Street Art im Zeichen der Natur

In Kunst und Kultur by Petit piaf0 Comments

Eine Stadt ist ein öffentlicher Raum, dessen Gestaltung Straßenkünstler wie Jenfi von cssJPG nicht nur Werbeplakaten überlassen wollen. Die Street Artisten des südfranzösischen Künstlerkollektivs kleben zu Fresken vereinte Bilder von Wolken und Bäumen an schnöde Häuserwände.

Text © Stefanie Eisenreich. Fotos © cssJPG. Dieser Artikel erschien ebenfalls im Januar 2016 im Magazin ParisBerlin.

Großstädte wie Paris und Montpellier können manchmal beklemmend sein. Klar, beide Städte sind im Stadtzentrum traumhaft schön, in beiden gibt es aber vor allem am Stadtrand graue Viertel, die nicht einladend wirken. Eine Straße folgt einer anderen, links und rechts ragen graue Häuserwände in den Himmel, Bäume mussten für neue Parkplätze weichen und der nächste größere Park ist nur mit der Metro zu erreichen. Für Natur ist hier nur wenig Platz. Dies war der Ausgangspunkt für die Entstehung des südfranzösischen Künstlerkollektivs cssJPG vor drei Jahren. „Städte werden oft wie kleine Gefängnisse gebaut,“ sagt Straßenkünstler und Mitgründer des Kollektivs Jenfi, dessen bürgerlicher Name Jean-Philippe Guth-Schuhmacher deutsche Wurzeln verrät. Der Gedanke, der eines Abends darauf folgte war einfach: Wieso nicht mit Straßenkunst ein Stück Natur in die Stadt zurückholen?
Mit der Idee vereint cssJPG mittlerweile europaweit gut 300 Künstler, im Kern besteht das Kollektiv aber hauptsächlich aus acht konstanten Mitgliedern in und um die südfranzösische Stadt Montpellier herum, allen voran Jenfi. Der 29jährige studierte zunächst Journalismus, arbeitete danach in der Werbebranche und hätte in diesem Bereich Karriere machen können. Einer inneren Stimme folgend, suchte Jenfi aber nach Veränderung und sozialem Engagement. „Ich erkannte mich in den Interessen, die ich verteidigte, nicht wieder,“ sagt er rückblickend. .

„Straßenkunst ist für viele eine extreme Art der Kunst, die zu Radikalität führt. Was wir suchen ist ein Gleichgewicht, kein Extrem.“Jenfi

Mit Freunden begann Jean-Philippe schließlich seine ersten Fresken zu kleben und das Kollektiv innerhalb von drei Jahren zu einem partizipativen Gemeinschaftsprojekt zu machen. Jedes Mitglied bringt sich mit seinen unterschiedlichen Kompetenzen auf seine Weise ein. Während der Eine fotografiert, gestaltet der Andere das Design und kümmert sich wiederum ein Anderer um die Organisation. Css steht dabei für Cascading Style Sheets, was die Form des Mosaiks erklärt, bestehend aus kleinen stufenförmig aneinandergereihten Bildern. Jpg hingegen ist die Abkürzung für Joint Photographic Group, da die Fresken sich vor allem aus Fotografien zusammensetzen. Geklebt wird mit Naturleim, einer Mischung aus Natron und Kartoffelstärke. Ökologischen Prinzipien entsprechend, hält dieser vor 3000 Jahren in China entwickelte Leim nicht nur Pilze fern, sondern hält zudem die Wand instand.

Flüchtig, wie Street Art daneben im Allgemeinen ist, sind allerdings auch die Fresken von cssJPG dem natürlichen Kreislauf unterworfen und fordern Witterungsverhältnisse irgendwann ihren Tribut. Doch um Ewigkeit geht es dem Kollektiv nicht. „Straßenkunst ist für viele eine extreme Art der Kunst, die zu Radikalität führt,“ sinniert Jenfi. „Was wir suchen ist ein Gleichgewicht, kein Extrem.“ Gleiches gilt für die politischen Überzeugungen, die das Kollektiv vertritt. Mit ihren Werken versuchen die jungen Künstler, den Menschen die Augen für einen neuen Blickwinkel auf die Natur zu öffnen, Jenfi aber versteht sich nicht als militant. „In einem Workshop habe ich Kinder einmal gefragt, ob es für sie in der Stadt noch freie Natur gibt. Die meisten haben natürlich verneint, außer ein kleiner fünfjähriger Junge, der zu mir sagte: ‚Aber natürlich. Wenn ich auf meinem Balkon stehe und die Wolken betrachte, dann ist das doch die freie Natur, nicht?‘ Dieser Junge hatte für mich alles verstanden,“ erzählt der Street Artist und lacht. „Genau das möchten wir zeigen und die Öffentlichkeit damit einladen, ihre Umwelt zu beobachten und sich Fragen zu stellen.“

Nach Projekten in Paris, London und auf La Réunion, plant der aus Straßburg stammende Straßenkünstler für 2016 mit seinem Kollektiv auch einen deutsch-französischen Austausch. Da beide Elternteile aus Deutschland stammen, hat Jenfi eine besondere Beziehung zum Nachbarland. Bereits im vergangenen Jahr realisierte er Fresken in Hamburg und Frankfurt. Für das neue Jahr plant er einen längeren Aufenthalt in Karlsruhe. Auch hier möchte er mit anderen Künstlern zusammenarbeiten und Passanten dazu einladen, sich an den Fresken zu beteiligen.

Eine Stadt ist ein öffentlicher Raum, dessen Gestaltung Straßenkünstler wie Jenfi nicht nur Werbeplakaten überlassen wollen. Indem sie Passanten dazu einladen, gemeinsam mit ihnen die Häuserwände zu gestalten, teilen sie ihre Vision von einer Gesellschaft, die weniger auf wirtschaftlichen Interessen als auf kulturellem Austausch, Partizipation und Vielfalt basiert. Ein großes Problem heutzutage sei der Widerspruch zwischen Verhandlungen wie der COP21 und Abkommen wie TTIP, so der junge Straßenkünstler. „Was wir brauchen sind keine Freihandelsabkommen. Es sind nicht die wirtschaftlichen Grenzen, die wir öffnen sollten, sondern die kulturellen. Nur das schafft Vielfalt und verringert Ungleichheiten. Und dafür,“ so Jenfi, „schöpfen wir unsere Inspiration aus der Natur.“

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