Schadenfroh

In Anekdoten, Sprache by Petit piaf1 Comment

So wie es im Französischen kein Wort für Schadenfreude gibt, so gibt es im Deutschen keinen Ausdruck für être de mauvaise foi. Dabei ist diese in Frankreich schon fast eine Lebensphilosophie.

© Marie Urdiales.

Das Wörterbuch gibt für être de mauvaise foi « unehrlich, oder unzuverlässig sein » an. Doch être de mauvaise foi ist mehr als das. La mauvaise foi, das geht weit, sehr weit über die banale Unehrlichkeit hinaus. Kombiniert mit einer pathologischen Abneigung gegen allzu viel Organisation (die wiederum unserer legendären Spontaneität schaden könnte, sowie unserem Talent, uns aus jeder Zwickmühle heraus zu improvisieren) kombiniert mit chronischem Mangel an Organisation und Planung also macht es unsere mauvaise foi möglich, dass wir ohne rot zu werden dem anderen verkünden können: „gibt’s nicht, kennen wir nicht, hat’s nie gegeben“. Dabei blicken wir unserem Gegenüber zielsicher ins Weiße der Augen, auch wenn das Objekt der Begierde vor unserer Nase liegt.
Die Idee für diesen Artikel kam mir, als ein Freund und ich an der Kasse des Fabre Museums standen. Das Fabre Museum in Montpellier gilt als eines der schönsten Museen Europas, und ist nicht gerade der Ort, an dem man gleich am Empfang mit der mauvaise foi rechnet. Mein Freund und ich stehen also zunächst in der Warteschlange, und vertreiben uns die Zeit damit, den geeignetsten Eintrittspreis auszusuchen. Dann sind wir dran, ich frage nach einem Duo-Ticket, und bekomme zur Antwort:
– Gibt’s nicht, kennen wir nicht, hat’s nie gegeben…

Frankreich ist ein sehr willkürliches Land…

Nun haben wir uns dieses Duo ja nicht spontan aus den Fingern gesogen. Es wird eindeutig auf dem Flyer des Museums angeboten. Es ist ein Ticket, die einem sowohl zur Dauer- als auch zur aktuellen Ausstellung Zugang verschafft… sofern der Mensch an der Eintrittskasse einem das Ticket dazu auch verkauft. Was dieser an diesem Tag aber nicht will. Hätte ich nicht für meinen – deutschen – Freund übersetzen und rückfragen müssen, hätte man ein Missverständnis vermuten können. Aber nein: ich frage nochmals, weise sogar auf den Flyer hin, mit dem ich dem Menschen schliesslich unter der Nase wedle – eine an sich sehr unhöfliche Geste, aber in meiner Verzweiflung fällt mir nichts besseres ein – und erkläre nochmals höflich und bestimmt, ich wolle ein Duo. Doch ohne den Flyer auch nur eines Blickes zu würdigen blickt mir der – übrigens sympathische – Mann ins Weiße der Augen und wiederholt den verhängnisvollen Satz:
– Gibt’s nicht, kennen wir nicht, hat’s nie gegeben…
Wir kaufen schließlich zwei normale Tickets und schauen uns zumindest mal die Dauerausstellung an.
Warum dieser Mensch das sagt? Warum er uns den Duo nicht verkaufen will? Hat er die entsprechende Ticketrolle nicht mehr, und auch keine Lust, eine neue zu holen? Traut er uns nicht zu, beide Ausstellungen an einem Nachmittag zu sehen? Will er damit andeuten, dass ohnehin kein Mensch kontrolliert, mit welchem Ticket man in welcher Ausstellung geht? Ich weiß es nicht. Und gerade dieses ‚nicht logisch und nachvollziehbar erklären können’ gehört zur mauvaise foi einfach dazu. Frankreich ist ein sehr willkürliches Land…
Das Erscheinungsbild und die Konsequenzen der mauvaise foi können einfach nur nerven, geradezu verzweifeln, in Schwierigkeiten bringen, schwarz ärgern, Weinkrämpfe auslösen… aber auch zum Lachen bringen, weil hier z.T. Ausmaße an Albernheiten erreicht werden, die man sich, glaube ich, in keinem anderen Land vorstellen könnte.

Da wäre z.B. die Geschichte meiner Freundin Flo. Sie und ihr Lebensgefährte sind gerade umgezogen. Sie haben schon eine Telefonleitung, doch mit dem Internetanschluss und dem DASL klappt es noch nicht. Also ruft sie von ihrem neuen Haus aus die Telecom an, und beschreibt das Problem. Und da kommt sie auch prompt, die französische Lösung. Das sei ganz normal, erklärt ihr die Angestellte von der Telecom, denn:
– Gibt’s nicht, kennen wir nicht, hat’s nie gegeben,
sie könne gar keinen Interanschluss haben, denn sie habe noch kein Telefon. Etwas verwirrt schweigt Flo ein paar Sekunden. Dann fällt es ihr wieder ein:
– Natürlich habe ich ein Telefon! Ich rufe Sie doch gerade damit an!
– C’est pas possible. Das kann nicht sein.
– Aber doch! Ich sag’s Ihnen doch: ich stehe gerade in meinem neuen Haus und rufe Sie von dort aus an! Ich habe auch irgendwo den Vertrag der Telecom!
– Und ich sage Ihnen: das kann nicht sein! Sie haben kein Telefon. Wenn Sie ein Telefon hätten, wären Sie auch bei uns registriert, und das sind Sie nicht. Also haben Sie auch kein Telefon!
Frankreich hat eine sehr eigene Art, mit Syllogismen umzugehen.
Später hat uns Flo erzählt, sie habe tatsächlich kurz geglaubt, die Stimme am anderen Ende der Leitung habe Recht, und sie hätte gar kein Telefon (das ist das Gefährliche bei der mauvaise foi: sie kann einen dazu bringen, die eigene Realität zu bezweifeln). Und tatsächlich blieb ihr und ihrem Freund am Schluss nichts anderes übrig, als der Telecom ein Einschreiben zu schicken mit der Kopie des Vertrages, um zu beweisen, sie seien tatsächlich registriert… nur halt nicht im Computer der Telecom, wie es scheint.
Etwas ähnliches passierte einer anderen Freundin. Diese ist Kundin der Postbank, und zwar seit über zehn Jahren. Die Damen am Schalter kennen sie gut, schließlich hat sie regelmäßig bei der Post zu tun, und wie so üblich plappert man über das Wetter, die Familie, die neuen Briefmarken… Man sollte also glauben, folgende Geschichte hätte nie stattfinden können.

