Sommerlöcher

In Anekdoten, Gesellschaft by Petit piaf0 Comments

Alle Jahre wieder floriert in Südfrankreich ein erstaunliches Phänomen: Es blühen überall Baulöcher. Am Liebsten jedoch mitten in der Innenstadt.

© Marie Urdiales

Ich weiss ja auch nicht: Liegt es an mir und meinem natürlichen Hang zum Zynismus, sobald es meine Landsleute betrifft? Oder neigt man in Frankreich tatsächlich dazu, umfangreiche Bauarbeiten am allerliebsten Mitten im Sommer zu unternehmen, wenn die berüchtigte „alerte canicule“ kursiert und die Touristen in der Region kreisen? „Alerte canicule“, das ist Frankreichs Pendant zum deutschen Hitzefrei, doch frei hat hier zumindest eine Berufskategorie nicht: die Bauarbeiter.

Es ist nun mein dritter Sommer in der Innenstadt, und schon tobt unter meinem Balkon die dritte grossangelegte Baukampagne. Dabei wohne ich in einer ganz kleinen, völlig unbedeutenden Strasse. Nicht mal zweispurig kann ich mir leisten! Doch dieser bescheidene „sens unique“ hat die Besonderheit – und das verdanken die Einwohner dieser Strasse eindeutig der südfranzösischen Vorliebe für Einbahnstrassen – die Besonderheit also, dass sie zu einer grossen, vierspurigen Strasse führt. Ach, was sage ich gross: es ist eine DER Hauptzugangsarterien der Stadt schlechthin! Und die wird nun von Juli bis August Segmentweise lahmgelegt, um ich weiss nicht welche „Erfrischungsmassnahmen“ durchzuführen. Ein Bauprojekt wie ein kühle Dusche, wie originell! Eine Folge von diesen Massnahmen ist, dass nun tagtäglich vor meinem Haus ein buntes, lautes Ballett diverser Baufahrzeuge seine Reihen zieht. Und zwar in der Kühle. Morgens um 6 also. Weitaus unverständlicher: durch die Bauarbeiten in der Hauptader der Stadt entstehen unglaubliche Staus, die denen auf den Autobahnen in nichts nachstehen. Es hupt und dampft aus allen Vehikeln, Fahrräder inklusive, denn die schwitzen natürlich viel mehr, gefangen in dieser teuflischen Kombination von Hitze und Abgasen.

Ein zweites grosses Bauprojekt trifft diesen Sommer die Trambahn, und zwar (wenn schon denn schon) die Strecke in der Innenstadt. Aus Gründen, die mir – vielleicht – einleuchten würden, hätte ich mich erkundigt (ich glaube gelesen zu haben, man sei beim Buddeln wieder mal auf römisches Antiquariat gestossen) aus unbekannten Gründen also reisst man derzeit den Beton und das (heisse) Pflaster auf, um die fehlenden Kilometer zwischen zwei Stellen in den Schienen zu installieren. Ich habe den Plan des gesamten öffentlichen Verkehrverlaufes nun nicht vor Augen, sonst würde ich – vielleicht – verstehen, warum zur Verlegung der Linie 4 die Linien 2 und 3 teilweise still gelegt bzw. durch Busse ersetzt werden müssen. Was ich allerdings weiss, ist dass die Linie 2 zu mir und die Linie 3 zum Strand führt. Wobei – es ist ja Sommer – Gott sei Dank weitaus mehr Menschen zum Strand als zu mir wollen. Wo es sich ohnehin schon absurderweise so verhält, dass die Trambahn Mitten im No Man’s Land hält, weil ein Bürgermeisterstreit vor einigen Jahren zum Austritt der am Meer gelegenen Gemeinde aus dem Distrikt führte. Und damit zum Ausschluss besagter Gemeinde aus dem Verkehrsnetz des Distriktes.

Nun behaupten ja Pseudokenner der Baubranche, solche grösseren Bauprojekte fänden deswegen in den Sommermonaten statt, damit die Einwohner der Stadt nicht damit belästigt werden. Sprich südfranzösische Planer gehen davon aus, ein Grossteil der Bevölkerung fahre im Urlaub, und freue sich dann, wenn sie bei ihrer Rückkehr erfrischte Strassen und verlängerte Trambahnstrecken vorfänden. Das behaupten Spezialisten wirklich: dass ein Grossteil der Montpellieraner im Sommer verreist. Trotz Krise, chronischer französischer Reiseunlust und der Tatsache, dass wir hier sowohl Strand als Flüsse als auch Berge haben und ehrlich gesagt keinen Grund haben, in die Ferne zu schweifen. Höchstens, wir fliehen vor den Touristenhorden, eine der drei (zwei?) grössten Einnahmequellen der Region. Wir fliehen, und lassen die armen Schlucker zusehen, wie sie mit unseren komplizierten „déviations“ zurechtkommen, oder es so ganz ohne Tram bis zum Meer schaffen.

Ich frage mich ehrlich gesagt eher, ob es nicht darum geht, der Welt zu beweisen, dass wir Südfranzosen unglaublich fleissig sind und es unserer Wirtschaft mindestens so gut wie der deutschen geht. Selbst, wenn für diese PR-Aktion Bauarbeiterköpfe im Helm kochen müssen.

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