Tanz

In Kunst und Kultur by Petit piaf0 Comments

Als neuer Direktor des Centre National Chorégraphique übernimmt Christian Rizzo ein sehr schönes Instrument. Zeitgenössischer Tanz wird in Montpellier nämlich schon seit Jahren nicht nur auf Zehenspitzen getrieben.

© Marie Urdiales

Es sei, so Christian Rizzo, Angst, die ihn vorwärts treibe. Angst, die ihn dazu bringe, sich immer wieder in Gefahr zu begeben, intellektuell und künstlerisch. Es sei ja so bequem, sich auf dem bereits Erreichten auszuruhen. Rizzo könnte immer wieder Rizzo machen, und genau das sei es, was er nicht wolle. Insofern war es sicherlich eine schlaue Entscheidung, den Posten als neuer Direktor des Choreographie-Zentrums (CNN) von Montpellier zu übernehmen, denn bislang war er als unabhängiger Künstler aktiv, und bekannt. Jetzt aber heißt es, von einem bestimmten Ort aus nach außen zu wirken. Doch Angst muss er dabei eigentlich keine haben, denn getanzt wird schon seit Jahrzehnten in Montpellier. Und das CNN ist wie ein wunderschönes und erfahrenes Instrument. Wer ein guter Musiker ist, kann eigentlich nicht falsch spielen.

Bewegung hat was evidentes, von unglücklichen Ausnahmen abgesehen ist sie eine Selbstverständlichkeit des menschlichen Körpers.

Das Festival Montpellier Danse findet dieses Jahr zum 35. Mal statt. Einst von dem französischen Choreographen Dominique Bagouet ins Leben gerufen profitierte das Festival seit seiner Geburt vom Ehrgeiz des damaligen Bürgermeisters der Stadt. Georges Frêche träumte davon, die bescheidene Provinzstadt Montpellier in den Rang der großen Metropolen des Landes zu hieven, Tanz war nur eines von vielen Mitteln, derer er sich bediente. Mit Erfolg. Denn im Laufe der Jahre wurde Montpellier Danse ein Ereignis internationaler Statur, das nahezu alle großen Namen des zeitgenössischen Tanzes empfing, und empfängt. Und was fast genauso bedeutend ist: Den Organisatoren des Festivals gelang es mit den Jahren, ein eigenes Publikum sowohl in der Stadt als auch in der Region für eine Kunstform zu begeistern, der man nur zu oft vorwirft, sie sei elitär. Hermetisch. Nur von denen wirklich verstanden, die zwischen Pas de deux und Pirouette unterscheiden können. Ist es nicht. Tanz ist vielleicht, ganz im Gegenteil, eine der am leichtesten „be-greifbaren“ Kunstformen. Bewegung hat was evidentes, von unglücklichen Ausnahmen abgesehen ist sie eine Selbstverständlichkeit des menschlichen Körpers. Choregraphen „denken“, sie denken sogar viel, sie beobachten, analysieren, reflektieren… und setzen die zum Teil sehr komplexen Gedanken und Analysen in Körperliches um.

Tanz, so Rizzo, sei „ein Körper in Bewegung in einem Raum, der er nicht ist“. So gelesen klingt es einfach, und doch… Wer etwa in seiner ersten Saison als neuer Direktor seine Choreographie „D’après une histoire vraie“ gesehen hat, weiß, es ist zugleich tatsächlich so einfach, und gleichzeitig viel dichter. In diesem Stück, zu Deutsch etwa „inspiriert von einer wahren Geschichte“, beschäftigt sich Christian Rizzo mit einem traditionnellen türkischen Männertanz und macht aus diesem Ausgangspunkt eine Geschichte von Zwischenmenschlichkeit, von Lust, von überlieferten und übernommenen Gesten aus der Entstehungsgeschichte der Menschheit und von Wechselbeziehungen zwischen Einzeln und Gruppe, zwischen Ablehnung und Vereinigung, Ruhe und Transe… und auch von der Energie des Lebens, und dem Unausweichbaren des Todes. Ähnlich spannend spricht auch der Franzose Rachid Ouramdane über seine Arbeit, die im Juli präsentiert wird, wenn er von seinen Beobachtungen zum menschlichen Umgang mit Zeit und Geschwindigkeit berichtet. Choreographen denken viel über ihre Umwelt nach und die Umsetzung ihrer Gedanken in Tanz, in Wortloses, kann zu einem ungemein sinnlichen Rezeptionsprozess führen.

Beispiele ließen sich so zahlreich wie Meisterstücke der Balettgeschichte aneinanderreihen, doch wie schafft man es, ein eigentlich völlig unbedarftes Publikum für Tanz zu begeistern? Mit einem zentralen Ort zunächst, in diesem Fall ein ehemaliges Kloster, das später zum Gefängnis umfunktioniert wurde. Hier zog das Team des Centre National de Chorégraphie unter Leitung von Mathilde Monnier 1997 ein. Mitten im alten Stadtkern bot der Ort zahlreiche Vorstellungen an, in den Säälen innen, aber auch der wunderschönen Luftbühne, draußen, im Herzen der Agora (so der Name des Ortes heute). Desweiteren zog man nach außen, in die Straßen, um die zu holen, die den Weg in die Agora nicht fanden oder gar nicht suchten. Nicht wenige Aufführungen werden gratis angeboten, in Montpellier, aber auch in den Gemeinden des Distriktes. In den Straßen, sogar. Tanzateliers gibt es, auch umsonst, Begegnungen mit den Choreographen, Ausstellungen zum Tanz, Vorlesungen, Vorträge… Nicht zu vergessen eines der sympathischsten Ereignisse der kulturellen Saison in Montpellier, wenn im Herbst und im Frühjahr jeweils an drei Abenden die Programme der Saison (Herbst) und des Festivals (Frühjahr) vorgestellt werden. Auch hier: Umsonst, die Agora lädt hinterher gar zum Apéro ein. Und mit ansteckender Begeisterung und wenig überflüssigen Worten stellt das immer unglaublich freundliche und dynamische Team des Zentrums die Ereignisse der Saison vor. Tanz, zugänglich, für alle. Einfach wie ein Schritt nach dem anderen. „Teilen, vermitteln, bereichern“, wolle er von Montpellier aus, sagte Christian Rizzo. Und auch, dass Bewegungslosigkeit Tod sei.
Montpellier Danse könnte demnach unsterblich werden…

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