jahr 2002, als Jacques Chirac gegen Jean-Marie Le Pen gewann, zu vermeiden, dass eine Rechtsradikale das Land der Menschenrechte regiert.

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