Pianocean – Auf Weltreise mit Lady Flow

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Marieke Huysmans-Berthou ist Pianistin und Matrosin. Es ist eine eigenwillige Mischung zweier Leidenschaften, die sich in Mariekes Projekt Pianocean die Hand reichen. Damit ist die junge Frau nun auf Weltreise gegangen.

Fotos © Anne-Lis Le Pellec/ Text © Stefanie Eisenreich.

Sie ist nicht groß und doch von einer Eleganz, die den Großen in nichts nachsteht. Auch ihren Namen trägt sie mit Würde: Lady Flow. Ihr dunkelblauer, hölzerner Rumpf lag bis Ende April noch ruhig und erhaben im mediterranen Wasser Südfrankreichs, nicht weit von der kleinen Hafenstadt Sète entfernt. Mittlerweile befindet sich das bretonische Segelboot mit der Pianistin und Matrosin Marieke Huysmans Berthou auf Reisen.
Inspiriert von der italienischen Legende vom Ozeanpianisten Novecento erfüllt sich die 26jährige einen Kindheitstraum. Mit ihrem Klavier an Bord ist ihr Ziel eine musikalische Weltreise. „Mein Vater war Ire. Als Jugendliche war ich deshalb oft in Irland und trat damals schon als Pianistin in Bars auf. Ich war so fasziniert von der unberührten Landschaft und vor allem der Musik der umliegenden Inseln, dass ich mir mit 16 in den Kopf gesetzt habe, eines Tages die Musik all dieser Inseln zu entdecken und sie darüber hinaus bekannt zu machen.“ Sie sagt es mit einem Schmunzeln im Gesicht und und neigt dabei leicht den Kopf. Eine Geste, die ein kleines Tattoo in Form eines Segelschiffes am Hals zum Vorschein bringt. „Mit der Tätowierung habe ich mir immer gesagt: Wenn du das Projekt nicht in Angriff nimmst, wirst du eines Tages dumm aussehen mit einem Boot am Hals.“ Sie lacht und wirkt gleichzeitig fast erleichtert. Darüber, dass sie die Tätowierung nun nicht rechtfertigen muss und vor allem darüber, dass sie tatsächlich bald in See stechen wird.
Marieke wächst mit Musik auf, lernt das Klavierspielen schon in sehr jungen Jahren, besucht später Musikschulen und spezialisiert sich im Konservatorium auf Klassik und Jazz. Die zierliche junge Frau weiß, was sie will und vor allem wohin es gehen soll. Innerhalb von drei Jahren macht sie in der Bretagne ihren Segelschein, nachdem sie bereits einen Flugschein in der Tasche hat. Da das Fliegen zu teuer ist, bleibt sie auf dem Meer und verliert vor zwei Jahren, nach dem Tod ihres Vaters, schließlich ihr Herz an Lady Flow. Mit schlagkräftigen Argumenten überzeugt sie den ehemaligen Kapitän, ihr das Boot zu verkaufen. Ein erster Schritt auf dem Weg zu Pianocean.

„Marieke ist die Art Mensch, der andere zum Träumen bringen kann.“Camille, Cousin von Marieke

Es ist warm in diesen ersten Frühlingstagen. Marieke trägt ein schwarzes Hemd und eine Jeans mit Ölflecken. Einsame Zeugen schwieriger Reparaturarbeiten an Bord der Lady Flow. Auf dem Boot klettert sie mit Leichtigkeit auf den Mast, um einen Flaschenzug für das Hauptsegel anzubringen. Während ihr Cousin Camille die Leinen prüft, sagt er bewundernd: „Marieke ist die Art Mensch, der andere zum Träumen bringen kann. Wenn sie etwas will, macht sie alles in ihrer Macht Stehende, um es auch zu erreichen.“ Und so lernt sie nebenbei, Motoren zu reparieren, macht eine Ausbildung, um ihr Klavier auf See selbst stimmen zu können und organisiert daneben die Veranstaltungen ihrer Reise. Dies sind auch die beiden größten Herausforderungen ihres Projektes. „Es ist schwierig, dafür zu sorgen, dass das Klavier auf See immer gestimmt ist. Alles hängt vom Wetter ab. Deshalb kann man vorher auch schwer planen, wann genau wir in See stechen und wann wir in welchem Hafen sein werden.“ Doch Marieke lässt sich von keiner Widrigkeit aufhalten und blickt optimistisch in die Zukunft: „Natürlich habe ich jeden Tag Angst, dass das Projekt in die Hose geht. Deshalb versuche ich immer wieder, Geld dafür beiseite zu legen. Aber ich weiß auch, dass ich nicht allein bin. Ich bin von tollen Menschen umgeben, die mir dabei helfen, diesen Traum umzusetzen und mir immer wieder die Courage geben, weiterzumachen.“ Zwei dieser Menschen werden mit ihr im nächsten halben Jahr im Mittelmeer unterwegs sein. Gemeinsam mit der Fotografin Anne-Lis Le Pellec und dem Skipper Sylvain Canaferina ist Marieke Huysmans Berthou nun in See gestochen.

