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Willkür

In Bürokratisches by Petit piaf0 Comments

Deutsche und Franzosen teilen viel. Zum Beispiel das ein oder andere Vorurteil. Deutschland gilt beispielsweise als sehr bürokratisch. Doch schlimmer geht immer – vor allem in Frankreich.

© Marie Urdiales. Titelbild Yann Riché Flickr.

Das Preussische Element regiert nach wie vor Frankreichs Vorstellung von Deutschland. In unserer kollektiven Stereotypensammlung z.B. dürfte „Deutschland ist ein bürokratisches Land“ ziemlich weit oben stehen. Doch der administrative Wasserkopf wütet eher hier. Während man in Deutschland viele Behördengänge vereinfacht oder überflüssig gemacht hat, scheint Frankreich nach wie vor Opfer diverser Schwarzer Löcher zu sein, die auch die einfachsten Verwaltungswege zu einem Hürdenlauf olympischen Niveaus werden lassen. Ganz zu schweigen von einer Konspiration der Informatik, die regelmässig auch die harmlosesten Smartphones befällt. Frankreich KANN gar nicht voran kommen, denn zum einen verlieren sich regelmässig Unterlagen in den Schwarzen Löcher der Institutionen (das berühmteste und gefährlichste schwarze Loch dürfte bei weitem das hinterträchtige Schwarze Loch der Post sein!) Und WENN es denn schon mal Unterlagen gibt, dann scheinen sich Computer in Frankreich gezielt darauf einzustellen, dass man diese NICHT bearbeiten kann. Zumindest nicht in einer Geschwindigkeit, die die Existenz von modernen Technologien bestätigen würden.

So, als würde in Frankreich der Mensch alles tun, damit alles in seiner Macht bleibt, und nicht von Maschinen und dunklen Mächten verwaltet wird. Wobei der Mensch selbst oftmals die dunkelste aller Mächte ist! Entsprechend herrschen hier Willkür und Zufallsprinzip über unser Schicksal. Und zuweilen auch das Prinzip des Absurden. Man kann es nicht oft genug betonen: Alltag in Frankreich ist harte Arbeit. Hier ein paar Kampfberichte.

Wie alle Franzosen besitze ich eine carte vitale, eine Karte, auf der mein Status als Sozialversicherte eingetragen ist. Nun musste ich diese Karte neulich erneuern. Der Einfachheit halber beschloss ich, das Angebot der Versicherung zu nutzen und statt in die Innenstadt zu fahren oder alles per Post zu erledigen, direkt zur wöchentlichen Bereitschaft in das Rathaus meines Viertels zu gehen. Der nette Herr dort nimmt meine Unterlagen entgegen, prüft mit mir, dass nichts fehlt, und nimmt auch meine Karte, aus welchen Gründen auch immer. Und dann höre ich erst mal wochenlang nichts.
Ich höre so dermaßen wochenlang nichts, dass ich irgendwann wieder zur Bereitschaft gehe. Dort muss ich dieses Mal länger bleiben als beim letzten Mal, denn der nette Herr findet meine Unterlagen nicht mehr. Sie sind nicht in seinem Koffer, und auch in seinem PC kann er mich nicht finden. Damned! Wieder einmal bin ich Opfer des Grossen Französischen Schwarzen Verwaltungslochs geworden.
– Vous êtes sûre que c’était avec moi? Sind Sie sicher, dass Sie bei mir waren ?
Da er der einzige ist, der diese Bereitschaft verwaltet, bin ich verdammt sicher.

Meine Unterlagen für die Erneuerung meiner Krankenversicherung sind also verschwunden. Und, wenn schon, mit ihnen auch meine Karte. Den Menschen scheint es erstaunlich wenig zu stören.
– Dann melden wir die Karte einfach als verloren!, beschließt er. Und lässt mich einen Brief unterschreiben, laut dem ich sur mon honneur, bei meiner Ehre schwöre, dass ich meine carte vitale verloren habe.
– Aber ICH habe sie doch gar nicht verloren, lächle ich ihn an.
Ist doch wahr: immerhin ist hier meine Ehre im Spiel.
– Ach! Ist doch egal! Prüft doch ohnehin keiner.
Na denn…
Überhaupt verschwinden Akten hier… Ganze Kapitel könnte man dem Thema widmen! Meine Freundin Inga, eine deutsche Ärztin, die hier ihr Internat gemacht hat, war immer bestürzt zum einen über die Vielzahl der täglich verschwindenden Unterlagen („wir müssen täglich unzählige Untersuchungen neu machen, weil die Krankenakten einfach verschwinden!“, erzählte sie live aus dem großen Uniklinikum) zum anderen staunte sie nicht schlecht über die Selbstverständlichkeit, mit der solche Sachen hier hingenommen werden.
– Es scheint niemand auf die Idee zu kommen, man könne das ändern, erzählte sie mir eines Abends. Wenn wieder mal ‚ne Akte verschwindet, dann zucken alle mit den Schultern und schieben den Patienten halt wieder unter’m Scanner. Sie scheinen es alle völlig normal zu finden.

