Provence

In Reisen, Sehenswertes by Petit piaf0 Comments

Beaucaire: Der Ort ist kaum bekannt, und liegt dabei traumhaft, mitten in der Provence. Eine kleine Stadt, die sich wie ein besonderes Geschichtsbuch entdecken lässt.

© Text: Stefanie Eisenreich. Photos: Bernard Liégeois (OT Beaucaire)

Einen Steinwurf von Arles, Hauptstadt der Provence, ruht Beaucaire an den Ufern des Canal du Rhône à Sète, der hier mitten in dem Städtchen einen malerischen Hafen findet. Yachten sieht man hier, aber auch Hausboote, und hier und da mal einen Außenbordmotor. Viele Sprachen hört man sprechen, ob morgens auf den Café-Terrassen mit Blick auf’s Wasser, oder auf dem wöchentlichen Markt. Denn diese Gegend lockt und zieht sie an, die sonnen- und kulturhungrigen Engländer, Holländer, und auch die Deutschen, die Schweden, die Kanadier… Doch fernab von der massiven Touristenschar in Arles, stolz und unabhängig gegenüber den üblichen Postkartenklischees mit ihren Lavendelfeldern, den Van-Gogh-Postern, und den ach so niedlichen Grillen in diversen Materialien, fernab also von all dem industriellen Kitsch genießt Beaucaire noch die stille Besinnlichkeit des Geheimtipps. Hier hat man gelernt aus den Fehlern des jahrzehntenlang auf Masse getrimmten südfranzösischen Tourismus‘. Man geht offen mit dem Besucher um, behutsam mit der Entwicklung einer Einnahmequelle, die man nicht versickern sehen möchte. Doch ertrinken will man auch nicht in der touristischen Flut. Man hat aus der Geschichte gelernt, und diese war schmerzhaft.

Von der Hochburg zur Ruine

Beaucaire, im 16. Jahrhundert. Die Stadt, deren Spuren bis ins fünfte Jhd. v.Ch. wurzeln, ist die Hochburg der Händler und Geschäftstreibenden. Aus ganz Europa kommen sie hierher zu einer größten Börse des Kontinents, die Foire de la Madeleine. Einige Tage nur dauert das Ereignis, doch in dieser kurzen Zeit rollen hier mehr Rubeln als im Marseiller Hafen in einem Jahr. Die Stadt ist reich, seit dem Mittelalter schon, und mit diesem Reichtum schmückt sie sich immer mehr, stolz und voller Hochmut. Grosse Herrenhäuser werden hochgezogen, mit prunkvollen Fassaden, schwindelerregenden Treppen, lichten Innenhöfen… Gänzlich unbescheiden ist Beaucaire, doch der Erfolg gibt ihr lange Zeit Recht. Über sechs Jahrhunderte lang ist die Handelsstadt eine der wohlhabendsten Frankreichs. Doch so grandios der Höhenflug, so unerbittlich der Fall. Die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts zeigt sich erbarmungslos, die Stadt verarmt in wenigen Jahren völlig, die noblen Fassaden bröckeln, die Einwohner, zumindest die wohlhabenden unter ihnen, ziehen weg. Zurück bleibt ein ökonomisches Desaster und die Nostalgie nach der ruhmreichen Vergangenheit. Man trauert bis in die Achtziger, doch dann beginnt der französische Staat mit Hilfe der EG, sich ernsthaft um sein architektonisches Vermögen zu kümmern. Das Zentrum wird 1985 unter Denkmalschutz gestellt, die Stadt investiert Millionen in die Renovierung, nach und nach finden ehemalige Herren- und Handelshäuser zu altem Glanz zurück. Zumindest äußerlich. Denn die unmittelbare Nähe von Arles, aber auch Avignon und Nîmes, entzieht der Stadt lange Zeit den Boden, auf dem das Immobiliengeschäft wachsen kann. Das Zentrum strahlt im weichen Licht der Provence, doch die einzigen Einwohner sind sesshaft gewordene Zigeuner. Und bis tief in die Neunziger gestaltet sich ein Zusammenleben schwierig in Frankreichs Süden.

Der Handel wird schon längst mehr hinter dem Bildschirm als hinter dem Ladentisch betrieben als die Stadt beschließt, sich auf eine andere alte Tradition zu besinnen: das Kunsthandwerk soll Beaucaire zu neuem Ruhm verhelfen und das Zentrum zu neuen Leben erwachen lassen. Dutzende Ateliers, renoviert und in bester Lage, bietet die Stadt jungen Künstlern zu Spottpreisen an. Sie fördert und unterstützt, und schließt sich auch mit umliegenden Gemeinden zusammen, um das nahezu unbekannte Fleckchen auch im Schatten Arles aufleben zu lassen. Langsam erwacht Beaucaire aus dem Dornröschenschlaf. Lina Castro war zehn Jahre lang Hafenkapitän, bevor die Stadtverwaltung sie zur neuen Direktorin des Tourismusbüros ernannte. Sie erinnert sich gut an die zaghaften Anfänge:
„Es waren zuerst hauptsächlich Engländer, die mit ihren Booten nach Beaucaire kamen. Der Hafen mitten in der Stadt, die Schönheit des Zentrums aber auch die Ruhe und diese unberührte Seite zogen sie an. Viele blieben, und heute leben zahlreiche von ihnen das ganze Jahr über auf dem Wasser.“

Intelligente Förderungsmassnahmen im Bereich des sogenannten grünen Tourismus und Mund zu Ohr Werbung taten das Übrige.
„Parallel zu den offiziellen Bemühungen der Stadt hat sich in den letzten Jahren rumgesprochen, dass hier Platz ist für Alternativen zum Massentourismus“, erzählt Lina Castro weiter. „Viele, die genug hatten vom Grosstadtstress haben sich hier niedergelassen und haben investiert. In kleinen erlesenen Restaurants mit origineller Küche, in Gästezimmer in alten provenzalischen Häusern, aber auch in Produkten wie Olivenöl, Blumengelees oder Wein.“

Vor allem in letzterem gehören Beaucaire und die umliegenden Dörfer heute zu den Geheimtipps der Liebhaber: „Clairette“-Weine, aber vor allem Weine aus biologischen Reben gehören zum Besten, was derzeit im Languedoc-Roussillon produziert wird. Kulinarisch und kulturell ist die Gegend selten vielseitig. Von der troglodytischen Kirche zum sommerlichen Musik- und Handwerkfestival an den Ufern des Hafens, von den Wanderungen durch die Reben zum Spaziergang auf dem Wasser, vom großen Korbflechterfest zu den (unblutigen) Spielen mit weißen Pferden und schwarzen Stieren… Die authentische, traditionsbewusste Provence und der wahr gewordene Traum einer besseren touristischen Welt… Wem dies an Besinnlichkeit zu viel ist, kann sich ja immer noch in den Trubel der naheliegenden größeren Städten stürzen. Er wird sich, davon zeugen die Schiffe im Hafen Beaucaires, nie mehr ganz von hier losankern können…

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