Es muss nicht immer Paris sein!

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Viele Deutsche zieht es mittlerweile nach Frankreich, vor allem in die Hauptstadt und Kulturmetropole Paris. Ein Blick nach Montpellier verrät: Der Weg in den Süden lohnt sich auch.

© Stefanie Eisenreich. Erschienen im September 2014 bei FplusD.

Sie ist eine der größten Städte an der französischen Mittelmeerküste und verbindet mediterranes Lebensgefühl mit jungem Flair und einem großen kulturellen Angebot. Mit knapp 250.000 Einwohnern ist die Universitätsstadt circa acht Mal kleiner als Paris und dennoch hat auch sie Einiges zu bieten. Wer nach Montpellier kommt, ist verzaubert – von kleinen verwinkelten Gassen, alten Gebäuden, die von Tagen zeugen, als Rabelais und Molière durch die Hinterhöfe wandelten und einem mediterranen Charme, den 300 Sonnentage im Jahr gekonnt unterstreichen. Selbst wenn im Winter ein knackiger Mistral durch die Gassen fegt, nennt man Montpellier gern die Stadt, in der die Sonne niemals untergeht. Klingt kitschig? Ist aber so. Sie ist klein, aber dynamisch und kosmopolitisch. Kein Wunder also, dass es so manchen deutschen Nordisten in die charmante Metropole am Mittelmeer zieht. Genaue Zahlen gibt es nicht, das Deutsche Konsulat in Montpellier aber schätzt, dass sich bisher circa 2000 Deutsche in Montpellier und Umgebung niedergelassen haben. Ob es tatsächlich so viele sind, bleibt offen, Fakt ist aber, dass viele kommen und gehen, vom Deutschlehrer über die Erasmusstudentin hin zum Geigenbauer oder der Praktikantin auf der Suche nach Auslandserfahrungen.
Für Deutsche, die nach Montpellier, Heidelbergs Partnerstadt, kommen, ist das Heidelberghaus, deutsches Kulturinstitut im Zentrum der Stadt, oft die erste Anlaufstelle. Wem vielleicht noch die ein oder andere Sprachkenntnis fehlt, der kann sich hier Hilfe bei der Job- und Wohnungssuche holen, beim deutsch-französischen Stammtisch über deutsche Klischees und französische Vorurteile plaudern oder gleich ein Praktikum absolvieren.
Beliebt ist aber auch das mittlerweile weltweit bekannte Erasmus-Studium. Jedes Jahr aufs Neue kommen zahlreiche Studenten nach Montpellier, um hier ihr Auslandssemester zu absolvieren und vom Lebensgefühl des Südens zu kosten. „Die Stadt Montpellier ist herrlich! Schon ab dem ersten Tag war ich verliebt in all die kleinen bunten Gässchen mit den vielen Bars, Cafés, Boutiquen und Restaurants. Jung und Alt ist hier auf der Straße und lässt sich einfach treiben in den verwinkelten Straßen,“ schreibt eine ehemalige Erasmus-Studentin in ihrem Abschlussbericht. Und es stimmt: Es scheint zu jeder Zeit etwas für jeden Geschmack dabei zu sein, vor allem im Sommer. Festivals, Konzerte, Theaterstücke wechseln sich mit den beliebten Estivales, den regelmäßig stattfindenden Weinfesten, sportlichen Aktivitäten wie der FISE, einem internationalen Extremsportevent, oder dem Marathon von Montpellier ab. Hinzu kommt eine mittlerweile international bekannte Streetart-Szene.

Montpellier ist schön, wenn man einen Grund hat, hier zu bleiben.Friedrich Alber, Geigenbauer

Daneben gibt es zahlreiche deutsch-französische Organisationen wie etwa den deutsch-französischen Wirtschaftsclub RAFAL, den Éveil Franco-Allemand, der deutsch-französischen Kindern und Eltern dieMöglichkeit des Austausches bietet, den deutsch-französischen Freundeskreis für Montpellier und Umgebung, kurz AFAM, der Deutsche und Franzosen zusammenbringen möchte oder den Verein FAPS im Vorort Sommière, der wie das Heidelberghaus, deutsch-französische Veranstaltungen organisiert.
Nun gibt es eben jene, die für eine kurze Zeit in Montpellier verweilen und sie für das nutzen, was sie ist: eine jener Städte, die man auch als Durchgangsorte bezeichnet. Die Wenigsten legen sich fest und sagen, hier will ich bleiben. Zu hoch ist die Zahl der Arbeitslosen, zu niedrig die Löhne, zu jung der Altersdurchschnitt und Sonne allein kann den Schwierigkeiten des südfranzösischen Alltags mitunter auch nicht stand halten.
Daneben aber gibt es noch diejenigen, die in diesen südlichen Gefilden dennoch ein Zuhause fanden. Einer von ihnen ist Friedrich Alber, Geigenbauer mit Wurzeln in Süddeutschland, der seit 24 Jahren in Montpellier lebt. „Im Grunde war es nur ein Zufall, dass ich hier her kam,“ erzählt der sympathische Endvierziger. „Anfangs wusste ich noch nicht mal, wo Montpellier liegt, aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sehr viele aufgrund des guten Klimas kommen.“ Er hatte Glück und die Möglichkeit sich seine eigene Werkstatt aufzubauen. „Für mich ist klar: Montpellier ist schön, wenn man einen Grund hat, hier zu bleiben.“ Und den hatte er.
Auch Frauke Furthmann lebt seit knapp 30 Jahren im Süden Frankreichs. Nach einer neunjährigen Pause in Brüssel kam sie in ihre Wahlheimat Montpellier zurück, um sich dem Schauspiel und der Kunst zu widmen. Die leidenschaftliche Grafikerin betreibt mittlerweile gemeinsam mit anderen Künstlern die Maison de la Gravure Méditerranée, ein Kunstzentrum, das sich nicht nur als Galerie versteht, sondern auch als Ort, an welchem man Künstler bei der Arbeit beobachten kann. „Für mich war Frankreich immer sehr präsent,“ erzählt sie lächelnd. „Wahrscheinlich kam das durch meinen Großvater, der immer viel von seiner Liebe zu Frankreich erzählte und den ich leider sehr früh verloren habe. Paris hat mich nie angezogen, es musste auf jeden Fall der Süden sein, wegen des Lichts. Allerdings,“ so verrät sie noch, „würde es mich heute eher in die Türkei ziehen.“
Es mag jeder seine Gründe haben, nach Montpellier zu kommen und hier zu bleiben oder nicht. Die meisten kommen wohl aufgrund des mediterranen Klimas und gehen ob der fehlenden Arbeitsplätze. Eines aber ist sicher: eine Fahrt in den Süden Frankreichs lohnt sich immer.

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