Protokoll einer deutschen Eigenart

In Anekdoten by Petit piaf0 Comments

Den meisten Deutschen ist es nicht bewusst und wenn sie es erfahren, verstehen sie es nicht. Die Rede ist von einer wenig schmeichelhaften Eigenschaft. Die Deutschen, heißt es in Frankreich, seien unhöflich.

© Marie Urdiales

Eigentlich, so ein Spezialist deutscher Diplomatie, sei alles eine Frage der Grammatik. Diese beinhalte im Deutschen nämlich alles, was man so an Höflichkeit brauche. Ein Satz wie „kannst du mir den Becher reichen“ genüge völlig, um die Bitte selbst, aber auch den Respekt vor dem Gebetenen und sogar oftmals auch das angebrachte Dankeschön auszudrücken. Was ja sein kann. Aber erklären Sie das mal einem Franzosen und seinem sowohl angeborenen als auch anerzogenen Sinn für’s Protokoll, Floskeln aller Arten und Grußformeln, in denen Unterwürfigkeit und stilistische Schnörkel jeden Ansatz von Modernität schon im Komma ersticken lassen. Anders gesagt: Erklären Sie mal einem Volk, von dem nicht wenige Vertreter zuweilen selbst Mails mit dem Satz beenden, man bitte gnädigst den Ausdruck tiefster Ergebenheit und Hochachtung großzügig entgegen nehmen zu wollen, ein „kannst du mir den Becher reichen“ sei Höflichkeit genug. Ist es nicht.

Vom Zauber der Erziehung

Französische Ohren werden schon in der Wiege regelmäßig mit dem Mantra eingeschläfert, sie mögen doch bitte bitte„le petit mot magique“, das berühmte Zauberwort, nicht vergessen. Manchmal könnte man vermuten, auch Babys hätten sich umständlich nach jedem wohlverdienten Rülpser zu entschuldigen, so unglaublichen Wert legen wir auf pardon, excusez-moi, voudriez-vous s’il vous plaît… Deutsche Kinder kennen zwar auch den Ausdruck Zauberwort.Das Zauberwort selbst aber benutzen sie (zumindest nach französischem Verständnis) bedauerlicherweise viel zu selten.Nun ist es aber nützlich zu wissen, dass das „Zauberwort“ gleichsam die Tragesäule unseres sozialen Miteinanders ist. Grundregel hier: Man kann gar nicht oft genug „s’il vous plaît“ sagen. Es ist einfach unmöglich, in Frankreich eine Bitte-Inflation zu erleben. Wir bitten ständig. Wir lieben unser Zauberwort. Es ist das Gleitgel unserer Beziehungen. Wenn man Interkulturelles in deutschen Schulen wirklich ernst nehmen würde, müsste man diesem Ausdruck einen zentralen Platz einräumen (und das fatale „ouais“ endlich und endgültig aus den Vokabelheften streichen. „Ouais“ ist das typische „schlecht gelaunte pseudo-rebellischer Teenager“ Wort, das nur Muttersprachler benutzen sollten, denn nur sie wissen es zu dosieren. Sprich ganz aus ihrem Wortschatz zu verbannen).

Merci qui? Merci Madame!

