Zeitzeugen – Auf der Suche nach Erinnerungen

In Kunst und Kultur by Petit piaf0 Comments

Im August 2014 fand im südfranzösischen Sète eine Ausstellung statt, die deutsche und französische Geschichte vereint. Drei junge Franzosen haben sich auf die Suche nach Erinnerungen begeben.

© Stefanie Eisenreich. Photos © Pauline Orain. Grafiken © Spike. Erschienen im Februar 2015 bei FplusD.

Es ist Ende August vergangenen Jahres als im südfranzösischen Sète eine Ausstellung ihren Weg in die Öffentlichkeit findet, die den Menschen eine Stimme verleiht, die die Besetzung und Befreiung Südfrankreichs während des Zweiten Weltkrieges miterlebten. Sie sind die letzten Zeitzeugen eines Krieges, dessen Ende nun 70 Jahre zurückliegt. Drei jungen Franzosen ist es mit viel Sensibilität gelungen, diese Erinnerungen aus der südfranzösischen Hafenstadt Sète in einer Ausstellung sowie einem Dokumentarkurzfilm zu vereinen.
Elf Begegnungen, elf Zeugnisse: Es sind Erinnerungen von Menschen, von denen die Meisten ihren letzten Lebensabschnitt im Seniorenheim verbringen. Jérôme Daeron, Simon Morin und Pauline Orain sind Initiatoren des Projektes „Paroles libérées sur Sète“. Sie haben in Zusammenarbeit mit dem Kulturverein PACIM in aufwendiger Recherchearbeit und Interviews Anekdoten aus dem Alltag während der deutschen Besatzung Südfrankreichs, über die Freude der Befreiung und die Herausforderungen während des Krieges gesammelt. „Wir sind von der Feststellung ausgegangen, dass viele Menschen, wenn sie erst einmal im Seniorenheim wohnen und dort sogar manchmal von ihren Familien zurückgelassen werden, nicht mehr über Erlebtes sprechen und so auch nicht mehr ihr Gedächtnis stimulieren,“ sagt Simon Morin, Journalist. „Diese Menschen, die alle zwischen 90 und 100 Jahre alt sind, haben alle etwas zu erzählen. Sie haben eine Zeit erlebt, die ihr Leben stark beeinflusst hat. Sète war besetzt, wurde evakuiert, bombardiert und rekonstruiert.“

Es sind Geschichten, wie sie heute keiner mehr kennt.

Von jungen französischen Frauen, die für Filme der Nazipropaganda angeheuert wurden, flirtenden deutschen Soldaten, die selbst mit den Widrigkeiten des Krieges haderten oder von einem Misstrauen allem und jedem gegenüber, denn: Es gab überall Kollaborateure. Manche erzählen davon, wie sie sich über die als „boche“ bezeichneten Deutschen lustig machten, während andere vom Widerstand berichten. So Mancher aber sagt auch: „Ich habe keine Lust, dieses Thema immer und immer wieder auf den Tisch zu bringen. Sicher, ich habe den Krieg erlebt und darunter gelitten, aber das ist vorbei!“ Und dennoch sind es Geschichten, die erzählt und als Teil eines kollektiven Gedächtnisses bewahrt werden müssen.
Die kleine Hafenstadt an der französischen Mittelmeerküste blieb von 1942 bis 1944 besetzt und wurde nach der Bombardierung im Juni 1944 durch die Alliierten befreit. Der Hafen von Sète war in dieser Zeit für die Deutschen ein zentraler Punkt, vor allem um die im Norden Afrikas gelandeten Alliierten von einer Landung in Südfrankreich abzuhalten. 17000 Menschen waren schließlich vier Monate vor der Bombardierung gezwungen ins Hinterland zu gehen, während circa 2500 Menschen in der Stadt blieben. Von ihnen starben 47 Menschen bei der Bombardierung im Juni 1944.

Die Ausstellung setzt sich jedoch keineswegs nur mit dem geschichtlichen Aspekt auseinander. Es ist ein ehrgeiziges Projekt, welches über das Sammeln von Erinnerungen hinaus geht. Ziel ist es auch, den sozialen Aspekt in Einrichtungen wie Seniorenheimen stärker zu fördern, alten Menschen zuzuhören und ihnen wieder eine Stimme zu verleihen.
Jérôme Daeron, Ingenieur im Bereich Social Engineering, arbeitete bereits als Krankenpfleger in Seniorenheimen und kennt die Situation vieler Menschen in solchen Einrichtungen: „Die sicherheitsbezogene und medizinische Seite solcher Heime ersetzt den sozialen und humanistischen Aspekt. Das Personal ist überarbeitet und zahlreichen Zwängen unterworfen. Warum schenkt man einem Menschen in einem Heim nicht lieber zehn Minuten pro Tag, um ihm zuzuhören und eine Verbindung zur Außenwelt zu behalten, anstatt ihn zu zwingen, seine Medikamente zu nehmen oder sich zu duschen?“ Ein Aspekt, der im Rahmen des Projektes eine grundlegende Rolle spielte und die Basis für weitere Initiativen bildet.
Für 2015 haben sich Jérôme Daeron und Pauline Orain vorgenommen, eine Firma zu gründen, die sich der Begleitung alter Menschen, der Verbesserung ihrer Lebensqualität sowie der Aufwertung ihrer Rolle in der Gesellschaft widmet. Auch soll die Ausstellung, die über einen Zeitraum von vier Wochen über 500 Besucher anzog, ihren Weg in die Seniorenheime finden. Dort soll sie auch weiterhin für Schulklassen und andere Interessierte zugänglich bleiben.

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