Protest

In Bildung, Sprache by Petit piaf0 Comments

Die neue französische Reform sieht vor, den Sprachenunterricht zu reduzieren und die classes bilangues abzuschaffen. Dabei bräuchte das französische Bildungssystem an ganz anderer Stelle Veränderung. Ein Kommentar.

© Stefanie Eisenreich. Foto © Marysol Fumy www.jugendfotos.de.

Es ist ein ewiges Dilemma. Franzosen und Fremdsprachen sitzen nicht unbedingt auf dem selben Ast. Und trifft man doch zufällig einmal auf einen Franzosen, der fließend Englisch spricht und daneben vielleicht noch eine andere Sprache beherrscht, so muss das die Ausnahme sein, die die Regel bestätigt.

Die neue französische Schulreform, die Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem im März vorstellte, sieht vor, Sprachenunterricht zu kürzen, darunter Latein und Griechisch, als auch die Europaklassen und die sogenannten classes bilangues abzuschaffen. In diesen Klassen hatten französische Schüler bisher die Möglichkeit, zwei Fremdsprachen gleichzeitig zu erlernen – oft in der Kombination Deutsch-Englisch. „Zu elitär!“ So das einschlägige Argument der 37jährigen Ministerin. Vor allem Kinder aus dem Bürgertum würden sich für diese Klassen entscheiden, was einer Minderheit entspräche. Seit März wird in Frankreich heftig darüber diskutiert, an mancher Schule, wie beispielsweise in Montpellier am Collège Les Aiguerelles sogar gestreikt. Deutschlehrer fürchten um ihre Stellen, Eltern um die Zukunft ihrer Kinder.

Fragt man einen Franzosen, wie dieser die Sprachkenntnisse seiner Landsleute einschätzt, kommt meistens die Antwort, der geläufige Franzose sei nul en langue. Unter ihnen gibt es auch sehr viele junge Leute, die keine zweite Fremdsprache beherrschen. Der weit verbreitete Irrglaube, es liege an der Arroganz der Franzosen, dass diese kein Englisch sprächen, findet seine Korrektur also dort, wo die Sprachkenntnisse derselben an ihre Grenzen stoßen. Wo also soll diese neue Schulreform französische Kinder hinführen, wenn nicht zu noch mehr Schwierigkeiten auf dem Gebiet der Sprachen?

Was den Deutschunterricht angeht, kann davon ausgegangen werden, dass es sich um ein großes Vorurteil handelt, die deutsche Sprache sei zu elitär. Die deutsche Grammatik mag ihre Tücken haben, doch kann der Deutschunterricht bei Weitem nicht mehr nur auf die Vermittlung der Sprache Goethes reduziert werden. Im Gegenteil. Es wird gelesen, gesungen und gebastelt. Mitunter gibt es Sprachassistenten, die den Schülern das Deutsche durch Spiele näher bringen und den Unterricht auflockern.

Daneben ist die deutsche Sprache in seinem Aufbau sehr logisch, die Aussprache wesentlich einfacher als im Französischen. Jeder Buchstabe wird genauso ausgesprochen wie er auch geschrieben wird. Außerdem ist es vor allem im Rahmen der deutsch-französischen Beziehungen ein absolutes Plus, Deutsch zu beherrschen. Auf dem deutsch-französischen Arbeitsmarkt sehr gefragt, ist die deutsche Sprache die weit verbreiteste Muttersprache Europas. (Jeder fünfte Europäer spricht Deutsch.) Für einen Deutschen ist die französische Sprache übrigens keinesfalls leichter zu erlernen. Käme man in Deutschland aber auf die Idee, zu behaupten, die französische Sprache sei zu elitär?
Die Bildungsreform geht von dem Irrglauben aus, man könne mehr Gleichheit schaffen, in dem man angeblich elitäre Fächer einfach wegstreicht. Was aber das französische Bildungssystem tatsächlich braucht, ist eine Veränderung im Lehrplan. Da muss im Sprachenunterricht vor allem mehr Raum für das eigentliche Erlernen der Sprache geschaffen werden. Viele Lehrer aber haben neben der Arbeit mit dem Lehrbuch kaum Zeit, für ein intensives Sprachtraining im Unterricht.
Ein Problem sind außerdem zu große Klassen. Welcher Lehrer kann bei einer Klassengröße von über dreißig Kindern, einen adäquaten Sprachenunterricht anbieten?
Die Bildungsreform Najat Vallaud-Belkacems kann das Problem der Ungleichheit nicht lösen. Ein stark limitiertes Angebot wird dazu führen, dass französische Kinder sich nicht nach ihren Neigungen werden entscheiden können. Da spielt der soziale Hintergrund der Schüler keine Rolle. Was die Bildungsministerin hier erzwingen will, ist eine Gleichmacherei, einzig und allein zu Lasten französischer Schüler, die dadurch auch nicht gleicher werden.

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