Dass Deutsche unhöflich seien wurde mir bereits in meiner Vorpubertät regelmäßig und umständlich erklärt. Meine Großeltern hatten in Sète ein Restaurant, und kaum konnte ich die ersten deutschen Sätze artikulieren, wurde ich bei Heimatsaufenthalten in den Sommerferien erbarmungslos auf deutsche Gäste losgelassen. Die oftmals besser Französisch sprachen als ich Deutsch, damals, aber meine Großeltern fanden’s schick. Wie auch immer, kaum waren die Touristen weg, kassierte man ihre großzügigen Trinkgelder (kein Mensch lässt in Frankreich so viel Trinkgeld wie Deutsche, auch heute nicht!) und jammerte über ihr unhöfliches Verhalten. Es ging (und geht nach wie vor) schon bei der Begrüßung los. Dass ein einfaches „hallo“ bzw. sein französichesPendant „salut“ nicht genügt, und sei es noch so freundlich gesprochen, muss dem deutschen Besucher einfach klar sein. In einem Land, in dem man nicht einfach „bonjour“ sondern mindestens „bonjour madame“ ausruft (oder monsieur, wenn die Biologie es verlangt) da ist „salut“ fast schon beleidigend. Ein „bonjour“ ist Minimum, ebenso wie „bonne journée“ beim Rausgehen. Sicherlich aufgrund unseres katholischen Erbes schwebt Aberglaube immer ein Stück weit mit, auch in zwischenmenschlichen Beziehungen. Jemandem keinen schönen Tag zu wünschen, kommt fast einem Fluch gleich und wird einem zuweilen sehr verübelt. Man wünscht auch denen beim Abschied einen schönen Tag, die in strömendem Regen Zeitungen verteilen, auch wenn völlig klar ist, dass diese Menschen keinen schönen Tag haben werden, egal wie oft man es ihnen wünscht. Das prinzipielle oder doch recht schnelle Duzen auch Gleichaltriger sollte man als Deutscher in Frankreich ebenfalls ganz schnell aus seinem Usus streichen. Duzen tut man nur Menschen, mit denen man eine besondere Beziehung hat. Die Bedienung in einer Kneipe z.B. ist keine besondere Beziehung. Es ist jemand, der wacker seiner Arbeit nachgeht und damit des Franzosen Respekt verdient (kommunistische Variante). Oder seinen naserümpfenden Hochmut. Auf alle Fälle aber dutzt man nie, nieund nimmer, eine Bedienung (an dieser Stelle darf ich den Verdacht ausdrücken, dass viele deutsche Kellnerinnen und Kellner sich regelmäßig über diese extrem steifen Franzosen amüsieren). Siezen und Dutzen sind ein anderer wichtiger Pfeiler unserer Gesellschaft. Wir sind da ein wenig Englisch, im Protokoll, und wenn die Briten sich nicht auf das „you“ reduziert hätten, oh Lord! Was könnten die uns da toppen! So aber bleibt die Siezerei unsere kleine persönliche Note und ich schwöre, ich kenne Paare, die sich außerhalb des Ehebettes noch nie geduzt haben. Schwiegerkinder siezen Schwiegereltern, auch wenn sie sich seit immer kennen (umgekehrt duzen Schwiegereltern Schwiegerkinder nach recht kurzer Zeit). Wenn und wie also kann man Menschen in Frankreich duzen ? Darüber schreibt Le Petit Piaf bald ein Buch. Ein Knigge für Frankophile, sozusagen. Dafür sind uns Rituale, wie das deutsche (meines Wissens allerdings vom Aussterben bedrohte) Bruderschaftstrinken nicht nur fremd, sondern suspekt. Arme kreuzen und küssen… Oh mon Dieu!

Du, je suis la Uschi!

Best Rip Friends

Überhaupt der körperliche Kontakt. Als Vertreterin einer doch seltenen Spezies (über 40, perfekt zweisprachig, intensivst Deutschland erfahren) habe ich mich daran gewöhnt und amüsiere mich nach wie vor über die lustige Angewohnheit meiner deutschen Freunde, mir bei der Begrüßung jedes Mal fast die Rippen zu brechen. Es schockiert mich zumindest weniger als in meiner Kindheit, wo ich, als kleine 10-jährige Französin, ansehen musste, wie Eltern ihren Kindern die Hand zum Gruße reichten. Wir wurden darauf getrimmt, auch die hygienisch zweifelhaftesten Tanten zu küssen! Nase zu und durch hieß es da! Auch Warzen am Kinn von Großmama waren keine Ausrede (soweit zum autobiographischen Element). Dass deutsche Begrüßungen herzlicher geworden sind, kann ich also nur gutheißen. Mir kommt nur jedes Mal ein kleines Zwinkern auf, ähnlich wie beim Milchkaffee. Café au lait gehört nämlich unbedingt zu den Top Five der Vorurteile, die Deutsche mit Frankreich haben. Wir trinken NICHT den ganzen Tag Café au lait! Viele trinken – wenn – beim Frühstück Kaffee mit Milch. Aber wer nach 11 Uhr noch Milch in den Kaffee gießt, ist eindeutig als Ausländer geoutet, und sei seine Aussprache noch so akzentfrei. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Begrüßen. Entgegen dem, was anscheinend viele Deutsche nach wie vor glauben, küssen wir uns nicht. Wir nähern lediglich unsere Wangen mehr oder minder nah an das Gesicht des anderen, schmatzen vage in der Luft, möglichst nicht zu nah am Zwerchfell, aber außer bei intimerer Beziehung berühren unsere Lippen nicht die Haut des anderen. Einer meiner deutschen Freunde fragte mich einst etwas verwirrt, ob es da eine Seite gäbe, auf der man zuerst zielen sollte, aber ehrlich gesagt: Auch wenn die Tendenz eher nach links geht, so richtig festgeschrieben ist es eigentlich nicht. Aber eins ist absolut sicher: Wir respektieren die Heilige Intime Aura. Und drücken einander nicht an die Brust.

