Wo sind nur all die Tramper hin?

In Anekdoten, Gesellschaft, Reisen by Petit piaf0 Comments

Aus der Mode geraten soll es sein. Nicht mehr « in » und schon gar nicht salonfähig. Ganz klar: Die Zeiten haben sich geändert. Reisen per Anhalter wird kaum noch praktiziert und wenn doch: Wer nimmt sie noch mit, die guten alten Tramper? Eine Ode auf das Reisen mit dem Daumen.

© Stefanie Eisenreich. Fotos © Tobias Mittmann. Sarah Baur. www.jugendfotos.de

Nostalgisch war er, der ältere Herr, der mich in seinem schicken BMW mitnahm, als ich in Montpellier den Daumen auf die Straße hielt, um eine Freundin in Marseille zu besuchen. Lächelnd erzählte er mir auf meine Frage hin, ob er denn selbst schon getrampt sei, dass es früher sogar Versicherungen für Tramper gegeben habe und die jungen Leute an den guten Stellen Schlange standen. Heute, so sagt er resigniert, hält doch kaum noch einer den Daumen raus.
Früher – das muss in den Siebzigern gewesen sein. Da hallte noch die große 68er Bewegung nach. Die Zeit der langhaarigen Hippies, die die freie Liebe ausriefen und die große Freiheit fern ab gesellschaftlicher Konventionen suchten. Die Zeit, in der Trampen noch « in » war und die Leute, die Tramper mitnahmen, sich auf langen Strecken über Unterhaltung freuten. Eine Zeit der Solidarität, wie man oft hört, wenn Eltern und Großeltern ins nostalgische Schwelgen in jenen vergangenen Jahren geraten. Doch was ist heute davon übriggeblieben?
Ich selbst trampe nun schon seit einigen Jahren. Klar, hin und wieder nehme ich der Bequemlichkeit halber auch mal Bahn oder Mitfahrgelegenheit und Co. Aber in der Regel trampe ich gern und das nicht nur, weil es das ohnehin schon schmale Portemonnaie schont. Angefangen hat für mich diese neue Art der Fortbewegung als ich einige Monate auf La Réunion, einer französischen Insel im indischen Ozean, weilte. Bahnen oder Mitfahrgelegenheiten kennt man dort nicht. Und die Busse fahren nur bis 20Uhr und nicht besonders regelmäßig, wie man das für gewöhnlich auf dem europäischen Festland kennt. Da gehörte das Trampen für uns schnell zur einfachsten Methode, um von A nach B zu gelangen. Und das schönste daran war: Wir lernten tolle Menschen kennen, die nicht selten ihre Geschichten mit uns teilten, uns zum Kaffee einluden oder sogar Umwege für uns in Kauf nahmen. Eine vollkommen neue Erfahrung! Und der Beweis dafür, dass Solidarität noch lange nicht ausgestorben ist. Sie hat sich nur ein bischen versteckt – hinter einer weitverbreiteten Angst, die nicht zuletzt durch unsere Nachrichtenkultur geschürt wird. Einzelbeispiele werden hier als Skandalträger herausgepickt und so verallgemeinert, dass man meinen möchte, hinter jedem Baum, oder in dem Fall hinter jedem Steuer, lauere ein Psychopath.

Trampen bedeutet ein bisschen Abenteuer. Freiheit will ich nicht sagen, obwohl es mir irgendwie auf der Zunge liegt. Jedoch kann diese Art der Freiheit einen leicht faden Beigeschmack bekommen.

Natürlich soll das hier keine Ode auf die Blauäugigkeit werden. Und natürlich sollte man es als alleinreisende Frau unter Umständen vermeiden, in ein Auto zu steigen, das bereits mit drei Männern besetzt ist, die angeregt mit der Zunge schnalzen. Ein Restrisiko gibt es immer und es mag sein, dass keinem dessen Gesinnung auf die Stirn gemeißelt steht. Aber, und das ist der springende Punkt: Ein Restrisiko gibt es auch, wenn ich mich selbst hinters Steuer setze, im Haushalt auf eine Leiter steige, ohne Helm Fahrrad fahre, durch den Wald jogge, mit dem Flugzeug in ein anderes Land reise und so weiter und so fort. Wir sind quasi von Restrisiken umgeben, die auszumerzen es unmöglich machen würden, am sozialen Leben teilzunehmen.
Aber, keine Frage, Pech und Glück fahren beim Trampen immer mit. Wenn man Pech hat und an einer schlechten Stelle steht, kann es schonmal vorkommen, dass man einen langen Marsch oder enorme Wartezeiten in Kauf nehmen muss. Da wird das Reisen per Anhalter schnell zum Spießrutenlauf. Als Pärchen oder vertrauenserweckende Frau hat man es da immer leichter als ein alleinreisender Mann. Klar. Andererseits, und das sind die guten Geschichten, die es im Nachhinein zu erzählen gilt, bedeutet Trampen auch ein bisschen Abenteuer. Freiheit will ich nicht sagen, obwohl es mir irgendwie auf der Zunge liegt. Jedoch kann diese Art der Freiheit einen leicht faden Beigeschmack bekommen: Nämlich immer dann, wenn nach sechs Stunden Wartezeit, ausgiebigen Sozialstudien unserer Mitmenschen und zahlreichen Abfuhren partout kein Auto anhalten will. Das sind dann die seltenen Momente, in denen man sich schmollend auf die Straße legen möchte, um irgendwen zum Anhalten zu bewegen. Ja, Freiheit stelle auch ich mir in solchen Momenten anders vor, aber so ist es nunmal, das Abenteuer. Man muss es mögen oder eben nicht.

