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In Anekdoten by Petit piaf0 Comments

Wer zur Zeit nach Deutschland reist, dem fällt an manchen Bahnhöfen etwas auf, das man in Frankreich nicht sieht: zweisprachige Schilder. Ein weiterer Beweis dafür, dass man auf beiden Seiten des Rheins völlig anders auf das gleiche Ereignis reagiert.

© Marie Urdiales

Köln, Ende Februar. Nach elf Stunden Fahrt endlich aus dem Zug steigend, bewegt sich der Reisende schlappen Schrittes Richtung Ausgang. Am Ende des Bahnsteiges, ein Staunen: Auf Augenhöhe, sprich nicht zu übersehen, ein großes Schild: Refugees left hand, steht da, sowie ein ganzer Textkörper, der Flüchtlinge zum Aufnahmecenter des Bahnhofes orientiert. Linke Hand der gleiche Text, diesmal auf Arabisch. Die Kalligraphie mutet exotisch an, fast könnte man vergessen, was es für Menschen bedeutet, die hier ankommen und sehen: „Hier spricht man meine Sprache.“ Kurz befällt einem ein Hauch schlechten Gewissens. Denn während man warm und wohlbehütet bis hierher kam, und dennoch meint, wegen der langen Fahrt jammern zu müssen, hat man sie plötzlich vor Augen, die Bilder der vor Zäunen gepressten Flüchtlinge. Welchen Albtraum haben sie wohl hinter sich, wenn sie endlich am Kölner Bahnhof stehen?

Tags darauf, ein Spaziergang durch das Zentrum. Einmal um die Ecke, hier, die vertraute Kirche (man ist schließlich nicht zum ersten Mal in Köln) nur dass heute die ansonsten graubraune Steinmauer bunt erstrahlt. Kinder erzählen hier von ihren Träumen. Sie haben sie gemalt, riesengroß hat die Kirche sie in Plakate verwandelt und an die Außenwände gehängt. Es sind Träume von Flüchtlingskindern. Wie die Träume Millionen anderer Kinder auch, sind sie bunt und voller Farben. Und doch haben diese Kinder mehr gesehen, als die allermeisten Erwachsenen hier. Im Supermarkt unweit von der Kirche stutzt der Besucher: In den Regalen stapeln sich Unmengen verschiedener Toilettenpapiermarken. Nach 20 hört der Besucher auf, zu zählen, wieviele es gibt. Ob die Kinder sich freuen, dass sie fortan in einem Land leben, wo man sich den Po putzen kann mit Papier, das mit Aloe Vera angereichtert wurde oder nach Pinienwäldern duftet? Auf den Zeichnungen jedenfalls war davon keine Rede.

Fernsehabend, immer noch in Köln. Ein Werbespot lädt zur wohlwollenden Aufnahme der Flüchtlinge ein. „Wir(tschaft) Zusammen !“ versprechen die Integrations-Initiativen der Deutschen Wirtschaft. Auch hier ist von Träumen die Rede. Von Träumen und von Perspektiven. Das gleiche Bild, zwei Gesichter, zu einem vereint (ein „Deutscher“ und ein „Anderer“) kann man auch in der Presse entdecken. Auf Plakaten. Träume haben in Deutschland Perspektive, sagen diese Bilder aus. Zurück zum Kölner Bahnhof keinen Traum, aber Perspektive, diesmal auf eine Belohnung für jeden dienlichen Hinweis, die zur Aufklärung der Sexualverbrechen in der Sylvesternacht beitragen können. Auch hier: deutsche Nüchternheit und Sachlickeit rechts, in arabischer Schrift umgesetzt links.

– Hier brennen aber auch Flüchtlingsheime, und Pegida ist jeden Montag auf der Straße, sagen deutsche Freunde, betrübt, betroffen, aufrichtig traurig. Alles andere, die Aufnahme auf Arabisch, die Kinderzeichnungen, die Initiativen der Wirtschaft, das ist für sie alles normal, so normal wie die 20 verschiedenen Klopapiermarken. Aber der extreme Rechtsdruck, der kurze Zeit später in drei Ländern noch deutlicher zum Audruck kommen wird, das ist ihnen nicht geheuer. Das wollen sie nicht.
Auf dem Rückweg, drei französische Bahnhöfe durchquert, mit neuem Blick, wie so oft auch nach einer Reise, die doch schon so oft gemacht wurde! Paris Gare de l’Est, Paris Gare de Lyon, Montpellier St Roch… Einziges Zeichen dafür, dass sich in der Welt Grundlegendes geändert hat und immer noch im Wandeln ist: Da, ein Sicherheitsportal. Stumm geht der Besucher hindurch. Bienvenue.

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