Die ehrgeizige junge Künstlerin, die sich als Solistin den Namen ihres Bootes gegeben hat, ist auf der Lady Flow im wahrsten Sinne des Wortes zuhause. Neben dem Bett in der kleinen Schlafkabine am Bug des Schiffes befindet sich das Klavier. Mittels einer extra für sie konstruierten Vorrichtung kann das Dach des Bugs aufgeklappt und das Klavier hochgefahren werden, was ihr erlaubt, an Deck ihre Konzerte zu geben. Man möchte meinen, diese Frau hat das Erfolgsrezept gepachtet. Dabei war es vor allem der Tod des Vaters, der einen Wendepunkt in Mariekes Leben darstellte und sie schließlich zu Lady Flow führte. Sie steckt den Kopf nicht in den Sand und beißt sich durch – wahrscheinlich ist es dieser unstillbare Optimismus, der Marieke erfolgreich durch ihre Projekte führt und mit dem sie Anderen eine Quelle der Inspiration ist.
Die Sonne scheint an einem strahlend blauen Himmel – im Süden ist Ende April der Sommer bereits nicht mehr weit weg. Da ist es eine romantische Vorstellung, auf einem Schiff zu leben und Musik zu machen. „Im Winter ist das schon etwas anderes,“ sagt Marieke und verzieht den Mund. „Ich habe keine Heizung an Bord, sodass ich oft improvisieren musste. Manchmal habe ich den ganzen Tag lang Tee gekocht. Dann war das Klima unter Deck zwar etwas feucht, aber zumindest war es dann warm.“ Sie nimmt es mit Humor und lacht. Mit an Bord ist außerdem ihr Kater Seabird, den sie mittlerweile umgetauft hat in Seasick, Seekrank, nachdem dieser nach einer Reise krank an Deck lag.

Auf den Spuren Novecentos

Vor einigen Tagen nun ist Marieke im Rahmen ihres Projektes Pianocean zum ersten Mal in See gestochen. In jedem Jahr möchte sie für sechs Monate auf See sein und dabei von Insel zu Insel fahren. Das Projekt plant sie dabei für einen Zeitraum von zehn Jahren. Während dieser Zeit möchte sie nicht nur Musik machen und Konzerte geben, sondern auch produzieren – all dies an Bord der Layd Flow. Mit den Konzerten, die in verschiedenen Häfen stattfinden sollen, wird die Reise hauptsächlich finanziert. Marieke versteht sich dabei als Botschafterin und will das kulturelle Erbe entlegener Orte mit ihrer eigenen Musik vermischen. Sie wird es als Solistin tun, ist aber daneben auch mit ihrer Band Miss White and the drunken piano erfolgreich – einem Mix aus Piano, HipHip und Beatbox – und der sanften Stimme Mariekes.
Mit ihren gerade einmal 26 Jahren hat die junge Künstlerin bereits viel erreicht. Nun steht ihr Projekt Pianocean in den Startlöchern, für welches sie zunächst im Mittelmeer auf die Suche nach musikalischen Herausforderungen gehen wird. Es ist ein Kindheitstraum, den Marieke lebt. Und mit diesem wird sie, wenn alles gut geht, in den nächsten Jahren auf den Spuren Novecentos wandeln.

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