Und im Herbst kommt der Frust

In Anekdoten, Bürokratisches by Petit piaf0 Comments

Es ist wieder soweit – es ist Herbst! Wie jedes Jahr, winkt die französische Bürokratie in dieser Zeit mit Steuern, Gebühren und Frust. Wer geglaubt hat, Frankreichs Bürokratie sei unkomplizierter, dem sei hiermit gesagt: Fehlanzeige!

© Stefanie Eisenreich. Fotos © Leonie Wirtz (Beitragsbild) und Julia Schulz (www.jugendfotos.de)

Als ich vor etwas mehr als zwei Jahren nach Frankreich ging, dachte ich, Frankreich sei unbürokratischer und der Franzose lockerer und wesentlich unverklemmter als der Deutsche. Es dauerte nur wenige Wochen bis mir bewusst wurde, dass die französische Bürokratie nicht etwa leichter zu durchschauen oder gar unkomplizierter ist. Ganz im Gegenteil. Sie ist der Grund, warum französischer Alltag aus harter Arbeit bestehen kann, vor allem dann wenn ein Dschungel aus Papieren, Behördengänge und regelmäßige unerwartete Zahlungen wie die Wohnsteuer frohlocken.

Gerade der Herbst ist eine schwere Zeit für den Franzosen und all jene, die den französischen Alltag teilen. Zunächst einmal muss man ohne Schaden den Stress der Rentrée überstehen. Denn nach dem lang verdienten und ausgiebig genossenen Sommerurlaub kommt hier im September alles Schlag auf Schlag. Neben den Einschreibungen für Freizeitaktivitäten, für die man das kommende Jahr natürlich im Voraus bezahlen muss, kommt direkt danach die Steuererklärung im Oktober und, das kennt man in Deutschland nicht, der Bescheid der Wohnsteuer. Es empfiehlt sich also im gesamten Jahr Geld beiseite zu legen, um im Herbst die anfallenden Kosten zu begleichen. Denn wenn man dazu noch selbständig arbeitet und im Nebenjob als remplaçante, also als Aushilfskraft, tätig ist, kann es durchaus passieren, dass Honorare und Löhne nicht rechtzeitig gezahlt werden. Zahlreiche junge Aushilfslehrer warten teilweise sechs Monate lang auf ihr Geld. Da droht schnell ein leerer Kühlschrank, doch die französische Bürokratie glaubt an ein Leben von Luft und Liebe. Hach, der Franzose ist und bleibt romantisch – da macht auch die Bürokratie keine Ausnahme. Wehe dem aber, die Wohnsteuer wird zu spät bezahlt, da warten zehn drohende Prozent Strafgebühren! Und wo sind meine zehn Prozent mehr Lohn, lieber französischer Staat? Ah, ich vergaß, Luft und Liebe – ja ja. Die Romantik hört dann doch dort auf, wo sie für den Staat zum Verlustgeschäft wird.

Es ist also jedes Jahr das gleiche Dilemma. Es ist Herbst und ich bin frustriert. Nicht etwa, weil ich den Herbst nicht mag – der ist hier im Süden sehr angenehm und ganz wunderbar anzusehen. Nein, ich bin frustriert, weil Behördengänge, Steuern und Zahlungen winken und kein Ende in Sicht ist, denn ich warte immernoch auf meinen Lohn. Während man in Deutschland die Steuererklärung mit einer gewissen Motivation ausfüllt, weil die Möglichkeit besteht, zu viel gezahlte Steuern bei niedrigem Gehalt zurück zu fordern, weiß man im Grunde in Frankreich bereits, dass nach dem langwierigen Ausfüllen zahlreicher Formulare nur zusätzliche Steuerzahlungen warten. Diese werden hier nicht automatisch vom Einkommen abgezogen. Hinzu kommt die bereits erwähnte Wohnsteuer, die man zusätzlich zur Miete einmal im Jahr für die Wohnung bezahlen muss, in der man im Januar desselben Jahres gelebt hat. Da nimmt das Amt keine Rücksicht auf fehlende Honorare. Und meist übersteigt die Steuer den Preis einer dreizehnten Monatsmiete. Und wo ist mein dreizehntes Monatsgehalt? Lieber Staat, die Sparpolitik kennen wir ja jetzt. Wollen Sie sich nicht mal etwas Anderes einfallen lassen?
Nun verstehe ich auch, warum Franzosen weltweit als râleurs bekannt sind, denn schimpfen, oh ja, das können sie gut! Doch da binauch ich nach zwei Jahren mittlerweile französisch genug. Immer öfter erwische ich mich nun dabei wie ich in den Chor der Schimpfenden einstimme. Luft und Liebe, ja ja. Romantik pur.

Wie dem aber auch sei: Hat man die harten Herbstmonate als Freier oder Aushilfskraft einmal überstanden und hat man vor allem erfolgreich mit Steuern und Co. und um seinen Lohn gekämpft, ist also nach der Rentrée alles an Ort und Stelle, dann hat man meistens für eine Weile Ruhe – bis zum nächsten Behördengang, denn französische Bürokratie ist vor allem eines: Chaos.

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