Der Teufel steckt im Detail, und im französischen Alltag gibt es verdammt viele Details.

Magali geht zur Post, um eine Bareinzahlung auf das Konto einer Freundin vorzunehmen. Da diese ebenfalls Kundin der Postbank ist, denkt Magali, es sei keine große Sache und schneller erledigt, als einen Scheck zu schicken (Überweisungen sind in Frankreich nicht sehr üblich, man zahlt viel per Scheck). Am Schalter füllt sie also das entsprechende Formular aus, bis zur Frage, welcher Zentrale das Postamt ihrer Freundin angeschlossen sei. Sie weiß es nicht, teilt es der Dame am Schalter mit, fügt aber gleich hinzu, es sei ja nicht so schlimm, sie habe ja die IBAN, die internationale Banknummer, und da seien ja auch alle Informationen vorhanden.
– Das ist ein Konto mit IBAN? Dann ist es aber kein Postkonto. Dann geht das gar nicht!
– Doch! Natürlich geht das! Ich habe ja auch eine IBAN !
Und da kommt es in voller Überzeugung:
– Sie haben eine IBAN? Dann sind Sie aber nicht bei der Post!
Und das nach zehn Jahren treue Kundschaft… Schließlich muss Magali ihre Freundin anrufen, um den Ort der Zentrale zu erfragen.
Céline ist Forschungsleiterin, und hat vor kurzem in ein neues, grosses Labor angefangen. Bei einem Essen erzählt sie, was ihr kurz vorher wiederfahren ist. Sie musste an ein bestimmtes Gerät ran, dass nur von speziell ausgebildeten Techniker bedient werden kann. Irgendetwas mit der Spaltung von Proteinen hat es glaube ich zu tun. Jedenfalls kennt Céline das Gerät sehr gut und weiß genau, was man damit tun kann und was nicht. An diesem Tag kommt sie mit einer bestimmten Menge Protein, die eine Runde in die Maschine müssen. Da sie noch recht neu ist im Labor kennt sie noch nicht alle Techniker. Den an diesem Tag kennt sie jedenfalls noch nicht. Und was sagt er, als sie mit ihrem Proteinpäckchen ankommt? Wir kennen es ja nun: gibt’s nicht, kennen wir nicht, hat’s nie gegeben. Er leugnet schlichtweg die Existenz des Gerätes, das seinem Job doch überhaupt seine Daseinsberechtigung gibt! Und als Céline ihm erklärt, sie wisse ganz genau das Gerät sei da erklärt er ihr, es sei für die große Menge an Protein, die sie da dabei habe, nicht geeignet. Also muss Céline das tun, was man in Frankreich nur tun kann, wenn einem die mauvaise foi begegnet: je nach Persönlichkeit reagiert man mit Drohungen oder mit Humor… oder mit beidem.
Anekdotisch betrachtet sind solche und ähnliche Geschichten witzig. In der Realität aber ist die „mauvaise foi“ mühsam, weil der Alltag dadurch ungleich komplizierter wird: man kann sich auf nichts verlassen… außer darauf, dass vielleicht, wahrscheinlich, aber nicht sicher, das Chaos an der Ecke wartet, mit seinem „gibt’s nicht, kennen wir nicht, hat’s nie gegeben“. Ein deutscher Freund von mir, der beruflich regelmäßig in Frankreich zu tun hat, beschrieb es so:
– Man kommt in ein nagelneues 4-Sterne-Hotel in Südfrankreich an. Gut, es ist nicht das, was man von einem 4-Sterne-Hotel in Deutschland oder in anderen Ländern erwarten würde, aber es ist schön. Es ist neu, es ist geschmackvoll eingerichtet, das Essen ist gut und die Leute sind freundlich. Aber irgendwas, irgend etwas, das weiß man, wird schief gehen. Das ist einfach so. Entweder die Minibar geht nicht auf, oder sie ist leer, oder die Reservation hat nicht geklappt oder es tropft irgendwas… Perfektion existiert bei euch nicht!
Er hat nicht Unrecht. Perfektion kennen wir nicht. Der Teufel steckt im Detail, und im französischen Alltag gibt es verdammt viele Details.

Comments

  1. Unglaublich, , dass es solche Situationen geben soll ( Thema) schadenfroh ). Das ist ja absurd! Entweder bin ich bisher nicht auf solche Leute gestoßen in F , oder ich habe es gar nicht bemerkt und ihnen geglaubt! Was wäre schlimmer?

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