Reform

In Bildung, Sprache by Petit piaf0 Comments

Seit Wochen schon wird in Frankreich diskutiert. Über Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem und ihre neue Schulreform. Auch in Montpellier gibt es Proteste. Hans Demes, Leiter des Heidelberg-Hauses, wehrt sich.

© Marie Urdiales. Foto © Constantin Röse www.jugendfotos.de

Hans Demes, Leiter des deutschen Kulturzentrums in Montpellier, teilt die sonnige Laune des Himmels nicht.„Was sie hier erzählen ist reine Zahlenspielerei“, beklagt er. „Die französische Regierung will national 500 neue Deutschlehrer einstellen, aber wenn nächstes Jahr 1000 in Rente gehen, wo ist da der Gewinn?“ Die Rede ist natürlich von der geplanten Reform des Schulprogramms in Frankreich, und deren Auswirkungen u.a. auf den Deutschunterricht in einem Land, mit dem man vor gar nicht allzu langer Zeit noch in der Sprache der Waffen kommunizierte.

Der Elysee Vertrag feierte erst vor zwei Jahren seinen 50. Geburtstag und schon fürchten viele, die in Frankreich geplanten Reformen könnten auch an einer solchen Institution wie der Städtepartnerschaft zwischen Montpellier und Heidelberg rütteln. Obwohl diese eine der ältesten dieser Art ist: Alter schützt auch im interkulturellen Austausch nicht vor dem Aus. „Im Augenblick setzen wir uns auch national verstärkt ein“, erklärt Hans Demes. „Denn die Reform gefährdet die Qualität des Deutschunterrichts in ganz Frankreich. Es ist leicht nachzuvollziehen: Deutsch soll ab 2016 als 2. Fremdsprache ab der 6. (und nicht wie bisher auch als erste Fremdsprache ab der 5. Klasse) unterrichtet werden, und zwar mit zwei bis drei Stunden pro Woche. Konkret bedeutet es, dass Deutschlehrer an zwei, drei oder vier verschiedenen Schulen unterrichten müssen, um über die Runden zu kommen. Wer soll aber bei so einer Zerstückelung noch Lust haben, Austausche zu organisieren?“ Auch das Angebot, Deutsch bereits in der Grundschule anzubieten, stösst auf Kenner deutsch-französischer Beziehungen auf wenig Begeisterung: „Wer soll das machen?“, fragt Hans Demes fast zynisch. „Es fehlen jetzt schon Kompetenzen in dem Gebiet! Und welche Eltern wollen schon riskieren, dass ihr Kind als einziger Deutsch lernt, und dann in der 5. Klasse kein Englisch kann, wie der Grossteil der anderen Schüler?“ Das Deutschmobil werde dennoch ab Dezember wieder verstärkt durch die Kommunen des Distriktes ziehen, um für den Erwerb der deutschen Sprache zu werben. „Aber es wird schwieriger“, vermutet Demes. „Wir hatten letztes Jahr einen Zuwachs von 20 % an Deutschschülern im Heidelberg Haus, Deutsch war wieder attraktiv, und konnte mit Spanisch und Englisch mithalten. Aber wie soll das jetzt gehen, wenn man weniger Stunden hat, um eine Fremdsprache zu lernen. Klar wird man da die – vermeintlich – einfachere lernen.“

Dass das Thema „Deutsch lernen in Frankreich“ seit der Ankündigung der Reform durch die französische Erziehungsministerin Najat Vallaud-Belcacem im März so brisant wird, hatte keiner erwartet. Und selbst, wenn die wochenlange Belegung einer Montpellieraner Schule durch Schülereltern bis Anfang Mai primär andere Gründe hatte, es ging, auch, um Deutschunterricht in Frankreich. „Es ging“, so Hans Demes, „allgemein um das Durchmischen verschiedener sozialer Schichten, die in der Schule von Aiguerelles auch im Deutschunterricht stattfand. Deutsch ab der 6. Klasse war ein Argument für eine einst als schwach geltende öffentliche Schule. Fällt das weg, werden viele Eltern ihre Kinder lieber in einer Privatschule schicken, sofern sie die Mitteln haben“.

Tatsächlich erlebte man diese Protestbewegung z.B. im Collège Clemenceau nicht, obwohl auch hier bilinguale Klassen und deutsch-französisches Abi angeboten werden. Doch Clemenceau hat ohnehin ein anderes Einzugsgebiet, soziales Kunterbunt spielt hier nur eine geringe Rolle. Was nichts daran ändert, dass auch hier ganze Klassen mit verstärktem Deutschanteil in Zukunft verschwinden werden. Und ob Protest oder nicht, das Grundproblem bleibt das Gleiche: „Die Beziehungen, die Freundschaft zwischen beiden Ländern hat sich in den letzten 70 Jahren intensiviert“, erinnert Hans Demes. „Aber wie soll sie sich noch weiter verstärken, und den aktuellen Anforderungen gerecht werden? Auf Englisch? Klar, geht auch. Aber wenn beide Partner die Sprache des Anderen nicht mehr lernen, und seine Kultur nicht mehr kennen, dann geht der emotionale Bezug verloren.“ Und damit das Herz der europäischen Lokomotive.

Erschienen am 21.05.2015 in der Rhein-Neckar-Zeitung.

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