Sprachkunst – Von Redewendungen und Wortspielen

In Anekdoten, Sprache by Petit piaf0 Comments

Redewendungen sind des Sprachenlerners große Freude. Nichts ist von Sprache zu Sprache so verschieden wie der Humor eines Volkes und seine Sprichwörter. Ein Blick auf die deutsch-französische Sprachenspielwiese.

© Stefanie Eisenreich. Fotos © Stephanie Huber (Titelbild) und Sabine Zink. www.jugendfotos.de. Erschien nicht nur bei FplusD sondern auch in verkürzter Version in der Juli/August Ausgabe des Magazins ParisBerlin.

Schonmal mit den Füßen ins Gericht getreten? Oder beißt sich bei Ihnen auch manchmal die Schlange in den Schwanz? Dabei machen sicher auch Sie manchmal aus einer Sache ein großes Gericht. Neben diesen Redewendungen gibt es Wörter, die es in der jeweils anderen Sprache schlichtweg nicht gibt.
Redewendungen haben eine lange Tradition. Das wusste auch der spanische Schriftsteller Miguel de Cervantes, der über Sprichwörter einst sagte: „Ein Sprichwort ist ein kurzer Satz, der sich auf lange Erfahrung gründet.“ Darin sind sich Franzosen und Deutsche einig. Redewendungen basieren auf alten Lebensweisheiten, die in den meisten Fällen verbreitete Ansichten und Werte mit dem ein oder anderen Augenzwinkern vermitteln. Wenn also jemand in Frankreich mit den Füßen ins Gericht tritt, hat er in Deutschland das Fettnäpfchen getroffen. Und kommt man mit einem Problem nicht voran und dreht sich im Kreis, dann beißt sich neben der deutschen Katze die französische Schlange in den Schwanz. Und bei Übertreibungen kochen wir Deutschen kein großes Gericht, sondern machen aus einer Mücke einen Elefanten.

Haben Sie tatsächlich schon mal jemandem, den Sie angelogen haben, einen echten Bären aufgebunden?

Da fällt also ein Meister vom Himmel auf die Sprachenspielwiese, wenn einer die delikate Kunst beherrscht, in einer Fremdsprache mit Wörtern und Redewendungen zu spielen. Sie sind fester Bestandteil einer jeden Sprache. Jeder bedient sich alltäglich im Repertoire zahlreicher Sprichwörter, deren Bedeutung wir aber oft nicht (mehr) kennen. Wie selbstverständlich greifen wir auf Ausdrücke zurück, deren Worte an sich bei genauem Hinsehen kaum Sinn ergeben. Oder haben Sie tatsächlich schon mal jemandem, den Sie angelogen haben, einen echten Bären aufgebunden? Oder glauben Sie, dem Franzosen wächst wirklich ein Haar aus der Hand, wenn er zu faul ist?
Diese Ahnungslosigkeit im Bedeutungsdschungel von Sprichwörtern fängt bei einfachen Ausdrücken bereits an: Warum hat beispielsweise jemand Pech? Die meisten dieser Sprichwörter und Redewendungen reichen weit zurück. Im Mittelalter wurde Eindringlingen vorm Burgtor Pech über den Kopf geschüttet, was sie am Zugang zur Burg hinderte. Die Unglücklichen hatten im wahrsten Sinne des Wortes also Pech. Redewendungen sind also keineswegs nur Spielereien einer Sprache, sondern Ausdruck unseres kulturellen Erbes.

Ein Frenchie wird sich in Deutschland über so manches Wörtchen wundern. Welche Schmerzen hat ein Deutscher nur, wenn er von Fernweh spricht? Erschrocken wird der Franzose außerdem sein, wenn er vom inneren Schweinehund erfährt. Mit etwas Glück wird er herausfinden, dass Fernweh schlichtweg das Gegenteil von Heimweh ist und der innere Schweinehund dem französischen Haar in der Hand entspricht. Die Liste solcher Wortschöpfungen ist lang.
Doch auch der Urfranzose war kreativ. Denn so gibt es zum Beispiel im Deutschen keine Entsprechung für „être de mauvaise foi“. Das Wörterbuch übersetzt diese französische Eigenart mit „unehrlich oder unzuverlässig sein“, jedoch trifft diese Übersetzung nicht den Kern der Sache. Marie Urdiales, französische Journalistin, die lange in Deutschland gelebt hat, vergleicht diese Redewendung nicht ohne Augenzwinkern mit einer französischen Lebensphilosophie: „,Unsere mauvaise foi‘,“ schreibt sie, „kombiniert mit einer pathologischen Abneigung gegen allzu viel Organisation und Planung– es könnte ja unserer legendären Spontaneität schaden, sowie unserem Talent, uns aus jeder Zwickmühle heraus zu improvisieren – macht es uns möglich, dass wir ohne rot zu werden, dem anderen zielsicher ins Weiße der Augen blickend, verkünden können: Gibt’s nicht, kennen wir nicht, hat’s nie gegeben, auch wenn das Objekt der Begierde vor unserer Nase liegt.“ Doch ehe wir nun vom Hundertsten ins Tausende geraten, soll an dieser Stelle Schluss sein, denn, wie wir wissen, hat, anders als die Wurst, auch dieser Text ein Ende.

Leave a Comment