Postmodern

In Anekdoten, Bürokratisches by Petit piaf2 Comments

Wurmlöcher bei der Post? Pakete, die im deutsch-französischen Postuniversum verschwinden? Ja, auch das grenzübergreifende Briefwesen hat so seine Tücken. Autorin Julia hat damit ihre Erfahrungen gemacht.

© Julia Solinski. Titelbild © Posted via Flickr by marcovdz.

Wer auswandert, freut sich über Post aus der Heimat. Ganz besonders freut man sich über Pakete. Bekommt man doch auf diesem Weg all die Dinge, von denen man nie geglaubt hätte, dass man sie je vermissen würde, bequem an die Haustür geliefert. Zumindest in der Theorie. Die Praxis der transnationalen Paketbeförderung habe ich nun selbst kennen gelernt. Und bequem, das kann ich gleich sagen, bequem war da rein gar nichts.
„Ich habe heute ein Paket für dich zur Post gebracht“, erzählte mir meine Mutter Ende November am Telefon. „In spätestens einer Woche müsste es bei dir sein“. Sein Inhalt: liebevoll selbstfabriziertes Weihnachtsgebäck als Erinnerungen aus der Kindheit für die frisch nach Marseille verzogene Tochter. Außerdem ein Buch (über Marseille), ein elektrischer Weihnachtsstern zum Selbst-Zusammenbauen (ebenfalls eine Kindheitserinnerung) und handgesammelte Kräuter für Erkältungstee. Drei Kilo insgesamt. So weit, so wunderbar. Ich wartete voller Vorfreude auf dieses Prachtexemplar mütterlicher Sorgfalt. Ich wartete eine Woche. Dann noch eine. Dann begann ich die Nachbarn zu fragen, ob es mit der Postzustellung im Haus schon einmal Probleme gegeben hätte. Wo blieb das Paket?

Die transnationale Post ist vergleichbar mit den Wurmlöchern aus Science-Fiction Büchern.

Ausgerüstet mit der Paketverfolgungsnummer und einem Zettel mit dem entsprechenden französischen Vokabular stattete ich der nächsten Postfiliale einen Besuch ab. Auskunft der Postangestellten: Mein wunderbares Adventspaket sei keinesfalls verloren, sondern genau zu orten, derzeit in einem Sammelzentrum der Post im Herzen Frankreichs, und dort liege es seit knapp zwei Wochen. Was es dort so lange mache? Keine Ahnung. Mit der Nummer einer Auskunft wurde ich abgespeist. Die netten Gespräche mit den geduldigen und überhaupt nicht von meinem mittelmäßigen Französisch genervten Callcenter-Mitarbeitern der Auskunft ergaben folgendes Informationsbild: Die transnationale Post ist vergleichbar mit den Wurmlöchern aus Science-Fiction Büchern. Es scheint unmöglich vorherzusagen, wo – oder ob – etwas wieder heraus gelangt, was einmal hineingekommen ist. So oder ähnlich musst es sein, den die Gründe, die mir genannt wurden, waren ebenso rational nachvollziehbar wie die pseudo-wissenschaftlichen Sciencefiction-Erläuterungen. Einmal beamen, bitte.
Möglicherweise war der Zoll verantwortlich. Laut Zollbestimmungen dürfen nämlich „Verlags-„ und „Lebensmittelerzeugnisse“, „elektrische Geräte“ sowie Pflanzen nur bedingt per Post nach Frankreich eingeführt werden. Hätte mir meine Mutter stattdessen lebende Blutegel als Adventsgabe zugeschickt, das wäre aus Sicht des Zoll erlaubt gewesen. (Zulässige Inhalte bei der Post kann man sich hier ansehen.) Verrückt? Nein, Zoll. Oder waren die neuen Sicherheitsvorschriften Frankreichs Schuld an meinem Plätzchenengpass? Schließlich befindet sich die Grande Nation seit dem 13. November im Kriegszustand. Wurde mein Paket seit Woche geröngt, gefilzt, per Water Bording gefoltert? Wurde darüber in Ministerien beraten, gab es eine vertrauliche Akte?
Mit solchen Gedanken trat ich kurz vor Weihnachten die Heimreise an, das Päckchen war bis zu meiner Abreise nicht mehr aufgetaucht. Zurück in der Heimat erwartete mich eine Überraschung: An die Adresse meiner Mutter war die Nachricht gelangt, ein Paket warte auf Abholung. Eben jenes Paket, das meine Mutter Wochen zuvor abgeschickt hatte, kam nun zu ihr zurück! Die Adresse in Marseille stimmte, die Frankierung ebenso, trotzdem sollte sie noch einmal zehn Euro bezahlen für die Mühen des Rücktransports. Ein Aufkleber auf dem Paket gab als Grund das Kürzel „vd“ an. Was das bedeudete, konnte weder die Postangestellte noch ihre Vorgesetzte erklären. Das macht dann 10 Euro, bitte. Auch eine Recherche im Internet brachte keine Klarheit: Vd könnte für „valeur déclaré“ stehen – wollte die Post damit sagen, dass der Wert des Inhaltes hätte angegeben werden sollen? Egal. Mit Wurmlöchern diskutiert man nicht, man nimmt sie einfach hin. Nächstes Jahr backe ich eben selbst, die Rezepte kann mir meine Mutter ja per E-Mail schicken.

Comments

  1. Immerhin kam da überhaupt was an!

    Wir haben in den letzten drei Jahren mind. 3 komplett verloren gegangene Sendungen zu verzeichnen.
    Und regelmäßig liegen Einschreiben nach Deutschland über eine Woche auf irgendeinem franz. Flughafen rum…

    Was aber viel blöder ist sind Pakete, die hier in Montpellier in irgendeinem Depot ankommen und bei denen nie versucht wird eine Nachricht zu versenden geschweige denn das Paket zuzustellen. Nur auf Nachfrage beim Versender bekommt man dann die Info daß und wo ein Paket liegen würde…

    Letzteres Problem ist i.Ü. bekannt und tritt bei durch Hermes verschickten Paketen auf!

    Und noch eine Sache: Vorsicht bei via Deutscher Post versandten Päckchen (und teilweise auch Paketen): Diese werden per Definition nicht an die Adresse zugestellt, sondern bei der Poststelle behalten, weil die Zustellung durch die Briefträger (!) erfolgt, die logischerweise keine Sendungen über Briefgröße mit in ihr Wägelchen nehmen…

    1. Author

      Danke Guntram für das Teilen deiner Erfahrung! Also scheint Julia nicht die Einzige zu sein, die Probleme mit Wurmlöchern bei der Post hat! 🙂

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