Entlohnt wird man am Ende mit vielen interessanten, bisweilen lustigen und manchmal sogar abenteuerlichen Begegnungen. Wenn beispielsweise die Polizisten an der Grenze dabei helfen, Autos anzuhalten und die Wartezeit mit Witzen versüßen. (Ja, auch Polizisten können lustig sein. Und ja, auch die in Frankreich, denn es handelte sich um die deutsch-französische Grenze nach Freiburg.) Oder wenn ein Hippiebus im Zebralook am Seitenstreifen eine kleine Vollbremsung hinlegt, nur um zwei hilflose Tramper aufzusammeln, die sonst in der bretonischen Pampa verloren gewesen wären. Oder wenn bisweilen auch Manager im Firmenwagen anhalten und von ihrem früheren Punkerleben erzählen. Alles schon erlebt.
Das gute alte Trampen mag dabei für Manche verpönt sein, weil man fremde Menschen darum bittet, bei ihnen mitfahren zu dürfen. So kommt es auch schonmal vor, sich den Vorwurf des Schnorrens gefallen lassen zu müssen. Mal abgesehen aber davon, dass den Autofahrern weder Mehr- noch Kostenaufwand entsteht, ist die Idee des Trampens eine völlig andere: Im Grunde geht es doch um einen Austausch, der auch dem Fahrer einen Nutzen bringt, nämlich den der Unterhaltung. Nicht jeder hat Lust auf Unterhaltung, ganz klar. Aber jedem steht es frei, einen Tramper mitzunehmen oder nicht. Interessant ist da so manche Ausrede derer, die sich anscheinend nicht trauen, ehrlich aber freundlich zu sagen, dass sie keine Lust auf Begleitung haben. So kommt es vor, dass man als Tramper zwar deutlich erkennen kann, dass die Rücksitze frei sind, der Fahrer aber im vollen Ernst erklärt, dass das Auto voll sei. Plötzlich müssen auch unglaublich viele an der nächsten Ausfahrt schon abfahren. Wie viele Menschen dann auf einmal in Buxtehude wohnen, ist da immer wieder erstaunlich. Manche Menschen scheinen außerdem zu glauben, Tramper würden beißen oder seien assozial. Ein Blickkontakt oder eine Reaktion auf ein einfaches Hallo wird da unmöglich. Auch solche Erfahrungen gehören leider dazu und sind nicht immer angenehm, aber lehrreich.

Der Weg ist das Ziel.Konfuzius

Wer per Anhalter unterwegs ist, benötigt zudem Zeit, ganz klar. Wer die nicht hat, trampt nicht. So einfach ist das. Denn bei dieser Art Reisen geht es nicht um das schnelle Ankommen bei B, sondern vielmehr um all das, was sich zwischen A und B abspielt. Der Weg ist das Ziel, wusste schon Konfuzius. Getreu diesem Motto ist Trampen nicht nur sozial und ökonomisch, sondern auch ganz und gar ökologisch – wer hätte das gedacht? Als Tramper hilft man sozusagen, das Klima zu schonen, ganz so wie Fahrradfahrer. Nachhaltige Mobilität nennt man das. Fakt ist jedenfalls, dass das Reisen per Anhalter zwar seltener geworden ist und mit einigen Schwierigkeiten verbunden sein kann, es aber immer wieder eine Erfahrung wert ist.
Und was lernen wir daraus? Nun, wir können getrost sagen: Ja, es gibt sie noch, die guten alten Tramper. Ausgestorben sind sie noch lange nicht. Das beweisen die zahlreichen Internetforen- und plattformen, die es Neu-Trampern leicht machen sollen, den Einstieg in die Szene zu schaffen. Wer auf diese Art von Abenteuer aber lieber verzichten will und die bequeme Methode des Reisens bevorzugt, der möge Bahn und Mitfahrgelegenheit nehmen. Mit ein bischen Glück erlebt man auch hier manchmal Erstaunliches.

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