Und plötzlich ist alles anders

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Pierre-Frédéric Zieba lebt seit seiner Kindheit mit einer schweren Behinderung. Nach einem Unfall war in seinem Leben nichts mehr wie zuvor. Doch der junge Mann ist keiner, der aufgibt.

© Stefanie Eisenreich. Foto © Julia Solinski

Eigentlich war an diesem Abend alles wie immer. Doch plötzlich bekam Pierre-Frédéric Zieba Kopfschmerzen. Nichts Ungewöhnliches für ein Kind, doch der Junge war zuvor selten krank. Kopfschmerzen kannte er nicht. Seine Großmutter beruhigte ihn und schickte ihn zurück ins Bett. Kurz darauf lag das Kind im Koma. Gut zwei Monate dauerte es bis der Junge wieder aufwachte, nachdem das, was er heute einen Unfall nennt, sein Leben von einem auf den anderen Moment aus der Bahn geworfen hatte. Alle bis dahin gelernten Fähigkeiten hatte er verloren. Er konnte nicht mehr laufen, sprechen war ihm unmöglich und selbst das Essen fiel ihm schwer.

„Wenn es etwas gibt, das meinen Bruder am besten beschreibt, dann dass er niemals den Kopf hängen lässt.“Vincent Zieba

Als in seinem Kopf ein Aneurysma platzte, war Pierre-Frédéric Zieba gerade einmal neun Jahre alt. Das erweiterte Blutgefäß war bis dahin unentdeckt geblieben. Nun schiebt der mittlerweile 31jährige stolz seinen Rollstuhl vor sich her. Er muss sich abstützen, die Anstrengung kostet ihn viel Kraft. Schweißtropfen bilden sich nach ein paar Metern auf seiner Stirn. Aber er kann selbständig gehen. Und das ist ihm wichtig. Auch wenn er seit dem Vorfall sein Gleichgewicht nicht mehr halten kann und ein Fuß sich immer wieder dem anderen in den Weg stellt. „Dass ich irgendwie noch selbst laufen kann, gibt den anderen weniger Grund, sich über mich lustig zu machen!“ Er spricht sehr langsam und hat Mühe, manche Worte zu artikulieren. Man merkt ihm an, dass der Blick der Anderen lange Zeit für ihn schwer zu ertragen war. Doch Pierre-Frédéric Zieba ist eine Kämpfernatur. „Er hat einen unglaublich großen Willen,“ sagt seine Mutter Marie nicht ohne Stolz. „Er verlangt sehr viel von sich selbst und akzeptiert keine Grenzen. Wenn er zum Beispiel müde ist, ist ihm das egal. Er zwingt sich, trotzdem weiter zu machen.“ Zwei Jahre dauerte die Rehabilitation. Ärzte und Therapeuten halfen ihm, seine Fähigkeiten wieder zu erlangen. Es war ein Ereignis, das auch die Familie veränderte. Die Eltern wachten Tag und Nacht am Bett des Sohnes, hörten auf zu arbeiten. Der eigentlich jüngere Bruder übernahm plötzlich die Rolle des Großen. „Es war sehr hart,“ sagt der 27jährige Vincent heute, der mit seinem Bruder in einem Zimmer schlief als es passierte. Wie Pierre-Frédéric mit seiner Behinderung umgeht, darüber staunt Vincent aber auch heute noch. „Wenn es etwas gibt, das meinen Bruder am besten beschreibt, dann dass er niemals den Kopf hängen lässt.“

Trotz der Spätfolgen konnte der gebürtige Pariser schließlich wieder in die Schule gehen. Er schaffte sein Abitur und begann eine Ausbildung im Marketing, nachdem es die Familie nach Südfrankreich verschlagen hatte. In Marseille kämpft er heute für eine bessere Integration von Menschen mit Behinderung. Hier engagiert er sich in seinem 2015 gegründeten Verein „Harcelons-les!“ (Belästigen wir sie!) für mehr Barrierefreiheit in seiner Stadt. „Will man hier beispielsweise den Bus nehmen,“ so berichtet er, „ist das beinah unmöglich.“ Die Rampen, die offiziell zur Ausstattung eines jeden Busses gehören, reichen oft nicht an den Bordstein heran. Manchmal wisse der Busfahrer noch nicht einmal, wo sich die Rampe befinde, ärgert sich Zieba. Wie Hohn mutet es da an, dass die öffentlichen Verkehrsmittel in Frankreich allen Menschen mit Behinderung kostenfrei zur Verfügung stehen. Gern möchte Zieba in Zukunft Konferenzen zum Thema organisieren, um zu zeigen, dass sich die Situation für behinderte Menschen verändern muss. Sein Engagement ist für ihn der Versuch, ein normales Leben zu führen und es so zu nehmen wie es kommt. Denn, so sagt er: „Man weiß ja nie, was passiert.“
Ein weiterführenden Artikel zum Thema Barrierefreiheit in Marseille und Fréderic Ziebas Engagement finden Sie hier.

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