Und das stimmt: Franzosen finden das normal, weil sie es nicht anders kennen. Sie sind sogar immer ganz überrascht wenn sie erfahren, dass es in anderen Ländern durchaus klappt, mit der Verwaltung. Und manchmal versuchen sie es gar mit Organisation. Ein Freund von mir hat mir erzählt, wie man in seinem Distrikt einen Rundbrief an alle Einwohner geschickt hat, in dem man sie bat, ein Formular auszufüllen. Ziel sei, so hieß es, anhand des Formulars eine Datei zu erstellen, die es dem Distrikt ermöglichen würde, die Bewohner sofort zu identifizieren. Soweit ich es verstanden habe, sollte es ähnlich wie beim Pizzadienst laufen (ich meine natürlich den deutschen Pizzadienst, in Frankreich ist so was nicht vorstellbar): man bestellt ein erstes Mal, gibt Name und Adresse an, bekommt eine Nummer, und bei der nächsten Bestellung gibt man nur die Kundennummer an und der Pizzamensch hat alle Angaben sofort abrufbereit. Das Gleiche wollte der Distrikt also für seine Bewohner haben, um die Abholung von Gartenabfall zu erleichtern. Besagter Freund fand die Initiative unbedingt positiv. Er ist Informatiker und legt großen Wert auf Organisation.

Zunächt musste er allerdings beim Distrikt anrufen, denn im Umschlag steckte nur der Brief, aber nicht das angekündigte Formular. Außerdem waren zwei verschiedene Adressen angegeben, an die man das Ganze zurückschicken sollte. Nach einiger Zeit bekam er schliesslich ein Dankesschreiben und eine Kundennummer. Er rief also eines Tages an, um seinen Gartenmüll entsorgen zu lassen, und siehe da: die erhaltene Nummer nutzte gar nichts.
Er musste alle Angaben nochmals durchgeben, um einen Termin zu bekommen.

Das i-Tüpfelchen der Geschichte ist, dass sein Gartenabfall nicht abgeholt wurde. Man habe ihn vergessen, erklärte man ihm. Aber es sei ja nicht schlimm, man käme eben die Woche drauf. Was hieß, Gartenabfall erst mal wieder rein in den Garten, denn auf den Bürgersteig, wo er hätte abgeholt werden sollte, konnte er nicht bleiben. Die Woche drauf war’s dann Gartenabfall wieder raus. Nicht schlimm, nicht wirklich schlimm, nur: warum wurde es überhaupt anders versucht? Und vor allem: warum klappte es nicht?

Vielleicht weil dieses Chaos auch eine positive Seite hat, an der wir Franzosen irgendwie hängen. Man findet hier nämlich auch eine spontane Menschlichkeit, eine Improvisationsgabe, die einem genau so oft aus der Patsche hilft, wie sie einen reinbefördert. Auch hier ist es etwas willkürlich, und entweder der Mensch Ihnen gegenüber möchte gerne helfen, oder er will es eben nicht. Doch wenn er es will, kann Ihnen viel passieren.

Meine kleine Schwester stieg mal mit einer Gruppe Jugendlicher in den falschen Zug. Was nicht ihre Schuld war: aufgrund von Verspätungen war die Zugnummer falsch angezeigt. Als sie merkte, dass der Zug nicht dort halten würde, wo sie hinwollte, rannte sie zum Kontrolleur… der auch prompt im Zug per Lautsprecher einen „außerplanmäßigen Halt“ ankündigte und die ganze Gruppe am richtigen Bahnhof aussteigen ließ. Etwas ähnliches passierte mir auch mal mit einer deutsch-französischen Gruppe in Bordeaux. Dort hielt die Busfahrerin mitten auf dem Kreisverkehr an, damit unsere Gruppe noch die letzte Trambahn kriegen konnte. Auch solche Geschichten gibt es zu erzählen. Und das Schönste an ihnen – finde ich – ist, dass sich keiner aufregt. Ich meine, kein Mensch regte sich auf, als der Zug unplanmäßig hielt, oder der Bus mitten auf dem Kreisverkehr. Solche kleinen zwischenmenschlichen Gesten sind für uns (meistens) selbstverständlich. Nur zu gut ist uns bewusst, dass auch wir sie mal brauchen können, diese Gesten, um aus dem Schlamassel zu kommen…

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