Presseskandal oder Wie die Presse in Frankreichs Wahljahr erlebt wird

In Gesellschaft by Petit piaf0 Comments

« Die könnten ihn doch echt in Ruhe lassen, motzt meine Nachbarin beim Apéro. Die finden jeden Tag was Neues, und derweil erfahren wir nichts über sein Programm. Genug ist genug ! Journalistes de merde. » Von den Scheißjournalisten, oder wie die Presse in Frankreichs Wahljahr erlebt wird.

© Marie Urdiales. Titelbild © Simon Schricker. www.jugendfotos.de

An diesem Abend war ich eigentlich nur zu meinen Nachbarn gestossen, um mit ihnen ihren letzten Fund aus der Käsetheke zu feiern. Ich hatte den passenden Wein und alles hätte sehr schön und sehr friedlich sein können, hätten wir nicht eine zweite Flasche aufgemacht. Denn wie so oft platzte mit ihr der Lack, mit dem wir Franzosen gerne solche Treffen glätten. Normalerweise wären Käse und Wein Thema genug für den ganzen Abend gewesen, aber nach der zweiten Flasche eben nicht, und so sprach meine Nachbarin ein Thema an, das unter Franzosen normalerweise in etwa so tabu ist, wie Fußpilz unter den Nägeln : Politik. Seit Tagen tobte der sogenannte « Penelope Gate » um den Kandidaten zur Präsidentschaftswahl François Fillon. Tatsächlich wurde die Geschichte täglich in der Presse erwähnt und zwar Dank moderner Kanalvielfalt eher mehrmals (Print, Radio, Web…). Dass da ein gewisser Überdruss entstehen konnte, überraschte mich nicht weiter. Auch, dass meine Nachbarn allem Anschein nach völlig vergessen hatten, dass ich selbst zum Journalistenpack gehöre (käsetrunken wie sie alle waren) störte mich nicht so sehr. Was mich aber zum Staunen brachte war die Virulenz, mit der alle an dem Abend gegen « die Presse »schimpften.

Den Medien gab auch schon der Betroffene selbst die Schuld an seinem Elend. Natürlich war das ganze Schlamassel nur diesem Journalistenpack zu verdanken, das seine Nase wieder einmal ungefragt in Dinge gesteckt hatte, die ihn nichts angingen. Es war ja schließlich alles ganz legal, wo also war das Problem ? Das moralisch Verwerfliche an der Geschichte sah (und sieht) Fillon beim besten Willen nicht. Aber von seiner Warte aus ist dies eine nachvollziehbare, wenn auch dumme und erschreckende Verteidigungshaltung. Warum aber meine Nachbarn, an sich freundliche, durchaus demokratisch gesinnte Menschen, auch noch eher sozialistischer Prägung, warum auch sie also plötzlich auf die Presse schlugen, das war mir ein Rätsel. Entschlossen entkorkte ich eine dritte Flasche Rotwein, um unauffällig vom emotionalen Element hin zu einer faktischen Diskussion zu lenken.

Was da nun herausplatzte war eigentlich nur die überspitzte Formulierung eines in Frankreich chronischen Tatbestandes : Es klaffen Welten nicht nur zwischen Politikern und Volk, sondern auch zwischen Presse und Volk. Es hängt, auch, und wie sovieles, mit Frankreichs Zentralismus zusammen : die Regionalpresse ist in Frankreich, bis auf wenige Ausnahmen und gelinde gesagt, etwa vom Niveau der deutschen Anzeigenblätter : Sport, Einbrüche und Verkehrsunfälle stehen im thematischen Zentrum, alles andere ist Werbung, oder Klatsch. Die nationale Presse wiederum ist eben zentralistisch, und sehr auf die hier ohnehin verheerende Nähe zwischen Politikern und Journalisten ausgelegt. Von der Provinz aus betrachtet bietet Paris den Anblick einer HassLiebe zwischen Politikern und Presse, die sich seitenlang ergießt. Dass man z.B. in allen Presseorgane, von der Tageszeitung bis zur Frauenzeitschrift, zu 98 % von kulturellen Veranstalungen liest, die nur in Paris stattfinden, daran hat man sich gewöhnt. Aber dass Journalisten genauso an den Interessen der Leser vorbeischreiben, wie Politiker an den Wählern vorbeiregieren, davon haben Franzosen genug.
– Natürlich ist es moralisch verwerflich, und natürlich müssen die Journalisten weiter über die Geschichte berichten. Aber doch nicht nur ! Sie ereifern sich und füllen ganze Blätter zum Thema, aber über den Wahlkampf erfahren wir sogut wie nichts.

Dabei sind es nur noch wenige Wochen bis zur ersten Runde einer Wahl, über deren möglichen Folgen sich alle bewusst sind. Auch ohne, dass die Pariser Presse es ihnen vorbetet.

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