Todesstern

In Anekdoten, Kunst und Kultur by Petit piaf0 Comments

„Dieses Rathaus ist euer Haus!“ So bewarb die damalige Bürgermeisterin Hélène Mandroux das neue Rathaus bei der Einweihung im November 2011. Sie wurde zwar erhört, doch nicht unbedingt so wie erwartet.

© Marie Urdiales

Das neue Rathaus war noch nicht fertig, da kursierten schon zahlreiche Meinungen, Kommentare und Kritiken durch die Straßen der Stadt. Der erste Stein war noch gar nicht gelegt, da diskutierte man schon die Lage des Klotzes. Noch unter ehemaligem Bürgermeister Georges Frêche war beschlossen worden: raus aus dem Zentrum, hin nach Port Marianne, eines dieser neuen, aus dem Nichts emporgehobenen Vierteln, wie sie sich im letzten Jahrzehnt zu Dutzenden um Montpellier entwickelt haben. Dieses hier lag Frêche besonders am Herzen, befindet sich Port Marianne doch auf der Straße zum Meer, dorthin, wo das 2010 verstorbene Stadtoberhaupt „seine“ Gemeinde ausdehnen wollte. Und dort, wo seit Baubeginn des Rathauses täglich neue Wohnkomplexe erbaut werden mit dem Ehrgeiz, aus der Avenue de la mer die Champs Elysées des Südens zu machen.

Das neue Rathaus sollte an dieser Stelle einen symbolischen Anfangspunkt setzen. Ein Platzproblem war es sicherlich auch. Im alten, verstaubt wirkenden und völlig unschickem Betongebäude kam die Verwaltung einer Stadt, die in den letzten 30 gewachsen war wie kaum eine andere in Frankreich, nur noch schlecht unter. Aber dennoch: musste es gleich so groß, so massiv, und vor allem: so teuer werden, das neue Rathaus? Musste für eine Provinzstadt, die nicht nur den größten demographischen Zuwachs, sondern auch eine der höchsten Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerzahl des Landes kennt, gleich ein Stararchitekt beauftragt werden? Der mehrfach preisgekrönte Jean Nouvel, dem man u.a. die Galeries Lafayette in Berlin, den Anbau des Reina Sofia Museums in Madrid, oder den zukünftigen Louvre Museum von Abu Dhabi verdankt, gilt als begabt doch nicht billig. Und tatsächlich: ursprünglich wohl auf 90 Mio. € geschätzt kosteten die 45 Monate Bauarbeiten dem Steuerzahler schließlich und laut offiziellem Pressedossier 130 Mio.

Dafür alles inklusive, sprich auch mit zeitgenössischen Künstlern, die für die Inneneinrichtung engagiert wurden. Und wieder einmal regnete es in Montpellier Superlative, Gesamtfläche des Gebäudes 27.000 m², Höhe 41 Meter, und dann noch das neue Büro des Stadtoberhauptes, man munkelt, ganze 140 m² plus Luxusbad und eigenem Fitnessraum stünden dem Stadtsoberhaupt zur Verfügung. Für Superlative, und für viel Neid sorgte das neue Rathaus. Mag das Luxusgebäude auch heute noch mitten im Bauland hervorragen, viele setzen auf saftige zukünftige Gewinne. Klar, ins neue Rathaus zog eine Verwaltung von knapp 1000 Menschen ein. Menschen, die mittags essen, einkaufen, Sport treiben wollen… Kurz, knapp 1000 neue Menschen im Viertel bedeuteten knapp 1000 neue Kunden. Und auf die freute man sich hier genau so, wie man im Zentrum und vor allem im Einkaufszentrum Polygone um sie trauerte, die 1000 Kunden. Und genauso, wie die Geschäftsinhaber geweint hatten, als 2009 das Einkaufsviertel Odysseum eröffnet wurde, so weinten sie jetzt und fürchteten, sie seien bald pleite und das schöne alte Zentrum wie ausgestorben. Zumal man noch nicht wusste, was aus dem alten Gebäude werden sollte. „Odysseum, das war für uns schon Hiroshima“, so ein Händler in der Wochenzeitung „La Gazette“. „Das neue Rathaus wird unser Nagasaki“. Ob die zwei Spitznamen, die dem Prunkobjekt gegeben wurden, kaum war es fertig gestellt, deswegen so düster waren? Jedenfalls erinnerte der dunkle Klotz einen Teil der Bevölkerung an „L’étoile de la mort“, der berühmte Kampfschiff aus Star Wars, während andere zynisch vom „tombeau de Frêche“, Frêches Grab, sprachen. Heute, drei Jahre später, hat sich nichts daran geändert. Das nicht mehr ganz so neue Rathaus ist immer noch düster, riesig. Und teuer.

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