Alles eine Frage der Mentalität

In Anekdoten by Petit piaf0 Comments

Im Norden distanziert, im Süden oberflächlich. In Paris arrogant und hektisch, in der Provinz gelassen und unorganisiert. Alles nur Klischee? Von wegen. Ein Tag im Leben einer Deutschen in der südfranzösischen Provinz.

© Stefanie Eisenreich. Titelbild: Laura Kirsche. www.jugendfotos.de Fotos im Text © Annkathrin Gerbes und Carolin Wirth.

Wenn alles gut geht, schaffe ich es an einem gewöhnlichen Arbeitstag zeitig aus dem Bett zu springen und meinen Tag mit einem guten (fast) deutschen Frühstück zu beginnen – Milchkaffee, Baguette mit Marmelade oder Käse und dazu ein Rührei. Mein französischer Mitbewohner begnügt sich in der Zeit meiner ausgedehnten ersten Mahlzeit mit Kaffee, Zigarette und Zeitung. Läuft es schlecht, bleibe ich zu lange liegen und muss das Frühstück ausfallen lassen, damit ich genug Zeit habe zum Auto zu sprinten, um meinem Nebenjob als Deutschlehrerin in Montpelliers Nachbarstadt Frontignan nachzugehen.

Kaum biege ich auf die Hauptstraße meines Viertels ab, stelle ich fest: Ich bin nicht die Einzige, die zur Arbeit eilt und fühle mich an zahlreiche Sommerurlaube in Italien erinnert. Es wird gehupt, gedrängelt, gequetscht und gestikuliert, und ja, vor allem geschimpft, was das Zeug hält. Da zeigt sich erneut des Franzosen internationaler Ruf als râleur. „Na toll,“ denke ich. „Beim letzten Mal war’s der Zug, heute ist es der Straßenverkehr. Und ich komme schon wieder zu spät.“ Schwitzend und hechelnd aber dennoch eine viertel Stunde zu spät, erreiche ich die Schule und treffe prompt auf den Direktor: „Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Eisenreich,“ beruhigt er mich. „Das passiert. Holen Sie Ihre Schüler in der Bibliothek ab und beginnen Sie in aller Ruhe Ihren Unterricht!“ Ich kann es kaum glauben. Insgeheim hatte ich mit der ersten Abmahnung gerechnet.

An Tagen, an denen ich nicht in der Schule arbeite, warten danach zwei Stunden Mittagspause auf mich. In keiner anderen Region Frankreichs macht man so lange Pause in der Mittagszeit. Kein Wunder aber, denn gerade im Sommer ist es zu dieser Tageszeit einfach zu heiß zum arbeiten. Da muss man sich zunächst von dem langen Vormittag erholen und ausgiebig Mittag essen, wobei der erste Wein nicht fehlen darf. Für meine Pariser Kollegen undenkbar. Doch von der Hektik der französischen Großstadt unberührt, geht man die Dinge hier in aller Ruhe an. Klingt entspannt, ist es auch, nur darf man in der Regel auch nicht zu viel Engagement erwarten. Wer heute nicht kommt, kommt morgen und ist auch übermorgen noch nicht fertig.

Bevor ich nach hause fahre, finde ich meinen kleinen Opel hoffnungslos und bis zur Stoßstange eingeparkt zwischen einem alten Renault und einem kleinen runzeligen Peugeot wieder. Ich bin empört. Wissend, dass hier üblicherweise aus eben diesem Grund beim Parken niemand die Handbremse anzieht, zögere ich nicht lange und schiebe den runzeligen Peugeot beiseite, nicht ohne den Versuch eines kleinen Andenkens in dessen eigener Stoßstange. Dummerweise bin eher ich diejenige, die mit einer Beule mehr am Auto nach hause fahren muss. Dumm gelaufen.

Gimme Drama, Baby!

Nach der Arbeit treffe ich mich mit meinem französischen Freund, mit dem ich zwar noch keine Wohnung aber eine deutsch-französische Beziehungsachterbahn teile. Wo man uns Deutschen in der Regel Pragmatismus und Ruhe nachsagt, hat der Franzose, und nicht nur der im Süden, eine gehörige Portion Leidenschaft im Blut. Während ich Probleme gerne ausdiskutiere, kann mein Freund bisweilen nicht an sich halten. Give me Drama, Baby! Da heißt es nicht nur in Paris: „Oh Gott, chérie, ich brauche einen Rat. In meiner Beziehung läuft es richtig gut, das kann doch nicht normal sein!“

Auf dem Heimweg treffen wir auf Bekannte, die ich ein paar Wochen zuvor auf einer Vernissage kennengelernt und mit denen ich mich angeregt unterhalten hatte. Dummerweise scheint mich keiner wieder zu erkennen. Erstaunt denke ich an die damals so nett gemeinten Ratschläge von Freunden und Familie, denn als ich in den Süden Frankreichs ging, in den es mich als Klimaopportunistin neben dem Job freilich wegen des schönen Wetters verschlug, konnte ich nicht behaupten, man hätte mich nicht gewarnt. „Oh oh, du wirst sehen, gerade im Süden sind die Menschen sehr oberflächlich und Freundschaften zu knüpfen ist wirklich schwierig.“ Viele sagten mir auch: „Also, feiern und Party machen, das können sie gut, die Südfranzosen. Für alles Andere, was ein bisschen tiefer geht, zieh lieber in den Norden!“ „Fein,“ denke ich also gekränkt, „dann eben nicht!“

Zuhause angekommen, entsteht zwischen meinem Freund und mir eine Diskussion über deutsch-französische Kommunikation. Ich bin zu direkt, er nicht deutlich genug. Kurz darauf fragt er mich, ob er mir einen Joghurt aus der Küche mitbringen solle. Ich erwidere, ich habe keinen Hunger. Keine zwei Minuten später kommt er mit zwei Joghurtbechern und zwei Löffeln zurück. Ich muss lachen. Ich sage Nein und meine Nein, er hört Nein und versteht Vielleicht. Nicht selten ist dies umgekehrt der Fall. Er sagt Vielleicht und meint nein, ich höre Ja. Genau. Er ist nicht nur Franzose, sondern eben auch ein Mann. Da muss das mit der Kommunikation nur ein Klischee mehr sein.

Vorurteile und Klischees sind was Feines

Als ich mich am späten Abend erschöpft ins Bett faxe – der Franzose klemmt die überdimensionale Bettdecke unter die Matratze, sodass ein einfaches „Ins-Bett-gehen“ unmöglich wird – kann ich mir ein müdes Schmunzeln ob des klischeereichen Tages nicht verkneifen. Als Nachbarn sind wir Deutschen den Franzosen so nah und gleichzeitig doch so fern. Unsere doch so unterschiedlichen Mentalitäten sind eine Spielwiese für Vorurteile und Klischees. Sie strukturieren unsere Welt in kleine, wohlgeordnete regionale Schubladen. Praktisch ist das manchmal, denn es hilft unserer Orientierung und Identifikation. Nicht selten steckt in so manchem Klischee ein kleines oder großes Stückchen Wahrheit. Das Klischee des Südfranzosen mag in die Schublade des oberflächlichen aber entspannten Provinzlers passen. Doch Achtung: Die Ausnahme bestätigt die Regel, denn nein, es sind weder alle Franzosen in der südfranzösischen Provinz oberflächlich, noch aufbrausend oder gar unorganisiert. Genauso wenig wie wir Deutschen alle pünktliche und disziplinierte Arbeitstiere sind. Da haben wir also nochmal Glück gehabt!

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