Obdachlos am Mittelmeer

In Gesellschaft by Petit piaf0 Comments

Wer kein Dach über dem Kopf hat und ohne Wohnung lebt, steht am Rand der Gesellschaft. Vor allem in größeren Städten ist Obdachlosigkeit ein Problem. Auch im südfranzösischen Montpellier gehören Obdachlose zum Stadtbild wie im Sommer die Touristen.

© Stefanie Eisenreich und Julia Solinski. Fotos © Jean-Luc Fauquier.

Beinah jeden Morgen ist er da. Während Andere zur Arbeit hetzen, hat er sich schon seinen Platz zwischen Geldautomat und Eckcafé gesucht. Mit seinen beiden Hunden sitzt er dann nicht weit entfernt vom Platz der Komödie, wo auch die imposante Oper steht. Christian ist erst 22 Jahre alt. Obwohl er aus Überzeugung auf der Straße lebt, möchte er seinen wirklichen Namen nicht veröffentlicht wissen und nicht fotografiert werden. Der junge Mann ist ein Clochard – ein Obdachloser, wie man in Deutschland sagen würde. Er ist bei Weitem nicht der Einzige, doch einer der Wenigen, die von sich behaupten, sie seien es aus Überzeugung. „Ich leb‘ auf der Straße, weil ich gegen dieses System bin,“ erzählt er bestimmt. „Ich hab‘ keine Lust, mich anzupassen und Teil einer Gesellschaft zu sein, in der es nur ums Geld geht.“ Das mehr dahinter steckt, kann man nur erahnen. Er möchte nicht weiter darüber sprechen und bittet um eine Zigarette und zwei Euro. Er will Geld sparen und seine Hunde impfen lassen. Das sei teuer, sagt er.
Menschen wie Christian begegnet man in jeder größeren Stadt, ob nun in Frankreich oder Deutschland. Sie gehören zum Stadtbild wie die Touristen im Sommer. Und gerade im Süden Frankreichs hat man den Eindruck, es gäbe verhältnismäßig viele von ihnen. Kein Wunder auch, denn die Mittelmeerregion Hérault, zu der auch Montpellier gehört, kennzeichnet mit 14 Prozent eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquote. Genaue Zahlen, wie viele Menschen hier auf der Straße leben, gibt es jedoch nicht. Nach Schätzungen der gemeinnützigen Stiftung Abbé Pierre leben in Frankreich seit diesem Jahr insgesamt 141.500 Menschen auf der Straße – Tendenz steigend. Noch vor zehn Jahren sollen es nur halb so viele Personen Sans Domicile Fixe (SDF) gewesen sein. Im Vergleich dazu, erscheinen die Zahlen aus Deutschland beinah gering. Die BAGW, die Bundesarbeitsgemeinschaft für Wohnungslosenhilfe, geht von aktuell 40.000 Menschen aus, die in der Bundesrepublik ganz ohne Unterkunft leben.

Ignorierende Zurschaustellung von Not und Ignoranz

Wie aber gehen die französischen Behörden damit um? Im Prinzip nicht anders als die meisten Passanten in den Straßen Montpelliers, wo sich täglich eine irritierende Zurschaustellung von Not und Ignoranz abspielt. Im vergangenen Winter wurden in der Kleinstadt Angoulême Sitzbänke im öffentlichen Raum von der Stadtverwaltung eingezäunt und somit unnutzbar gemacht – um Obdachlose abzuwehren. Zur selben Zeit sorgte in Marseille Bürgermeister Jean-Claude Gaudin im In- und Ausland für Schlagzeilen. Als Hilfsaktion getarnt, wollte dieser eine Neuerung für Obdachlose einführen. So sollten sie zu ihrer eigenen Sicherheit offen sichtbar einen Ausweis mit persönlichen gesundheitlichen Daten tragen, der mit einem gelben Dreieck gekennzeichnet war. Eine Parallele zum Judenstern des Vichy-Regimes? Reiner Zufall, dementiert das Bürgermeisteramt. Nach Protesten wurde die Idee schnell wieder fallen gelassen, ebenso die Umzäunung der Sitzbänke in Angoulême. An ausreichend Hilfsangeboten mangelt es jedoch, auch in Montpellier. Trotz großen Engagements von Vereinen wie dem Roten Kreuz oder den Restos du Coeur, die der verstorbene Komiker Coluche in den 80er Jahren ins Leben rief und der deutschen Tafel entsprechen, gibt es nach wie vor zu wenig Anlaufstellen für Menschen in sozialer Notlage. Und auch wenn die Zahl Obdachloser im Sommer nicht sinkt, schließen manche Einrichtungen nach dem Winter ihre Türen.

Dann klingelt die 115, die Obdachlose wählen können, wenn sie einen Schlafplatz suchen, ununterbrochen. Doch nicht alle bekommen einen Platz in einer der Notunterkünfte, von denen manche nur einem bestimmten Publikum wie zum Beispiel Frauen oder Jugendlichen offen stehen. Zu Beginn des Jahres hatte der neue Präfekt der Region, Pierre Pouëssel, noch verkündet, der Kampf gegen soziale Ausgrenzung habe oberste Priorität. Viel verändert hat sich bisher nicht.

Zu wenig Platz für zu viele Obdachlose.

„Es gibt einfach nicht genügend Einrichtungen,“ sagt auch Pome Hautecoeur von der Tageseinrichtung Gammes. „Wir empfangen hier täglich circa 200 Personen, die zum Frühstück kommen, ihre Wäsche bei uns waschen oder einfach nur duschen wollen.“ Die Einrichtung, die zu den wenigen kostenlosen Angeboten für Obdachlose in Montpellier zählt, schließt ihre Türen allerdings täglich ab 17Uhr. „Dann müssen wir die Leute wegschicken. Schlafplätze können wir hier keine anbieten.“ Die Wenigsten leben auf der Straße, weil sie es sich aussuchen. Da ist der Familienvater, der seine Frau verlor, kurze Zeit später seinen Job und aus Verzweiflung im Alkohol Trost sucht. Oder die junge blonde Frau, die in Montpelliers Innenstadt von Ort zu Ort zieht. Mal sitzt sie vor der Post, mal an einer der beiden Kirchen im Zentrum. Französisch spricht sie kaum und wer mit ihr redet, riecht auch bei ihr den Alkohol. Wer einmal ganz unten ist, kommt schwer wieder heraus. Und auch Christians Überzeugung bröckelt. Denn eigentlich, so sagt er selbst, wünscht er sich ein Haus, eine Frau und Kinder. Nicht vereinbar mit seinen Ideen gegen das System. Aber einen Hoffnungsschimmer gibt es für ihn, denn vor Kurzem hat er seine jetzige Freundin kennengelernt. Für sie möchte er jetzt weg von der Straße und das bürgerliche Leben testen.

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