Wahl-Krampf in Frankreich

In Anekdoten, Gesellschaft by Petit piaf0 Comments

Januar : Sentimental

Wahlen sind eine hervorragende Gelegenheit, mehr über ein Volk zu erfahren. Politik sagt soviel darüber aus, wie wir uns wahrnehmen, welches Verhältnis wir zu unseren Mächtigen aber auch zu uns selbst haben. Nutzen wir also dieses Wahljahr für ein wenig französische Volkspsychologie, zum besseren Völkerverständnis.

© Von Marie Urdiales. Titelbild © Barbara Zech. www.jugendfotos.de

Vor ein paar Monaten musste ich mal wieder in den Kampf ziehen. Feind diesmal : ein Verlag. Der, der meinen ersten Jugendroman in Frankreich veröffentlicht hat. Laut Vertrag standen mir im April 2016 satte 800 € Vorschuss auf meine Autorenrechte zu. Es soll hier nicht um die gerechte oder ungerechte Bezahlung von Autoren gehen. Die Frage ist nicht, ob 800 € korrekt sind oder nicht. Interessant ist vor allem, dass ich das Geld im Juli immer noch nicht hatte. Ich schrieb also meiner Verlegerin mit dem dezenten und höflichen Hinweis, ICH hätte ja meinen Part des Vertrages erfüllt, nun sei sie dran. Denn so französisch ich auch bin, bei Verträgen bin ich da sehr angelsächsisch. Arbeit, auch künstlerische, ist Arbeit, und wenn eine Entgeltung geplant war, dann möchte ich diese bitteschön auch bekommen. Sonst soll man mir gleich sagen, dass ich sozusagen ehrenamtlich schreiben soll. So war es aber nicht geplant, also fand ich meine Erinnerung an versprochener Zahlung, knapp drei Monate nach geplantem Datum (sieben nach Erscheinen meines Buches) eigentlich OK.

Sie sei selbst ja ganz traurig, antwortete mir meine Verlegerin, aber ich wüsste sicherlich, wie schwer es doch heutzutage für kleine unabhängige Verlage sei, sich auf dem Markt zu behaupten. Äh… Ob ich ihr berichten solle, wie schwer es für kleine unabhängige Autoren sei ? wagte ich zurück zu fragen. Sie wisse es durchaus, kam es Schlag auf Schlag zurück, und natürlich sei es für Autoren sicherlich besser, mit grossen Verlagshäusern einen Vertrag zu unterschreiben. Nun neige ich ja nicht sonderlich zur Paranoia, aber in diesem Satz hörte ich durchaus, was zwischen den Zeilen mitschwang : seien Sie doch froh, Sie dumme, unbekannte Schreibgans, dass überhaupt jemand das Risiko mit Ihnen aufnimmt. Das Eine habe doch nichts mit dem Anderen zu tun, konterte ich gewitzt. Vertrag sei Vertrag, egal um welches Haus es ginge. Und ich sei ja doch sehr enttäuscht, wieder einmal jammern zu müssen, um bezahlt zu werden. So sei es nunmal, kam es aus Paris zurück, sie könne nichts daran ändern, ich müsse Geduld haben, irgendwann werde sie schon zahlen. Sie seien doch schliesslich keine Betrüger, empörte man sich aus der Hauptstadt.

Nun will es der Zufall, dass mein Roman just zu der Zeit für einen Literatur-Preis vorgeschlagen wurde. Da mir sonst nichts Besseres einfiel, und ich meinen Geduldsvorrat vollends ausgeschöpft hatte, tat ich das, was man in Frankreich halt so macht : ich startete eine Erpressungskampagne. Nichts konkretes. Nur die dezente Andeutung, ich könnte versucht sein, entweder meine Beteiligung am Preis abzusagen, oder Vorträge über Autorenrechte halten. Dies zeigte Wirkung. Sie sei so enttäuscht ! schrieb meine Verlegerin. Dabei sei sie sicher, dass sie und ich soviel gemeinsam hätten, da könnte man sich doch nicht streiten ! So ein Jammer ! Dabei habe ihr Bruder sogar ein Hause in Antibes, wo sie so gerne Zeit verbrächte !

Nun muss man wissen, dass ich in Antibes geboren bin. Allerdings wegzog, als ich noch in Windeln lag. Doch selbst WENN ich dort noch leben würde : was bitteschön hat das Haus des Bruders der Verlegerin damit zu tun, dass sie mir Geld schulden ?!! Ganz einfach : sentimentale Erpressung gehört in Frankreich zur üblichen Tour, sei es im Arbeits- oder im öffentlichen Leben. Wie sonst (und hier kommt endlich die ersehnte Spannung des Bogens) wie sonst ist zu erklären, dass der Kandidat François Fillon, angeklagt, seiner Ehefrau jahrelang unrechtmässig ein Gehalt aus der Staatskasse bezahlt zu haben, mit vor Empörung zitternder Stimme ausrief :
– J’aime Pénélope !

Als ob diese Liebe zu seiner Frau mit einem Schlag alle Zweifel und jeglichen Verdacht auf Hinterziehung von öffentlichen Geldern aus der Welt wischen müsste ! Er würde sich vor seiner Frau stellen und sie gegen jeden Angriff verteidigen, rief er weiterhin aus, ganz der Ritter in leuchtender Montur. Feind war natürlich dieses Journalistenpack. Wie sie überhaupt an seiner Ehrlichkeit zweifeln könnten ! Als ob Zweifeln nicht zur Grundausrüstung eines jeden guten Journalisten gehöre.

Aber so ist es nunmal in Frankreich : fühlen sich Menschen ertappt, ist der Aufruf an die Gefühlswelt hier oft die erste (und oft auch die letzte) Verteidungsstrategie…

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