Aura, Aurae, Aurorum…

Überhaupt die Intimsphäre. Auch so ein Gebiet, in dem deutsche und französische Auffassungen aneinander prallen (symbolisch gesehen) und nur mittels viel Wissen und Verständnis nicht zum Streit führen (daher auch die Wichtigkeit, man kann es gar nicht oft genug betonen, interkulturellen Austausches, auch innerhalb Europas!) Verbannt, verpönt, ja gar absolut verboten ist in Frankreich z.B.: Fragen, wie viel man an Miete zahlt, an Gehalt verdient, und überhaupt: Geld ist ein Thema, das man am Besten nur anspricht um zu beklagen, wie teuer alles seit dem Euro sei. Noch mehr absolutes Geht Nicht (auch No Go genannt, im Neudeutsch): In den Kühlschrank anderer Menschen schauen. Tendenziell muss man so ca. ein Jahr mit jemanden zusammen sein, bevor man es wagen kann, sich „wie zu Hause zu fühlen“. Wir sagen zwar gerne „fais comme chez toi“, gehen aber davon aus (französische Diplomatie eben), der andere müsse verstehen, er solle sich wohl fühlen, sei aber eben nicht zu Hause. Franzosen haben eine Auffassung von Intimsphäre, die den Erfindern der FKK Bewegung völlig fremd zu sein scheint. Dafür wiederum fällt es uns schwer, den deutschen Umgang mit Rechnungen zu verstehen. Kein Mensch kommt in Frankreich auf die Idee, zwei Kaffees (Colas, Tees, selbst Essen!) getrennt zu bezahlen. Für uns kommt dies einer Erbsenzählerei gleich, und ist denkbar unfreundlich. Und unter Franzosen gibt es, zumindest nach meiner Erfahrung, auch nie Unbehagen, weil wir, fast instinktiv, darauf achten, dass es ausgeglichen ist. Gut, von den obligatorischen Geizhälsen abgesehen, die man so überall trifft. Mit Deutschen ist es schwieriger. Und ich spreche – natürlich! – nicht von Freunden! Sondern von diesen alltäglichen Beziehungen. Hier haben wir es eindeutig mit einer Art deutsch-französischem Spagat zwischen penibler Buchhaltung und legerem ‚ach wird schon’ Verhalten zu tun.
Sensible Waagschale… Beispiele dieser Art könnte man noch zu Dutzend aufführen, und wenn jemand im verehrtesten Leserkreis Lust hat, Kommentare und Erfahrungsberichte abzugeben, bitte nur zu! Denn wenn ich das mit einem Augenzwinkern sagen darf: In Frankreich halten wir immer die Türen auf für die, die uns folgen 😉
En attendant de vous lire, chers lecteurs, je vous prie de bien vouloir accepter la considération de vos efforts inouïs ainsi que ma plus profonde gratitude pour l’attention que vous avez bien voulu accorder à l’infâme grenouille que je suis, et d’ailleurs, je vous remercie par avance de vos généreuses contributions à notre modeste cause ! Oder wie man in Deutschland schreibt : MfG

Leave a Comment