Mit dem Deutschmobil ein Jahr durch Südfrankreich

In Anekdoten by Petit piaf0 Comments

Zehn Autos, zehn Lektoren, eine Mission: Mit dem Deutschmobil im Einsatz für die deutsche Sprache in französischen Klassenzimmern. Es ist ein lohnenswertes Abenteuer. Ein Erfahrungsbericht.

© Stefanie Eisenreich. Bild 1 im Text © Helmit Schmidt.

Erschien im Frühjahr 2015 auch bei FplusD.

„Madame, Madame, sind in Deutschland alle Menschen so groß, blond und blauäugig wie Sie?“ Ich bin ein wandelndes Klischee und war dies umso mehr hinter dem Steuer meines DeutschMobils. Noch bevor die Meisten meinen deutschen Akzent wahrnehmen, munkeln sie, dass ich aus Deutschland komme. Was aber verschlug mich nach Frankreich? Und warum musste es der Süden sein? Nun, ich reiste ein Jahr lang von Klassenzimmer zu Klassenzimmer, präsentierte, sang und spielte, stieß an Grenzen, traf auf Schlaftabletten und Sprachtalente und half Deutschlehrern, die deutsche Sprache an südfranzösischen Schulen vor dem Aussterben zu bewahren. Ich kam, sah und animierte. Darum Frankreich, darum der Süden. Gut, den Süden hatte ich mir ausgesucht – wie soll es anders sein – weil 300 Sonnentage im Jahr unwiderstehlich waren. Ich hatte Glück und wurde nach Montpellier geschickt.
Als besonders herausfordernd empfand ich am Anfang vor allem den südfranzösischen Straßenverkehr. Nicht genug, dass die Straßen in Montpellier und Umgebung eng sind. Mit dem DeutschMobil versuchte ich bisweilen, mich durch viel zu enge Gassen zu quetschen. Da es kein kleiner Smart sondern ein mittelgroßer Minibus war, kam es ab und an zu Schweißausbrüchen, die ich mithilfe der Klimaanlage zu regulieren wusste. Zebrastreifen sind prinzipiell Schmuck und lassen den naiven deutschen Fußgänger gern glauben, dass auch die Franzosen an ebensolchen großzügig anhalten. Weit gefehlt! Und hält doch ein Autofahrer an, dürfen Dankeshymnen nicht fehlen. Hinzu kommt der italienische Fahrstil der Südisten, die unter Stress auch im Stau stehend konsequent hupen und gern auffahren.

Als Sprachanimateurin Gruppen bespaßen? Nie im Leben!

Hätte mir vor langer Zeit jemand gesagt, ich würde eines Tages mit einem Minibus durch die französische Pampa kurven und mich durch engste Gassen quetschen, um dann singend, tanzend und spielend Kinder und Jugendliche zu animieren, die deutsche Sprache zu lernen – ich hätte diesem Jemand nie geglaubt. Doch ganz ehrlich – es war eine Herausforderung, die sich gelohnt hat. Nicht zuletzt durch sehr gute Seminare, die uns während des Jahres geboten wurden, habe ich meine Präsentationsangst verloren und gelernt, zu improvisieren. Natürlich waren die Animationen immer gut vorbereitet, hatten wir doch Spielideen und Materialien an der Hand. Doch unverhofft kam oft, wenn beispielsweise das GPS aufgrund von Altersschwäche versagte und mich in Straßen schickte, die es bis dato nicht mehr gab oder aber wenn Lehrer den Termin mit mir vergaßen und ich vor unvorbereiteten Klassen stand. Sich an neue Situationen anzupassen, mit schwierigen Lehrern und Kindern umzugehen, Müdigkeit zu bekämpfen – all das war ebenso Teil des Alltags wie die selbständige Planung aller Schulbesuche sowie die eigenständige Budgetplanung und Abrechnung – Büroarbeit eben.
Auf meine deutsche Vorstellung mithilfe transparenter Worte , die sich in beiden Sprachen ähneln und die die Schüler, oh Wunder, alle verstanden, folgten Spiele wie beispielsweise das deutsch-französische Memory. Oft zeigte ich Bilder meiner Heimatstadt Dresden und fragte die Kinder, wer denn schon einmal in Deutschland gewesen sei und was ihnen alles in den Kopf komme, wenn sie an Deutschland denken. An dieser Stelle wurde dann oft tief in die Klischeekiste gegriffen und ein kurzer Umweg über Deutschlands nicht ganz rühmliche Geschichte gemacht. Spätestens am Ende, wenn ich meine deutschen und französischen Süßigkeiten auspackte, um ihnen zu erklären, dass der Geschmack von Land zu Land verschieden sei und ihnen die Verkostung anbot, hatte ich die Meisten überzeugt. „Ah, Deutschland ist ja gar nicht so doof wie ich immer dachte.“ Siehste mal. Vor allem mit den kleinen Grundschülern hatte ich dabei immer sehr viel Spaß. Manchmal kam es vor, dass sie nach der Stunde zu mir kamen und mir einen Kuss auf die Wange gaben oder aber meinten, dass sie nicht gewusst hätten, dass Deutsch so toll sein kann! Was kann es nach einer Animation schöneres geben als glückliche und motivierte Kinder? Dennoch war es nie wirklich mein Ziel, Werbung zu machen. Ich wollte ihnen vor allem mein Heimatland und meine Sprache vorstellen, die Kinder aber auch für Sprachen im Allgemeinen motivieren, ob nun Spanisch, Chinesisch oder Deutsch. So sah dann auch mein Schlussplädoyer aus. „Lernt Sprachen, das öffnet euch die Tür zur Welt!“

Am Ende bin ich mir meiner eigenen Identität noch einmal ganz anders bewusst geworden. Reisen bringen immer einen anderen Blickwinkel mit sich. Das DeutschMobil-Jahr und die Menschen, denen ich im Laufe dieses Jahres begegnet bin, haben mir erlaubt, Deutschland und damit auch meine eigene Mentalität noch einmal aus einer anderen Perspektive wahrzunehmen. Ich habe Dinge zu schätzen gelernt, über die ich vorher gemeckert habe und bin mir mittlerweile sicher, dass sich Deutsche und Franzosen trotz aller Unterschiede und ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, in einigen Punkten ähnlicher sind als sie denken. Und wer sich für ein DeutschMobil-Jahr bewerben möchte, dem kann ich das nur wärmstens empfehlen – es lohnt sich!

Das Programm hat sich mittlerweile umbenannt in mobiklasse.de. Nähere Infos gibt es auf deren Homepage.

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