Quo vadis, deutsche Sprache?

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Ab September 2016 sollen in Frankreich die classes bilangues abgeschafft werden. Doch was passiert dann mit der deutschen Sprache in französischen Klassenzimmern? Eine Konferenz nahm sich der Frage speziell für die Lage im Süden des Landes am vergangenen Samstag an.

© Stefanie Eisenreich.

Am 26.09. fand im Rahmen der jährlich wiederkehrenden Deutschen Woche im deutschen Kulturinstitut von Montpellier, dem Heidelberg-Haus, eine Konferenz statt, die sich dem Thema der classes bilangues annahm. Nach erfolgreichem Reformstreben seitens der französischen Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem steht es ab dem nächsten Schuljahr 2016/2017 nicht nur schlecht um Fächer wie Latein und Griechisch sondern auch um die sogenannten classes bilangues, in denen die Schüler bislang Englisch und Deutsch parallel als erste Fremdsprache erlernen konnten. Wo die Ministerin argumentiert, dass es sich hier um zu elitäre Schulfächer handele, werden hinter dem Schleier der französischen Sparpolitik Stunden gekürzt oder an manchen Schulen ganze Sektionen geschlossen.

Viele Deutschlehrer fühlen sich bedroht oder fürchten gar um ihre Existenz. „Wer hat schon Lust,“ bringt es eine anwesende Lehrerin auf den Punkt, „an drei verschiedenen Einrichtungen zu lehren?“
Das bringe auch Probleme für den beliebten Austausch zwischen beiden Ländern mit sich, denn welcher Lehrer hat in diesem Fall noch Zeit, neben der Vorbereitung seiner Stunden in drei oder gar vier verschiedenen Schulen, einen Austausch zu organisieren?

Vorsicht vor Fehlkommunikation

Brigitte Gely, selbst Deutschlehrerin und Vorsitzende des Vereins l’ADEAF (Association pour le Développement de l’Enseignement de l’Allemand en France – Verein zur Entwicklung des Deutschunterrichts in Frankreich) beschreibt die Situation der deutschen Sprache im Süden als stabil seit 2005. Laut Statistiken hat sich die Zahl der Deutschlerner hier auf 15% eingepegelt. Da wird die anstehende Reform einschneidende Folgen mit sich bringen, denn „mehr als 90% aller Deutschlerner“, so Maurice Godé, Vorstand des Heidelberg-Hauses, „lernen Deutsch als erste Fremdsprache in den classes bilangues.“
Die Deutschlehrer sind frustriert, weisen auf die Auwirkungen der Reform auf die bilateralen Beziehungen hin, es gibt merklich Unklarheiten im Saal. An vielen Schulen weiß man nicht, ob der Deutschunterricht überleben wird und was mit den vorhandenen Klassen passieren soll. Norbert Biscons, Schulinspektor der Region, warnt vor einer Fehlkommunikation. „Die classes bilangues sollen nicht abgeschafft werden. Natürlich können Schüler, die bereits Deutsch lernen dies in ihren Klassen auch weiterhin tun. Jedoch muss intern nach Lösungen für die Stundenverteilung gesucht werden.“

Reform schürt alte Vorurteile

Das klingt einfacher als die bisherigen Annahmen es vermuten lassen, ist es aber nur bedingt. Denn die classes bilangues sollen zwar nicht komplett abgeschafft werden, „jedoch werden auch keine neuen Klassen gegründet,“ unterstreicht Maurice Godé. Die meisten Deutschlerner hatten außerdem bereits eine Einführung in die deutsche Sprache in der Grundschule. Fällt diese weg, werden sich wahrscheinlich aufgrund immernoch bestehender Vorurteile gegenüber dem Deutschen weitere Kinder gegen dessen Erlernen entscheiden. Daneben hat es das Deutsche als zweite Fremdsprache unabhängig der classes bilangues in Konkurrenz mit dem Spanischen nicht immer leicht. Zu schwer. Zu hart. Und wofür überhaupt Deutsch lernen? Die Bildungsministerin schürt Vorurteile, wo diese schon längst nicht mehr von Nöten sind.

In Frankreich hat es die deutsche Sprache nicht leicht. Aus diesem Grund setzen sich seit mehreren Jahren zahlreiche Vereine, Lehrer und Kulturinstitute mit Programmen wie dem ehemaligen DeutschMobil – jetzt mobiklasse.de – für den Erhalt des Deutschen ein. „Wir müssen versuchen,“ so Biscons, „zu zeigen, dass das Erlernen der deutschen Sprache auch für den Englischunterricht hilfreich sein kann.“ Im Norden, wo mehr Kinder durch die Nähe zum Nachbarland Deutsch lernen als im Süden, so legt er dar, sei man auch im Englischen besser. Argumente gibt es viele. Optionen gegen die bereits verabschiedete Reform nur wenige.

Und so versucht Norbert Biscons am Ende der Konferenz die Geister zu beruhigen: „Das Deutsche hat trotz allem ein gutes Image in den verschiedenen Einrichtungen der Académie. Ich ermutige Sie also in Ihrem Engagement für die deutsche Sprache und einen gelungenen Austausch. Wir werden unser Bestes geben, die classes bilangues zu erhalten, wo sie erhalten werden können und natürlich wird das Deutsche als zweite Fremdsprache weiter bestehen.“ Die Konferenz konnte an diesem Vormittag sicher so einige Unklarheiten aus dem Weg räumen, die Ängste der Deutschlehrenden aber konnte sie nicht beseitigen. Einige von ihnen sammelten am Nachmittag auf dem Platz der Comédie in Montpelliers Stadtzentrum nach Unterschriften für die Rettung der classes bilangues sowie der sections européennes. Es wird gespart, in Frankreichs Bildungswesen, leider zum Leidwesen der deutsch-französischen Beziehungen.

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